Pax8-CEO über den IT-Service-Markt: "Es entsteht eine neue Branche"
Keine Untergangsstimmung auf der Beyond in Kopenhagen – im Gegenteil. Pax8-CEO Scott Chasin sprüht vor positiver, mitreißender Energie und erklärt, warum kleine IT-Dienstleister eine große Zukunft haben. Er sei ein "großer Optimist", so Chasin im CRN-Interview. KI ist für ihn mehr Chance als Risiko.
Pax8 ist überzeugt, dass der MSP-Markt vor seiner nächsten großen Evolution steht, da KI-Agenten für Partner eine neue Kategorie von "Managed Intelligence"-Services schaffen. Auf der Pax8 Beyond EMEA-Konferenz 2026 vergangene Woche sagte CEO Scott Chasin gegenüber CRN, dass die wachsende Komplexität rund um KI-Agenten, Sicherheit und Governance für Partner eine neue Managed-Services-Chance eröffnen könnte. "Wir haben die Chance bekommen, KI zum Guten zu nutzen. Was wir bei Pax8 versuchen, ist, diese neue Branche zu beflügeln, damit jedes kleine Unternehmen die Möglichkeit hat, ein großes Unternehmen zu werden und eine agentische Belegschaft zu nutzen, die es mit der Geschwindigkeit seiner Ambitionen voranbringen kann."
Keine Grabrede, kein Grabstein, stattdessen: 400 Mio. Kunden weltweit!
An der Beyond in Kopenhagen nahmen 1.700 Gäste teil, darunter rund 1.100 MSPs vorwiegend aus Europa. Auffällig an der Konferenz des US-Marketplace-Anbieters, der nach Berlin und Amsterdam seine 3. EMEA-Konferenz in der dänischen Hauptstadt abhielt, ist: Es herrschte durchweg ein positiver Grundtenor. Anders als auf Systemhaus-Events in Deutschland, wo bisweilen Trauerredner auftreten und Grabsteine gezeigt werden ("Hier ruht das klassische Systemhaus"), gab es unter den 90 Punkten auf der Agenda der Beyond 2026 keinen einzigen Beitrag, der das Verschwinden kleiner IT-Dienstleister, also der Kernzielgruppe von Pax8, thematisiert hätte.
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Zuletzt kam die Zukunftsfähigkeit der IT-Service-Branche auch auf dem Branchentreffen Canalys in Barcelona zur Sprache. Für Aufsehen sorgte die Marktanalyse von Alastair Edwards. Der hatte erklärt, dass die Transformation durch KI, Automatisierung und veränderte Kundenanforderungen eine beträchtliche Zahl der heutigen Channel-Partner in EMEA innerhalb der nächsten Jahre verschlucken werde. "Bis 2030 werden voraussichtlich bis zu 30 Prozent der bestehenden Partnerlandschaft nicht mehr in ihrer heutigen Form existieren", so der Chefanalyst von Omdia.
Auf der Beyond hörte man stattessen immer wieder diese Zahl: Mehr als 400 Mio. KMU weltweit. Das sei die Zahl der potenziellen Kunden der Systemhäuser und MSPs. Da viele kleine und mittelständische Betriebe über kein eigenes IT-Personal verfügten, seien sie auf externe Dienstleister angewiesen.
Für den Pax8-Chef gibt es keinen Zweifel. Er sieht das "goldene Zeitalter der KI" angebrochen. Im Gespräch mit CRN erläutert Scott Chasin die Rolle von Pax8 im agentischen Zeitalter, führt aus, warum große KI-Anbieter den Channel falsch verstehen, und wägt Chancen und Risiken ab, wenn sich MSPs in Richtung "Managed Intelligence" bewegen, also die Richtung, der Pax8 den neuen Kategorienamen gegeben hat: "Managed Intelligence Provider" (MIP).
CRN: Welche Rolle spielt Pax8 im agentischen Zeitalter im Channel-Ökosystem?
Scott Chasin: Wir glauben, dass eine neue Branche entsteht, wir nennen sie Managed Intelligence. Sie bietet die Chance, dass kleine Unternehmen agentisch vernetzt werden. Der Nutzen von KI ist angekommen – wir sind von Chatbots über Reasoning jetzt bei Agenten angelangt, die Aktionen ausführen. In den letzten sechs Wochen haben wir die Konsumerisierung von Agenten und Bots erlebt, und das zeigt sich deutlich am Erfolg von Plattformen wie Meta Muse, Grok Bot und anderen. Diese Lösungen wurden jedoch nicht für das MSP-SMB-Geschäft entwickelt. Wir glauben daher, dass dieser Nutzen im agentischen Kontext für Dienstleister die Chance bietet, ein Geschäftsmodell rund um das Management von Intelligenz in kleinen Unternehmen aufzubauen. Das zeigt sich vor allem an zwei Bedürfnissen, die immer deutlicher werden.
CRN: Welche?
Chasin: Erstens wird das Angebot sehr vielfältig sein. Zweitens gibt es eine Management-Komplexität: Agenten und Bots müssen gesteuert, sicher und widerstandsfähig sein. Wir glauben, dass die Kombination aus Angebotsvielfalt und dem Bedarf an Management und Governance diese neue Branche und diese neue Chance schafft. Das haben wir in der Technologie immer wieder erlebt. Ob beim Wechsel von On-Premises zur Cloud oder bei Cyber mit Managed Security: Wenn das Angebot vielfältig und die betriebliche Komplexität offensichtlich wird, entsteht eine Industrialisierung, die neue Channels hervorbringt. Wir glauben, dass Managed Intelligence genau das darstellt.
Als größter Marktplatz für Managed Service Provider weltweit haben wir die Verantwortung, diese Zukunft zum MSP zu bringen und ihnen nicht nur zu zeigen, dass KI kommt, sondern ihnen den Marktplatz der Zukunft zu bieten, der es ihnen ermöglicht, das Problem der Angebotskomplexität und das Management- und Governance-Problem zu lösen.
CRN: Ist Managed Intelligence ein Wandel oder eine völlig neue Kategorie für MSPs?
Chasin: Zunächst: Managed Intelligence ist da. Ich denke, die Kunden der MSPs werden sie verlangen. Eines der Dinge, auf die ich sehr genau achte, ist, was im Konsumentenbereich passiert. Wenn man die Konsumerisierung von Technologie erlebt, folgt darauf in der Regel die Nutzung im SMB-Segmenzt. Warum ist das so? Weil wir in unserem Privatleben, wenn wir etwas finden, das unser Leben verbessert, diese Erwartung auch an die Arbeit haben.
Das haben wir immer wieder gesehen, ob bei webbasierten E-Mails, Instant Messaging oder Videotelefonie: Man kommt ins Büro und wünscht sich, man hätte das auch dort. Ich glaube, dass diese Konsumenten-Bots heute schon massenhaft bei SMB auftauchen, aber keiner Governance und keiner Kontrolle unterliegen. Sie müssen aber angemessen gemanagt werden, was für ein kleines Unternehmen allein schwer zu bewältigen ist. Diese Konsumentenplattformen bieten sicherlich nicht die Kontrollen, die Sicherheit und die Management-Ebenen, die erforderlich sind, um sie überhaupt zu managen. Das ist eine riesige Chance für Managed Service Provider, oder wie wir sie jetzt nennen: Managed Intelligence Provider.
CRN: Wie sieht ein erfolgreicher Managed-Intelligence-Provider in drei Jahren aus?
Chasin: Wir glauben, dass sich der neue agentische Nutzen, den wir erleben, als agentische Belegschaft darstellen wird. Wir glauben, dass jedes Unternehmen persönliche Agenten haben wird, die jedem Mitarbeiter zugewiesen sind. Diese Agenten sind immer aktiv. Sie sind proaktiv. Sie verstehen den Mitarbeiter und seinen Kontext. Sie haben Zugriff auf Posteingang und Kalender. Es geht nicht nur um Wissensabruf. Sie sind tatsächlich in der Lage, Arbeit zu erledigen. Wir glauben, dass die Ära des persönlichen Assistenten für Agenten angebrochen. Für jeden Mitarbeiter in einem kleinen Unternehmen bedeutet das eine neue Fähigkeit und eine neue Superkraft, um effizienter zu werden.
Das ist also der wichtigste Treiber und Einstiegspunkt für jeden Dienstleister, um ein Managed-Service-Modell für die Steuerung dieser persönlichen Agenten immer wieder zu wiederholen. Wir glauben aber auch, dass jede wichtige Funktion oder Domäne in einem kleinen Unternehmen durch einen dieser persistenten, stets aktiven Agenten abgebildet wird. Das meiste, was wir in der KI gesehen haben, wurde für das Enterprise-Segment gebaut, und jetzt sehen wir die Verbreitung im Konsumentenbereich. SMB ist als Nächstes dran, und dieser Moment ist jetzt.
CRN: Die meisten KI-Plattformen wurden für Großunternehmen entwickelt. Was haben die großen KI-Anbieter am Channel missverstanden?
Chasin: Es ist eine andere Form von Komplexität, und sie beginnt mit großen Teilen der Architektur der Enterprise-KI-Lösungen. Meistens handelt es sich um Single-Tenant-Lösungen, aber wir wissen, dass ein Managed Service Provider oder Managed-Intelligence-Provider viele kleinere Endkunden hat. Was im Enterprise-Bereich funktioniert, lässt sich nicht immer herunterskalieren und im SMB einsetzen. Die Funktionsumfänge sind anders, die Management-Anforderungen sind anders.
Wir haben immer ein Angebot an Fähigkeiten kuratiert, das auf die Bedürfnisse sowohl des MSP als auch des SMB abgestimmt ist. Das ist eine unserer Superkräfte, und das ist hier nicht anders. Wir glauben, dass man für ein sehr erfolgreiches, skalierbares Managed-Intelligence-Geschäft nicht nur Mandantenfähigkeit braucht, sondern auch das Kontextwissen, wie ein Dienstleister arbeitet, wie er die letzte Meile des Vertrauens managt. Wie er die bestehende IT-Landschaft seiner Kunden steuert – und das machen wir schon sehr lange. Es ist ein anderes Modell.
Wir haben viele Unternehmen erlebt, die versucht haben, ein Enterprise-Produkt nicht nur für den MSP, sondern auch für den SMB herunterzubrechen, und oft stellen sie fest, dass sie die Produktanforderungen nicht getroffen haben. Das ist sowohl für den Dienstleister als auch für das kleine Unternehmen ein großes Problem.
CRN: Dennoch tun sich MSPs bei der KI-Transformation schwer. Warum?
Chasin: Wir haben vor drei Jahren begonnen, über KI zu sprechen, speziell über KI-Transformation, und wir haben erkannt, dass Transformation schwierig ist. In manchen Fällen muss ein MSP etwas tun, was er normalerweise nicht tut, nämlich eine tiefe Geschäftsberatung zu spezifischen Prozessen und Workflows bei seinen Kunden zu leisten. Hinzu kommt, dass oft Expertise im Automatisierungs-Engineering erforderlich ist. Die Leute suchen nach dem einfachen Knopf.
Wir haben daher eine Plattform [8os] für die MSP-Branche eingeführt, die ihnen diesen einfachen Knopf gibt und ihnen ermöglicht, Agenten oder Bots in der Umgebung ihrer Kunden bereitzustellen, wo sie nun ein wiederkehrendes Umsatzmodell als Managed Service schaffen können, ohne fortgeschrittene Kenntnisse in Automatisierungs-Engineering oder Geschäftsberatung zu benötigen. Sie können diese persönlichen Assistenten einfach für jeden Mitarbeiter und jeden ihrer Kunden bereitstellen und den Nutzen und die Fähigkeiten sehen, die diese Unternehmen in Form zusätzlicher Produktivität erhalten. Sie können die Magie sehen, die entsteht, wenn ein Mitarbeiter einen Bot oder Agenten für sich arbeiten lassen kann. Wir glauben, dass 8os die Plattform ist, mit der Dienstleister dieses Geschäft über ihren gesamten Kundenstamm hinweg skalieren können.
CRN: Was beunruhigt Sie an der aktuellen Entwicklung des KI-Marktes am meisten?
Chasin: Mit Blick auf die Branche insgesamt gibt es viel Anlass zur Sorge im Bereich Cybersicherheit. Die Frontier-Modelle und sogar die Open-Weight-Modelle sind heute sehr leistungsfähig bei der Entdeckung von Schwachstellen, und wir sehen bereits, wie diese Fähigkeiten zur Waffe gemacht werden. Dafür müssen wir sehr sensibel sein. Es ist für einen Angreifer allzu leicht, ein Open-Weight-Modell zu nutzen, eine Zero-Day-Lücke zu finden und diese dann zu einem Exploit auszubauen. Das ist eine große Sorge, und für die meisten MSPs bedeutet das, dass es höchste Zeit ist, zu den Grundlagen des Exposure Managements zurückzukehren und in der Kundenbasis äußerst wachsam zu sein.
KI aus Angreiferperspektive zu nutzen ist nur eine Seite. Auch die andere Seite, der Verteidiger, hat die Chance, KI einzusetzen. Wir betreten eine Welt, in der Angriffe in Maschinengeschwindigkeit auf Verteidigung in Maschinengeschwindigkeit treffen, und Tausende Cybersicherheitsunternehmen arbeiten an der Lösung dieses Problems. Ich bin ein großer Optimist und glaube, dass wir das Problem der Angriffe in Maschinengeschwindigkeit mit Verteidigung in Maschinengeschwindigkeit lösen können. Allerdings wird der Weg dorthin turbulent sein.
Das Interview mit Scott Chasin auf der Beyond EMEA in Kopenhagen vergangene Woche führte Anna Wood, es erschien zuerst bei unserer Schwesterpublikation CRN UK.
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