Komponentenkrise: Hardware-Channel am Scheideweg

Die knappen Verfügbarkeiten von Speicher, CPUs und anderen Bauteilen schlagen sich nicht mehr nur auf die Preise nieder, sondern bringen zunehmend auch den Absatz über den Channel durcheinander. Während Infrastruktur für KI-Datacenter weiter hoch begehrt ist, lässt das Kaufinteresse bei anderer Hardware wie PCs spürbar nach.

(Foto: Moor Studio - GettyImages)

Mit jedem Monat, den der Channel weiter ins Jahr 2026 vorrückt, werden die Auswirkungen der Komponentenkrise noch deutlicher sicht- und spürbar. War das Thema für die Reseller und ihre Kunden zunächst vor allem die steigenden Preise für Speicher und andere Komponenten, kamen im zweiten Schritt zunehmende Verknappungen hinzu. Diese veranlassten einige OEM-Hersteller zu harten Anpassungen in ihren Partner-Konditionen, sodass geordnete Angebote und Kalkulationen für Projekte inzwischen kaum mehr möglich sind und erheblichen zusätzlichen Aufwand sowie ein entsprechend größeres Ausfallrisiko bedeuten.

Die Hersteller berichten ihrerseits trotz dieser schwierigen Situation von einer ungebremsten Nachfrage. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn tatsächlich kommt die gigantische Nachfrage vor allem aus einer ganz bestimmten Richtung, während es in anderen Bereichen durchaus Probleme mit einer verhaltenen oder gar sinkenden Investitionsbereitschaft gibt.

Das bestätigen nun auch die neusten Zahlen der Analysten von Context. Diesen Zufolge ist der europäische IT-Distributionsmarkt im vergangenen Jahr mit 5,2 Prozent deutlich stärker gewachsen als die ursprünglich prognostizierten 3,6 Prozent. Im Jahr 2026 wird dieses Wachstum der Prognose zufolge allerdings auf nurmehr 2,1 Prozent zurückfallen – trotz der weiterhin enorm starken Nachfrage im KI- und Rechenzentrumsbereich, aufgrund der etwa die Umsätze mit Servern um weitere 7,7 Prozent zulegen sollen.

Neusortierung des Channels

Dieses Auseinanderdriften der Teilmärkte hat mehrere Gründe. Einer davon ist die zunehmende Ausrichtung der Produktions- und Lieferkapazitäten entlang der margenstarken Nachfrage. Während diese Verlagerung den Herstellern hilft, ihre Margen hoch zu halten, indem sie den enormen Hardwarehunger der Hyperscaler für ihre neuen KI-Gigafactories bedienen, werden die betroffenen Produkte wie Speicher und CPUs im Midrange- und noch mehr im Einstiegssegment sowie in anderen Hardware-Bereichen umso knapper und teurer.

"Die Nachfrage nach Spezialkomponenten für KI-Infrastruktur zieht Produktionskapazitäten aus anderen Hardwarebereichen ab", fasst Aaron Smith, Senior Analyst bei Context, zusammen. "Deshalb beginnen sich Preise, Verfügbarkeit und Kaufverhalten im IT-Channel völlig neu zu sortieren."

Das wiederum führt unmittelbar zu einem weiteren Effekt in Form einer Verlagerung von Investitionen. Im vierten Quartal führte das zunächst zu einer Nachfragespitze mit 6,2 Prozent Wachstum, mit der sich Reseller und Kunden bei wichtigen Produkten und Projekten vor bereits absehbaren den Preissteigerungen schützen wollten. Im Nachgang führt das nun allerdings abseits der KI-Giga-Datacenter oft zu einer Verlagerung von Investitionen in die Zukunft, indem vorhandene Hardware länger als geplant genutzt wird, um die Mittel für ebenfalls verteuerte dringlich benötigte Anschaffungen freizumachen.

Aufschwung und Absturz im PC-Markt

"KI-Investitionen sind inzwischen groß genug, um die gesamte technologische Lieferkette zu beeinflussen." Aaron Smith, Senior Analyst, Context (Foto: Context)

Ein weiterer Grund für die verhaltene Entwicklung abseits der Groß-Rechenzentren ist das Abflauen des Erneuerungszyklus für PCs nach dem Auslaufen des Supports für Windows 10 im vergangenen Jahr. War diese Entwicklung zwar grundsätzlich erwartbar, verläuft sie durch die Einwirkung der Komponentenkrise nun allerdings deutlich heftiger als erwartet. Context zufolge sind die Umsätze mit Desktop-Computern 2025 im Vergleich zum Vorjahr um rund 27 Prozent gestiegen. Umso drastischer dürfte der Absturz in diesem Jahr sein.

Hinzu kommt, dass sich die Hoffnungen auf eine Fortsetzung der Austauschwelle in Form eines Umstiegs der Unternehmen auf KI-PCs nur sehr bedingt erfüllen. Denn gerade bei solchen gut ausgestatteten Geräten machen sich die Preissteigerungen deutlich bemerkbar und überschreiten dadurch schnell die Schwelle der zusätzlichen Investitionen, die Unternehmen bereit sind dafür aufzuwenden. Zumal ihrer steigenden Kosten für größere Infrastruktur und KI-Lösungen sowie angesichts der angespannten wirtschaftlichen Gesamtlage.

Ein Markt, zwei Richtungen

Der Channel muss sich demnach für das laufende Jahr auf ein zunehmend gespaltenes Marktbild einstellen. Auf der einen Seite stehen die hohen Investitionen in KI-Projekte und die dahinterstehenden Datacenter-Infrastruktursegmente bei Herstellern, Dienstleistern und Kunden. In deren Fahrwasser gewinnen aber auch Security-Dienste und Lösungen stark an Bedeutung, mit denen sich Unternehmen sowohl gegen die wachsende externe Bedrohung durch KI-gestützte Angriffe schützen als auch die eigenen Agenten einhegen müssen. Für sie erwartet Context ein ähnlich starkes Wachstum wie im Server-Bereich (7,7 Prozent).

Auf der anderen Seite fallen dafür jedoch immer häufiger Hardware-Kategorien mit Versorgungsdruck und steigenden Kosten herunter, die in die Zukunft verschoben werden. Je nach Portfolio kann diese Situation für Channel-Akteure also genauso verheißungsvoll sein, wie auch eine harte Bewährungsprobe. "KI schafft nicht mehr nur eine neue Infrastruktur-Kategorie", konstatiert Smith. "Sie beginnt, das Verhalten des gesamten Hardwaremarktes zu beeinflussen – vom Lieferkettenmanagement und Preisgestaltung bis hin zur Priorisierung von IT-Investitionen in Unternehmen."

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