Komponentenkrise: Distributoren und Hersteller warnen vor "ernstzunehmenden" Engpässen
Neben den massiven Preisanstiegen beobachten die Distributoren zunehmend auch Engpässe bei Speicher- und Speichermedien, Hersteller bestätigen volle Auslastung und leere Lager. Damit drohen die Server-, PC- und Storage-Geschäfte der Systemhäuser und Fachhändler noch deutlich volatiler zu werden, als sie es sowieso schon sind.
Sechs Jahre nach den durch die COVID-19-Pandemie ausgelösten Turbulenzen steht die Lieferkette für IT-Komponenten erneut unter Druck – diesmal wegen Engpässen bei Speicher und Speichermedien. In den vergangenen drei Monaten haben sich die Speicherpreise erneut verdoppelt und werden nach dem Dafürhalten von Branchenexperten wie HP-CFO Karen Parkhill voraussichtlich noch das ganze Jahr über weiter steigen. Nun erreichen die Auswirkungen dieser Turbulenzen in der Komponenten-Lieferkette, insbesondere im Speicher-Bereich, eine Dimension, in der sich der IT-Channel an einem Scheideweg sieht. Das bestätigten Führungskräfte von fünf wichtigen amerikanischen und globalen IT-Distributoren letzte Woche beim Global Technology Distribution Council (GTDC) Summit in Kalifornien gegenüber CRN. Da die Speicherpreise weiter steigen und die Vorräte zunehmend knapp werden, sehen die Distributoren sich und ihre Channel-Partner dazu gezwungen, durch eine von Unsicherheit geprägte Situation navigieren.
Auch von Seiten der Hersteller gehen die Signale klar in diese Richtung. Western-Digital-CEO Irving Tan erklärte diesen Monat im Rahmen des Finanzberichts zum zweiten Quartal 2026, dass das Unternehmen im Kalenderjahr 2026 praktisch keine Festplatten mehr auf Lager hat und dass die wichtigsten Kunden bereits zwei langfristige Verträge für 2027 und einen für 2028 abgeschlossen haben. Innerhalb weniger Monate hat sich der Markt gedreht und verbleibende Kapazitäten und Ware können von den Herstellern nun zu Höchstpreisen abgesetzt werden, sodass sich selbst große OEMs wie HPE und Cisco gezwungen sehen, ihre Preis- und Lieferbedingungen für die Partner dementsprechend anzupassen.
Channel-Partner, die bisher vor allem mit steigenden Preisen zu kämpfen hatten, kaum jedoch mit ernsthaften Lieferschwierigkeiten, sehen sich dadurch nun mit einer anhaltenden und umfassenderen Krise konfrontiert, die die Preise weiter in die Höhe treibt, Verfügbarkeiten noch schwerer kalkulierbar macht und Projektzeiten bedroht, mahnen die Distributions-Manager.
TD Synnex: "Wir machen uns keine Sorgen um B2B-Volumen"
Patrick Zammit, CEO von TD Synnex, sagte gegenüber CRN, dass IT-Anbieter aus seiner Sicht immer noch damit beschäftigt sind, zu versuchen, die Lage zu verstehen und zu managen. "Sie verändert sich täglich", berichtete Zammit (im Bild). "Es gibt ein Engpassproblem und einen großen Preisanstieg. Ich denke, der Preis ist ein noch größeres Problem als der Mangel. Wie werden die OEMs damit umgehen? Die Angebotsgültigkeit wurde drastisch von 30 auf 15 Tage verkürzt. Und das umstrittenste Thema ist: Wie groß ist heute der Auftragsbestand? Und wird er neu bepreist oder nicht?"
Laut Zammit ist die Nachbepreisung von Bestandsaufträgen ein zentrales Diskussionsthema zwischen Anbietern und Channel-Partnern geworden. "Wir werden mit einer Reihe von Anfragen der Anbieter konfrontiert und kämpfen natürlich für den Channel und sagen ihnen: ‚Vergangene Preise bleiben. Die Bestände dürfen nicht neu bepreist werden.‘ Wir verstehen die Herausforderung für die Zukunft, aber für die Vergangenheit nicht. Das ist wohl die größte Herausforderung beim Pricing im kurzfristigen Bereich. Wir sollten weitere Preiserhöhungen im Laufe des Jahres erwarten, denn alle Analysten und Experten sind sich einig, dass die Preissteigerungen noch nicht vorbei sind. Es wird weitere Erhöhungen geben, getrieben durch den Anstieg der Speicherpreise. Wir müssen darauf vorbereitet sein."
Zammit erwartet, dass die durchschnittlichen Verkaufspreise für Hardware dieses Jahr zwischen 10 und 20 Prozent steigen werden – oder sogar noch mehr. Während das Umsatzvolumen im Endverbraucherbereich wegen hoher Preiselastizität vermutlich stark leidet, sei dies im B2B-Bereich nicht der Fall. "Wir machen uns keine Sorgen um B2B-Volumen", sagte er. "Es wird zwar Auswirkungen geben, aber man muss PCs auf Windows 11-Kompatibilität umrüsten. Server müssen wegen neuer, effizienterer Generationen ausgetauscht werden. Endpoint-Security-Hardware muss aktualisiert werden. Switches im Rechenzentrum müssen für KI erweitert werden. Speicher muss für KI ausgebaut werden."
Arrow: "Es ist schwierig"
Eric Nowak, Präsident der Global Enterprise Computing Solutions von Arrow aus Centennial, Colorado, berichtete gegenüber CRN, dass sein Unternehmen wegen der Speicherknappheit bislang noch keine Auswirkungen auf die Verfügbarkeit gesehen habe. Hardware mache aber nur etwa 25 Prozent des Enterprise-Geschäfts aus. "Aber alle unsere Hersteller sagen uns, dass es immer schwieriger wird, die Lieferzeiten zu halten und Produkte zu bauen", so Nowak. "Wir haben intern eine Fertigung, AIS (Arrow Intelligent Solutions). Und ja, wir sehen die SSD- und Speicherknappheit. Wir versuchen, cleverer als die Konkurrenz zu sein und die Bestellungen zum richtigen Zeitpunkt zu platzieren. Aber es ist schwierig, absolut."
Ingram Micro: "Fokus und Übersicht über die Chancen"
Die grundlegende Herausforderung für IT-Distributoren ist laut Paul Bay, CEO von Ingram Micro, wie sich die Preiselastizität bei Speicher und anderen Komponenten, deren Preise steigen, entwickelt. "Wie das die Endkundennachfrage beeinflusst, ist noch offen, denn wir stehen gerade erst am Anfang, bis sich das alles durch das komplette System zieht", konstatierte Bay gegenüber CRN. Die IT-Distribution habe solche Herausforderungen aber schon öfter gemeistert.
Laut Bay hängt das Management und die Umwandlung in Chancen davon ab, welche Geschäftsergebnisse Lösungsanbieter für ihre Endkunden erzielen wollen. "Wir sind nicht auf einen Weg festgelegt", unterstreicht er. "Das erfordert mehr Fokus und Übersicht über die Chancen. Als Ökosystem müssen wir klar agieren: Hersteller zu Ingram, Ingram zu Kunden und letztlich zum Endkunden. Wir können Bedingungen managen. Das tun wir schon. Jeder hat eine eigene Herangehensweise. Die Hersteller haben unterschiedliche Perspektiven, je nach Wettbewerbsvorteil. Das Gute ist, wir sitzen mitten in der IT – falls eine Methode besser ist, können wir sie nutzen. Wenn nicht, ergänzen wir das Angebot."
Exclusive Networks: "Verlängerte Lieferzeiten"
Exclusive Networks hilft seinen Channel-Partnern, ihre Pipelines zu analysieren und mit Endkunden die richtigen Strategien zu entwickeln, um Projektstörungen zu minimieren, wie Jason Beal, Präsident der Americas bei Exclusive Networks, berichtet. "Wir arbeiten mit unseren Herstellern aus Sicht der Lieferkette zusammen, wenn sie unsere Lagerbestände nutzen möchten, um Rückstände bei ihren Großkunden zu vermeiden", sagte Beal. "Wir spielen eine wichtige Rolle, weil wir sowohl Software als auch Hardware verkaufen und müssen sehr proaktiv und strategisch mit Partnern und Herstellern arbeiten, damit Lieferprobleme die Endkunden möglichst wenig betreffen."
Exclusive Networks habe bereits beobachtet, dass einige Herstellerpartner in Nordamerika und weltweit die Preise erhöhen, so Beal weiter. "Das können wir auf jeden Fall bestätigen", sagte er. "Wir hatten noch keine Situation mit fehlendem Lagerbestand. Was wir hören, sind verlängerte Lieferzeiten. Ich kann sagen, wir sehen Preiserhöhungen über das gesamte Portfolio, aber keine Lagerengpässe oder Rückstände, dafür aber längere Lieferzeiten."
D&H Distributing: "Bald erkennen, dass es ernst ist"
Jason Bystrak, Senior Vice President des Geschäftsbereichs Advanced Solutions bei D&H Distributing aus Pennsylvania, warnte, dass einige Channel-Partner und Kunden das Ausmaß des Problems noch immer nicht anerkennen, während sie sich auf Verschärfungen der Preiserhöhungen und Engpässe vorbereiten sollten. "Ich denke, es steht zu befürchten, dass das bevorsteht", konstatierte Bystrak. "Das ist nur meine Meinung, aber einige überlegen angesichts der Anpassungen bei den Richtlinien und so weiter bereits, Projekte zu verschieben. Dennoch verharren einige in einer Art Unglauben: ‚Ach, die Preise sind doch gar nicht so sehr gestiegen. Nächste Woche rufst Du mich eh wieder an und sagst, nächsten Monat wird’s billiger.‘ Nach dem zur urteilen, was wir hören, werden diese Leute bald erkennen, dass es ernst ist. Es könnte im Frühjahr eine erhöhte Nachfrage geben und daraus resultierend ernstzunehmende Engpässe in der zweiten Jahreshälfte."
Darüber hinaus verschärfen die Cloud-Hyperscaler aus Bystraks Perspektive die Knappheit gleich in mehreren Bereichen, indem sie große Bestellungen für Festplatten, SSDs und Speicher abschließen und OEMs mit dem Rest kämpfen lassen. "Die SSDs sind ein weiteres Feld, in dem Hyperscaler den Markt leer kaufen und so die Versorgung für andere begrenzen", führte er aus. "Das ist ähnlich wie beim Speicher. Wir verkaufen einige Komponenten, und die Preise ändern sich, die Versorgung könnte knapp werden. Vieles läuft aber auch über unsere OEM-Partnerschaften."
Für Channel-Partner ist der Mangel an Speicher und Speicherprodukten also kein fernes Problem mehr. Verzögerungen und Preisanstiege machen sich bereits bemerkbar, insbesondere bei Partnern mit geringen Margen oder langfristigen Verträgen. Distributoren berichten, dass viele Partner gezwungen sind, Angebote zu überarbeiten, Projektzeiten anzupassen und sogar Deals neu zu verhandeln, da die Kosten steigen.
Distribution nimmt Schlüsselrolle ein
Mindestens zwei Distributoren – TD Synnex und Arrow – haben eigene Integrationsgeschäfte, die ihnen mehr Einblick in Komponentenverfügbarkeit und Preise geben. TD Synnex konnte durch das Hyve-Integrations- und Deployment-Geschäft im vergangenen Herbst frühzeitig Veränderungen in der Lieferkette erkennen, so Zammit. "Hyve unterstützt Hyperscaler", sagte er. "Hyperscaler treiben die Nachfrage. Dadurch hatten wir Einblick. Wir konnten Lager aufbauen und Kunden sehr gut unterstützen. Aber dieser Vorteil wird mit der Zeit schwinden."
Arrows AIS-Geschäft muss laut Nowak "gegen alle" kämpfen, um die benötigte Versorgung zu erhalten. "Momentan haben wir keine Sicherheit", sagte er. "Wir bestellen Festplatten oder Speicher, aber die Anbieter geben uns keine Lieferzeit an. Sie tun, was sie können, und wir nehmen die Ware, sobald sie kommt. Wir nehmen viele Vorbestellungen an, und sehen, dass Kunden ebenfalls früh bestellen, weil sie wissen, dass die Lieferzeiten steigen werden. Sie wissen auch, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit im Jahresverlauf immer schlimmer wird. Wir sehen momentan proportional mehr Hardware-Bestellungen als Software-Bestellungen. Die Leute müssen beides bestellen, fangen aber mit Hardware an und hoffen auf kürzere Lieferzeiten."
Am Ende spielt die Distribution laut Jason Beal (Exclusive Networks) eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung von Problemen rund um Engpässe und daraus resultierende Preisanstiege. "Partner können sich auf die Distribution verlassen, um Klarheit in ihre strategische Planung zu bringen", versprach Beal. "Wir arbeiten mit unseren Partnern, damit sie bei Preiserhöhungen der Hersteller, bei Änderungen oder Einschränkungen der Angebotsgültigkeit informiert sind und darauf reagieren können. Manche verpassen vielleicht auch eine Mitteilung des Herstellers. Wir haben die Gelegenheit und die Verantwortung, sicherzustellen, dass sie von Änderungen der Geschäftsbedingungen erfahren und nicht zwischen Hersteller und Endkunde geraten."
Dieser Artikel erschien zuerst bei unserer Schwesterpublikation crn.com.
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