Anthropic überholt OpenAI
Während OpenAI sich in Diskussionen über seine kommerzielle Ausrichtung und einen möglichen Börsengang verfängt, schafft Anthropic Tatsachen und reicht seinen Antrag bei der SEC ein. Nicht das einzige Gebiet, auf dem der ChatGPT-Konzern in den letzten Wochen seine Vormachtstellung eingebüßt hat. Dem Channel und seinen Kunden kann der zunehmende Wettbewerb im KI-Umfeld nur recht sein.
Nachdem OpenAI den aktuellen KI-Hype mit der Veröffentlichung von ChatGPT losgetreten hatte, konnte sich das Unternehmen umgehend eine Vormachtstellung auf dem Gebiet sichern. Neben technischen Vorteilen der LLM wurde diese unter anderem durch die enge Kooperation mit Microsoft zementiert. Inzwischen hat sich die KI-Welt jedoch grundlegend gewandelt. Mehrere Konkurrenten buhlen heute auf ähnlichem Niveau um die Gunst der Anwender und Kunden. Diese verlangen inzwischen offene Lösungen, die mit mehreren Modellen genutzt werden können, um so das jeweils effizienteste Modell nutzen und zugleich Abhängigkeiten vermeiden zu können. Eine Entwicklung, die auch OpenAI und Microsoft inzwischen dazu gebracht hat, mehr auf Abstand zu gehen.
Der Konkurrent, der davon bislang am stärksten profitieren konnte, ist das von ehemaligen OpenAI-Mitarbeitern gegründete Anthropic. Nicht nur mit seinem bekanntesten LLM Claude macht er ChatGPT zunehmend das Leben schwer, vor allem in Spezialbereichen wie Coding und Code-Security bekamen seine Modelle wie Claude Security und Claude Mythos zuletzt viel Lob und Aufmerksamkeit und gelten derzeit zumindest als ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen. Just in jenen Bereichen also, mit denen sich aktuell tatsächlich Geld verdienen lässt, da sie von einer stark wachsenden Nachfrage aus dem Unternehmensumfeld geprägt sind, die sich zudem leistungsbasiert abrechnen lässt, während die Chatbot-Abos für ChatGPT und Co noch immer viele Privatkunden erreichen und zudem weit davon entfernt sind, kostendeckend angeboten werden zu können.
Anthropic: Gewaltiger Sprung bei Umsatz und Bewertung
Wie gut dieser Fokus auf KI für Softwareentwicklung und Sicherheit im Unternehmenskontext wirtschaftlich trägt, zeigte sich vor wenigen Tagen bei der jüngsten (H-) Finanzierungsrunde, in der Anthropic weitere 65 Milliarden US-Dollar einsammeln konnte. Damit hat sich die Bewertung innerhalb weniger Monate von 380 (Februar 2026) auf 965 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt und OpenAI hinter sich gelassen, das aktuell mit 852 Milliarden Dollar bewertet wird. Dahinter steht ein Wachstum des Umsatzes (Run Rate) von 14 auf 45 Milliarden Dollar in der gleichen Zeit, während es OpenAI hier aktuell auf 30 Milliarden Dollar bringt. Dadurch erwartet Anthropic nun auch schon deutlich früher den Beak Even zu erreichen und noch in diesem Jahr profitabel zu werden.
Diesen starken Rückenwind will Anthropic nun direkt nutzen, um mit viel Schwung an die Börse zu gehen. Wie der Anbieter Anfang der Woche mitteilte, hat er die entsprechenden vertraulichen Unterlagen für ein IPO (Initial Public Offering) von Stammaktien bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht. "Das gibt uns die Möglichkeit, an die Börse zu gehen, sobald die SEC ihre Prüfung abgeschlossen hat", erklärte Anthropic dazu. Natürlich nicht, ohne bereits dem entsprechenden Berichtston entsprechend hinzuzufügen, der Börsengang hänge fernen "von den Marktbedingungen und anderen Faktoren ab". Soweit öffentlich, wurden Anzahl und Preis der angebotenen Aktien dafür bislang noch nicht festgelegt. In jedem Fall kommt man damit OpenAI zuvor, dessen Börsenpläne bislang nicht zuletzt am Streit um die Organisationsform und deren kommerzielle Ausrichtung scheiterten.
Doch auch Anthropic ist nicht ganz so unabhängig und frei, wie es glauben machen will. Im Vordergrund steht dabei vor allem eine sehr enge Kooperation mit Amazon und Google, denen jeweils rund 15 Prozent der Anteile gehören sollen und deren Infrastruktur Anthropic bevorzugt nutzt. Im Falle von Google kommt dazu noch eine Präferenz für dessen Tensor-TPUs, was die Verbindung noch deutlich enger werden lässt. Schon jetzt lässt sich der Einfluss von Anthropic auf Googles Cloud-Umsatz beobachten. Auch hier droht also schon wieder ein Lock-in.
AI-Konzerne drängen mit Macht und Geld in den Channel
Für den Channel ist all das insgesamt eine positive Entwicklung. Er profitiert von der wachsenden Konkurrenz und in zunehmendem Maße auch von der direkten Zuwendung der Anbieter, die es trotz eigener Bemühungen nicht schaffen können, den rasant zunehmenden Bedarf allein zu decken. Gerade erst hat Anthropic damit begonnen, ein mit 100 Millionen Dollar ausgestattetes Partnerprogramm mit entsprechenden Zertifizierungen, Deals und Incentives für Claude auszurollen. Damit will man seine Position als KI-Anbieter unterstreichen, der "sich weltweit am stärksten für das Partner-Ökosystem einsetzt", wie der von Salesforce geholte Channel-Chef Steve Corfield gegenüber CRN erklärte. In Deutschland steht den Partnern mit Lukasz Chlipala auch regional ein versierter Channel-Manager zur Seite.
Doch auch OpenAI setzt viel auf Vertriebspartnerschaften und hat dazu unter anderem Google Clouds ehemalige Channel-Managerin Colleen Kapase sowie zuletzt den bisherigen CEO von Salesforce AgentExchange, Brian Landsman, angeworben. Auch sie sollen ein konkurrenzfähiges Partner-Ökosystem aufbauen, um die enorme Nachfrage über die Partner in reales Geschäft und Wachstum umsetzen zu können. Selbst Elon Musks Space Exploration Technologies Corp., kurz SpaceX, will laut seinen IPO-Einreichungen in den KI-Bereichen um xAI und Grok "über Channel-Partner in ausgewählten Regionen expandieren" und holte dafür Jackie Smith von Cisco als Head of Strategic Partnerships an Bord.
Die Investment-Spezialisten von Wedbush erwarten, dass die Börsengänge der drei großen KI-Konzerne "die Schleusen für den IPO-Markt zu öffnen, der in den vergangenen Jahren vergleichsweise träge war" und dazu beitragen werden, den Markt für KI weiter zu vergrößern. Beste Aussichten also auch für alle aktiven Mitspieler im IT-Channel, zumindest wenn sie sich nicht selbst in einen Lock-in begeben. Denn auch das verdeutlicht Anthropics rasantes Überholmanöver nur allzu deutlich: Im KI-Bereich können sich Gewichte schneller verschieben als irgendwo sonst, und innerhalb weniger Wochen für völlig neue Voraussetzungen sorgen.
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