Praxis-Check: Für "Jenni vom Dach" hat Handwerk goldenen KI-Boden

Blechdächer präzise planen, Angebote kalkulieren und mit bisweilen chaotischen Kunden klar und strukturiert kommunizieren: Zwei Beispiele aus dem Alltag zeigen, dass KI Handwerk und Kopfarbeit sehr effizient zusammenbringt. Dass OpenAI hier direkt mitmischt, ist nur auf den ersten Blick sehr erstaunlich.

ChatGPT und Codex helfen Spenglermeisterin Jennifer Kirschbaum-Konsek, bei Kunden heißt sie einfach nur die "Jenny vom Dach", bei der Planung von Gauben oder Kaminen. Schon kleinste Abweichungen können spürbare Mehrkosten oder Verzögerungen verursachen (Foto: Jennifer Kirschbaum-Konsek)

Gigantische Wachstumsprognosen, hehre Strategien, kraftstrotzendes Managerselbstbewusstsein, durch die Decke gehende Aktienkurse von KI-Giganten und -Start-ups: Die Studien und Statements, die CRN fast täglich zugestellt bekommt, haben eines gemeinsam: Sie drehen sich meist um KI und betrachten den Sachverhalt aus der Vogelperspektive. Über das Potential von KI ist schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem oder jeder. Wo bleibt der Use-Case, wo der Nutzen für den Anwenderkunden?

Voilà, hier ist er. Kein Konzern-CISO stellt sich vor, nein, das Handwerk wird beleuchtet. Authentischer geht es nicht, wenn davon die Rede ist, dass KI auch für KMU und SMB da ist. Gut so! Denn über drei Millionen Firmen in Deutschland, der Mittelstand, sind bekanntermaßen das Rückgrat unserer Wirtschaft. Die IT-Dienstleistungsbranche ist Teil davon. Systemhäuser begleiten den Mittelstand bei seiner Transformation. In unseren zwei Beispielen nicht – noch nicht, aber sehr bald.

Denn die Technologien und deren Integration beim Kunden, die hier im Praxis-Check den Nutzen für zwei Handwerksbetriebe zeigen, stammen von OpenAI. Der ChatGPT-Anbieter hat die beiden Betriebe beraten und die Projekte realisiert. Mit dem Ziel freilich, seine Lösungen und die Expertise zu skalieren.

Und das in einem Maßstab und in einer Geschwindigkeit, die ihres Gleichen sucht. Der Aufbau eines Channels und ein Partnrgrogramm stehen, bis Ende dieses Jahres will OpenAI 300.000 (!) Partner zu seinem Channel zählen. Ehrgeizige Ziele beim US-Anbieter auch im deutschen Channel. Aber auch Ehrgeiz im deutschen Handwerk, mit KI schon heute das Handwerk in der Zukunft zu führen, damit der goldene Boden weiter golden für diese Zunft bleibt.

Spenglermeisterin und Tischlermeister

Obwohl Handwerksbetriebe täglich meisterliche Leistungen erbringen, erschweren fehlende digitale Strukturen oft den Arbeitsalltag. Gerade zentrale Abläufe – von Kundenkommunikation über Kalkulationen bis hin zum Wissensmanagement – bieten großes Potenzial für KI-gestützte Optimierung. Wie sich generative KI in die Abläufe von Handwerksbetrieben integrieren lässt, zeigen Spenglermeisterin Jennifer Kirschbaum-Konsek und Tischlermeister Jonas Winkler. Beide setzen auf individuell entwickelte ChatGPT-Agenten, um Prozesse zu automatisieren, Wissen zugänglich zu machen und ihre Betriebe datenbasiert weiterzuentwickeln.

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Praxis-Check I.: Dachflächenberechnungen unter Zeitdruck

Spenglermeisterin Jennifer Kirschbaum-Konsek, bei der Arbeit. "Wir können unser Wissen endlich so dokumentieren, dass es auch für neue Kollegen direkt nutzbar ist". (Foto: Jennifer Kirschbaum-Konsek)

Jennifer Kirschbaum-Konsek steht kurz vor der Übernahme des Familienbetriebs und trägt bereits heute Verantwortung für eigene Baustellen. Die 28-jährige Spenglermeisterin arbeitet täglich an Projekten, in denen Präzision und Tempo gleichermaßen gefragt sind. Besonders bei Blechdächern sind die Anforderungen hoch: Zuschnitte müssen exakt geplant, Materialeigenschaften wie Dehnung berücksichtigt und individuelle bauliche Gegebenheiten – etwa Gauben oder Kamine – präzise integriert werden. Schon kleinste Abweichungen können spürbare Mehrkosten oder Verzögerungen verursachen. Hinzu kommt, dass ein Großteil dieser Berechnungen direkt auf der Baustelle entsteht – unter Zeitdruck und oft mit eingeschränktem Zugriff auf Normen oder Dokumentationen. Fachwissen ist zwar vorhanden, jedoch häufig in Regelwerken, Unterlagen oder in der Erfahrung einzelner Mitarbeitender gebunden und damit im entscheidenden Moment schwer abrufbar.

Um dieses strukturelle Problem zu lösen, hat Kirschbaum-Konsek in ihrem Dachdeckerbetrieb einen eigenen Spengler-Agenten mit Codex und ChatGPT etabliert – entwickelt auf Basis realer Arbeitsabläufe. Ausgangspunkt bilden typische Praxisfälle aus dem Betriebsalltag: komplexe Berechnungen, Sonderlösungen und wiederkehrende Herausforderungen auf der Baustelle. Diese hat Kirschbaum-Konsek systematisch in den Agenten überführt und kontinuierlich erweitert.

Alle News zu KI in dieser speziellen "AI Week" stellt CRN hier in dieser Zusammenfassung vor …

Dabei zeigt sich ein entscheidender Vorteil: Der KI-Agent ist kein statisches IT-Projekt, sondern entwickelt sich mit jedem Auftrag weiter. Alexander Schüren, Solutions Engineer bei OpenAI beschreibt dieses Prinzip so: "Der KI-Agent ist wie ein neuer Lehrling. Du erklärst, wie es geht, gibst ihm Beispiele und mit jeder Erfahrung wird er besser und präziser." Er passt sich an, lernt hinzu und bildet zunehmend die tatsächliche Arbeitsweise des Betriebs ab.

Heute übernimmt der Agent im Familienunternehmen die Berechnung von Blechzuschnitten, selbst bei anspruchsvollen Dachformen. Auf Basis weniger Parameter wie Länge, Breite und Aufkantungen ermittelt er die erforderlichen Blechbahnen und berücksichtigt automatisch relevante Fachregeln – von Materialdehnungen bis zu Abzugsmaßen. Berechnungen, die zuvor Zeit, Erfahrung und höchste Konzentration erforderten, stehen nun innerhalb von Sekunden zur Verfügung. Gleichzeitig sinkt die Fehleranfälligkeit, da der Agent typische Rechenfehler erkennt und korrigiert.

Für Kirschbaum-Konsek bedeutet das nicht nur eine erhebliche Entlastung im Arbeitsalltag, sondern auch einen strategischen Vorteil für den Betrieb: "Wir können unser Wissen endlich so dokumentieren, dass es auch für neue Kollegen direkt nutzbar ist", sagt sie. Der Agent fungiert damit als zentrale, lebendige Wissensbasis. Gerade in den entscheidenden Momenten auf der Baustelle wird er zum wertvollen Assistenten – dann, wenn keine Zeit für langes Nachschlagen oder aufwendige Berechnungen bleibt.

So gewinnt die junge Unternehmerin nicht nur Effizienz, sondern auch Freiräume: für kreative Lösungen im Handwerk, für ihre Familie – und für ihre Community. Als "Jenni vom Dach" inspiriert sie in den sozialen Medien eine neue Generation von Fachkräften und zeigt, wie Digitalisierung und traditionelles Handwerk erfolgreich zusammenwirken können.

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Praxis-Check II.: Vom Erfahrungswert zur datenbasierten Angebotskalkulation

Tischlermeister Jonas Winkler lässt keine Aufträge mehr sausen, weil das zehnmal Hin- und Herschreiben unnütze Zeit ohne Auftragszusage frisst (Foto: Jonas Winkler)

Jonas Winkler, Tischlermeister, studierter Produktdesigner und einer der bekanntesten Content Creator im deutschsprachigen Handwerk, kennt die Realität vieler Betriebe sowohl aus der eigenen Werkstatt als auch aus der digitalen Öffentlichkeit. Über seine Kanäle erreicht er täglich tausende Menschen und macht praxisnah sichtbar, wo im Handwerk die größten Herausforderungen liegen. Eine ist die Angebotskalkulation: Individuelle Projekte, wechselnde Materialien und komplexe Anforderungen führen dazu, dass Angebote in der Praxis häufig auf Erfahrungswerten basieren. Doch ohne systematische Auswertung stößt diese Erfahrung schnell an ihre Grenzen – mit teils gravierenden wirtschaftlichen Folgen.

In einem konkreten Fall investierte Winkler mehr als 100 Stunden in ein Projekt, ohne am Ende daran zu verdienen. Die eigentliche Ursache liegt im fehlenden Zugang zu strukturierten Daten. Projekterfahrungen sind zwar vorhanden, werden jedoch selten konsistent dokumentiert oder ausgewertet. Wissen basiert auf oft wagen Erinnerungen, ist verteilt in einzelne Dateien oder alte Rechnungen und bleibt damit im Alltag schwer nutzbar.

Hinzu kommt eine weitere Herausforderung: die Kundenkommunikation. Unvollständige Anfragen und hoher Abstimmungsaufwand verzögern Prozesse und führen häufig dazu, dass potenzielle Projekte gar nicht weiterverfolgt werden. Winkler gesteht: "Ganz ehrlich: Manchmal lässt man Anfragen einfach liegen, weil der Aufwand zu groß ist. Bevor ich zehnmal hin und her schreibe, sage ich mir: Dann mache ich es halt nicht."

So aufgeräumt wie ins Winklers Werkstatt, ist seine Datenhaltung, auf die ein KI-Agent zugreift und Vorschläge für Angebote und Kommunikation macht. (Foto: Jonas Winkler)

Gemeinsam mit OpenAI hat Winkler einen KI-Agenten entwickelt, der Angebotskalkulation und Kommunikation gleichermaßen unterstützt. Statt auf Schätzungen zurückzugreifen, nutzt das System bestehende Projektdaten wie Angebote, Rechnungen und Erfahrungswerte als belastbare Grundlage. Mit jedem neuen Auftrag lernt die KI hinzu und macht dieses Wissen erstmals systematisch verfügbar. Materialeinsatz, Zeitaufwand und typische Projektparameter lassen sich so präziser und wirtschaftlicher bewerten.

Ein zusätzlicher Effizienzgewinn entsteht in der Kundenkommunikation: Der Agent analysiert eingehende Anfragen, erkennt fehlende Informationen und formuliert automatisch passende Rückfragen sowie Antwortentwürfe. Dadurch werden Prozesse strukturierter, Abstimmungsschleifen reduziert und Entscheidungswege für Kunden deutlich klarer. Gleichzeitig bleibt die persönliche Note erhalten: Der Agent wird gezielt auf den individuellen Kommunikationsstil trainiert und unterstützt im Hintergrund, ohne den direkten Kundenkontakt zu ersetzen.

So entsteht ein neues Zusammenspiel: Die KI strukturiert und bereitet vor – der Mensch trifft die Entscheidungen und führt die Beziehung.

Zweifaches Fazit: Struktur statt Mehrarbeit

Alexander Schüren, Solutions Engineer bei OpenAI beschreibt das Prinzip eines lernenden KI-Agents: "Du erklärst, wie es geht, gibst ihm Beispiele und mit jeder Erfahrung wird er besser und präziser." (Foto: OpenAI)

Beide Beispiele zeigen, dass die eigentliche Herausforderung selten die handwerkliche Tätigkeit selbst ist. Es sind die Prozesse davor und danach – Kalkulation, Abstimmung, Dokumentation –, die Zeit kosten und Fehleranfälligkeit erhöhen. KI-Agenten greifen genau in diese Bereiche ein. Sie strukturieren Abläufe, machen Wissen verfügbar und reduzieren manuelle Arbeitsschritte sowie Verwaltungsaufgaben, ohne die eigentliche handwerkliche Leistung zu verändern. Dabei bleibt die Individualität der Betriebe erhalten. Die Systeme werden auf bestehende Daten, Arbeitsweisen und Kommunikationsstile trainiert – und fügen sich in die jeweiligen Abläufe ein, statt sie zu standardisieren.

Das Positive: Auch Berufsverbände wie die IHKs und Handwerkskammern haben mittlerweile das KI-Potential entdeckt und bieten Kurse und Schulungen an.

Alle News zu KI in dieser speziellen "AI Week" stellt CRN hier in dieser Zusammenfassung vor …

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