CEOs zu den Wachstumsplänen von Also und Westcoast
Die Übernahme der Westcoast-Aktivitäten in Großbritannien, Irland und Frankreich hat Also einen großen Schub gebracht. Gegenüber CRN erklären die Top-Manager der beiden Distributoren, wie das auch Westcoast beflügelt und wie sie dieses Momentum strategisch weiter ausbauen wollen.
Also wurde in der Schweiz gegründet, ist aber längst über die Alpen hinausgewachsen und inzwischen in Nordamerika, dem Nahen Osten und Zentralasien aktiv. Trotz dieser internationalen Expansion bleibt Europa der wichtigste Wachstumsmarkt des Distributors. Im Gespräch mit CRN nach den Q1-Zahlen des Konzerns sagt CEO Wolfgang Krainz, Also sehe innerhalb seiner bestehenden europäischen Präsenz erhebliches Entwicklungspotenzial. Treiber seien weiterhin die Cloud-Adoption, das Commercial-Geschäft und die Transformation der Reseller. "Unser Hauptwachstumsfokus liegt in Europa und EMEA", unterstrich er. "Wir glauben, dass es in diesen Märkten ein sehr starkes Potenzial gibt, unser Geschäft weiter auszubauen."
Der Konzernumsatz stieg im Jahresvergleich um 31 Prozent auf 4,3 Milliarden Euro. Der Nettogewinn legte um 69 Prozent zu, das EBITDA stieg um 46 Prozent auf 89 Millionen Euro. Angetrieben wurde die Dynamik nach Unternehmensangaben durch die Kernmodelle Supply, Solutions und Services sowie durch abgeschlossene Übernahmen, den Fokus auf margenstärkere Angebote und eine optimierte Lagerhaltung.
[siehe auch: Also reagiert auf Börsenbeben vom Februar]
Nicht zuletzt trug auch die Übernahme der Westcoast-Aktivitäten in Großbritannien, Irland und Frankreich einen ordentlichen Teil zu diesem Wachstum bei. Die Transaktion war 2024 angekündigt und Anfang 2025 von den europäischen Regulierungsbehörden freigegeben worden, seit dem 1. März vergangenen Jahres wird sie offiziell in die Also-Finanzzahlen einbezogen. Etwas über ein Jahr später sagen Führungskräfte beider Organisationen nun, dass der Fokus nicht mehr auf der Transaktion selbst liege, sondern darauf, wie das kombinierte Geschäft seine größere Skalierung, sein Hersteller-Ökosystem und seine erweiterte geografische Reichweite für künftiges Wachstum nutzen kann. Im Zentrum dieser Strategie steht Großbritannien. "Großbritannien ist eine der mit Abstand größten Landesorganisationen innerhalb des Konzerns", sagt Krainz.
Alsos Strategie: Aufbau auf Westcoasts britischem Fundament
Für Sunil Madhani, CEO von Westcoast, gehört zu den größten Vorteilen des Zusammenschlusses mit Also die Möglichkeit, auf Fähigkeiten zurückzugreifen, die sich eigenständig nur schwer hätten aufbauen lassen. "Als Privatunternehmen wären wir ohne größere Investitionen bei ERP, Plattformen und Web-Präsenz eingeschränkt gewesen", führt er gegenüber CRN aus. "Jetzt können wir als Teil einer größeren Gruppe alles nutzen, was Also in EMEA aufgebaut hat."
Das Geschäft in Großbritannien und Irland erwirtschaftet derzeit rund 4 Milliarden Euro Umsatz. Rund zwei Drittel dieses Geschäfts entfallen auf B2B-Aktivitäten, das übrige Drittel auf das Retail-Geschäft. Statt allein auf die Zahl der Partner zu schauen, sagt Madhani, böten Umsatzmix und Geschäftsstruktur ein aussagekräftigeres Bild der Marktposition des Unternehmens. Dennoch bleibe das Retail-Geschäft ein wesentlicher Bestandteil der Westcoast-Aktivitäten und eine der Grundlagen, auf denen das Unternehmen seinen Ruf aufgebaut hat. "Die Retail-Landschaft in Großbritannien ist seit vielen Jahren unser Geschäft", erklärt er. "Unternehmen wie Argos, AO.com und John Lewis sind für uns sehr wichtig. Wir sind sehr stolz darauf, seit Jahrzehnten ein wichtiger Teil dieses Lieferökosystems für den Einzelhandel zu sein."
Auf Konzernebene gewinnen die Commercial-Aktivitäten weiterhin als Wachstumstreiber an Bedeutung. "Das Commercial-Geschäft macht deutlich mehr als 50 Prozent unserer Geschäftstätigkeit aus", berichtet Krainz. "Das ist eine unserer größten Wachstumsambitionen für die Zukunft."
Also und Westcoast über ihre "katalytische Integration"
Während Übernahmen oft zu einer weitreichenden operativen Standardisierung führen, hat Also bei Westcoast bewusst einen anderen Ansatz gewählt. Statt dem Unternehmen konzernweite Strukturen aufzuzwingen, setzte Also nach eigener Darstellung auf ein Modell der "katalytischen Integration", das Agilität bewahren und zugleich den Austausch von Fachwissen innerhalb der gesamten Organisation fördern soll. "Wir sahen das Risiko, Also-Prozesse auf Westcoast zu übertragen, weil Westcoast sehr erfolgreich und sehr gut geführt ist", erklärt Also-COO Thomas Meyerhans gegenüber CRN. "Wir wollten sicherstellen, dass wir die Agilität nicht verlieren, die dieses Unternehmen auszeichnet."
Diese Philosophie hat Entscheidungen in mehreren Bereichen der Organisation geprägt. "Am Anfang fragte sich jeder, ob wir SAP bei Westcoast einführen würden", ergänzt Meyerhans. "Für Westcoast haben wir entschieden, das nicht zu tun." Stattdessen konzentrierte sich Also darauf, Reporting- und Betriebsstrukturen zu verknüpfen und zugleich die bestehende ERP-Umgebung von Westcoast beizubehalten.
Die Integration ging zudem über Systeme hinaus. Laut Madhani ist das Führungsteam von Westcoast UK und Irland inzwischen direkt an die Senior-Management-Struktur von Also angebunden. Mehrere britische Führungskräfte haben darüber hinaus gruppenweite Verantwortlichkeiten übernommen und arbeiten in den Bereichen Recht, Finanzen, Operations, Marketing und Kompetenzzentren. Ziel ist es demnach, den Austausch bewährter Verfahren und von Know-how innerhalb der Organisation zu erleichtern, statt ein einheitliches Betriebsmodell zu erzwingen.
Strukturelle Veränderungen in Europa
Das Integrationsprogramm läuft weiter und verändert Teile des Gesamtunternehmens nach wie vor. Eine der wichtigsten Entwicklungen betrifft Westcoast Frankreich, das von Westcoast getrennt wurde und derzeit in Also Frankreich integriert wird. Der Abschluss ist bis Ende des ersten Halbjahres 2026 geplant. Parallel dazu werden Westcoast Cloud und Also Cloud UK zu einer einzigen Organisation mit einheitlicher Managementstruktur und harmonisierten Systemen zusammengeführt. Auch hier wird der Abschluss bis Ende des ersten Halbjahres des Geschäftsjahres 2026 erwartet.
Laut Madhani trägt die Abstimmung über IT-, Operations-, Finanz-, Vertriebs-, Produkt- und Marketingfunktionen hinweg dazu bei, die Servicebereitstellung für Hersteller und Kunden zu stärken und zugleich intern bessere Entwicklungsmöglichkeiten für Mitarbeitende zu schaffen.
Die Beziehung beeinflusst auch die Zusammenarbeit mit Herstellern. Madhani zufolge hat die Aufnahme neuer Lieferanten in den vergangenen zwölf Monaten für Westcoast historisch hohe Werte erreicht, unterstützt durch den Zugang zu Alsos breiterem internationalem Ökosystem und dessen Marktreichweite. Der Distributor arbeitet weltweit derzeit mit mehr als 800 Herstellern zusammen und unterhält Beziehungen zu über 140.000 Resellern. "Wir schauen laufend auf Marktchancen, Wachstumsfelder und Trendtechnologien", sagt Krainz. "Ziel ist es, sicherzustellen, dass wir Resellern immer die neuesten Technologieentwicklungen anbieten."
Die Cloud-Marketplace-Plattform des Distributors treibt die Expansion voran
Eines der deutlichsten Beispiele für die Vorteile des Zusammenschlusses ist das Cloud-Geschäft. Westcoast hatte bereits rund ein Jahrzehnt vor der Übernahme auf die Cloud-Marketplace-Technologie von Also gesetzt. "Der Schritt davon, diese Plattform zu mieten, hin dazu, tatsächlich Teil dieses Ökosystems zu sein, verschafft uns deutlich mehr Hebelwirkung", bekräftigt Madhani.
Cloud hat sich zu einem der wichtigsten strategischen Vermögenswerte von Also entwickelt und dient zunehmend als Grundlage für die internationale Expansion. Der Distributor erzielte im vergangenen Jahr 1,6 Milliarden Euro über seinen Cloud Marketplace und nutzt Cloud-Services weiter als Eintrittspfad in neue Regionen. Das Unternehmen hat Aktivitäten in Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kasachstan, Usbekistan und Aserbaidschan gestartet und baut zugleich sein US-Geschäft rund um den Cloud Marketplace weiter aus. "Wir prüfen laufend Regionen, in denen wir mit unserem Angebot starten könnten", so Krainz. "Es gibt keinen besseren Start als mit Cloud-Marketplace-Aktivitäten, weil wir damit bei kontrollierten Investitionen den Markt testen können."
Also sieht in unterschiedlichen Reifegraden der Cloud-Nutzung in Europa zudem erhebliche Chancen für weiteres Wachstum. "Es gibt große Cloud-Länder mit hohen Adoptionsraten wie die skandinavischen Länder, und es gibt Länder mit großem Potenzial für höhere Cloud-Nutzung und As-a-Service-Geschäftsmodelle", führt Krainz aus. "Genau darin liegt eine der Wachstumschancen der Also Group in den kommenden Jahren."
Starke Dynamik im gesamten Konzern
Die Aussagen fallen in eine Phase, in der Also weiter starke Finanzzahlen vorlegt. Krainz zufolge verzeichneten alle drei Kernsäulen des Distributors – Supply, Solutions und Services – im ersten Quartal Wachstum. "Es gab kein Land, das außergewöhnlich herausgestochen hätte, aber es sah so aus, als hätte sich das Ökosystem beziehungsweise der ICT-Sektor insgesamt gut entwickelt und sehr starke Ergebnisse im ersten Quartal geliefert", sagt er.
Das Unternehmen meldete im Quartal ein Plus von mehr als 60 Prozent beim Nettogewinn im Jahresvergleich. Während die fortgesetzte Konsolidierung von Westcoast zu diesen Zahlen beitrug, stammt der Großteil des Anstiegs laut Krainz aus der operativen Entwicklung. "Der Konsolidierungseffekt trägt weniger als ein Drittel zum Jahresüberschuss im Vorjahresvergleich bei, zwei Drittel entfallen auf operatives Wachstum und operative Profitabilität." Der Distributor erklärt, dass sich die Dynamik auch im zweiten Quartal fortgesetzt hat. "Auch der April zeigt eine gute Dynamik, und wir befinden uns jetzt in den ersten Maitagen, sodass es ebenfalls danach aussieht, als würden wir den erfolgreichen Start in das Jahr 2026 fortsetzen."
Wie geht es weiter mit Alsos M&A-Ambitionen?
Trotz der Größenordnung der Westcoast-Fusion sagt Also, dass das Unternehmen bei Fusionen und Übernahmen weiter aktiv bleibt. "Unser M&A-Team ist nach der Westcoast-Transaktion nicht in den Ruhestand gegangen", bestätigt Krainz. Das Unternehmen prüft weiterhin Chancen sowohl bei der geografischen Expansion als auch bei spezialisierten Technologiekompetenzen. "Ein Ansatz ist Marktanteil, Land für Land", erklärt der CEO. "Der andere besteht darin, spezialisierte Technologie-Distributoren zu identifizieren, die unser Ökosystem ergänzen könnten."
Dieser Artikel erschien zuerst bei unserer Schwesterpublikation CRN UK.
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