HP wächst mit KI-PCs: Kopflos im Aufwind
Im ersten Quartal ohne CEO Enrique Lores konnte HP stärker als erwartet wachsen. Besonders gut liefen die Geschäfte mit KI-PCs, Advanced-Compute-Lösungen und Workforce Solutions. Während sich die Interims-Führung auf weitere Preissteigerungen durch die Komponentenkrise einstellt, geht die Suche nach einem neuen Chef weiter.
Der überraschende Abschied von CEO Enrique Lores, der HP nach 36 Jahren in Richtung Paypal verlassen hat, scheint den Hersteller nicht weiter aufzuhalten. Ganz im Gegenteil setzt er offenbar sogar neue Kräfte frei. Das lässt zumindest der Abschlussbericht für das zweite Quartal des Geschäftsjahrs vermuten. Denn auch ohne das Urgestein an der Spitze und allen Verwerfungen durch die Komponentenkrise zum Trotz erfreute sich HP eines veritablen Wachstums. Mit 14,4 Milliarden Dollar lag der Nettoumsatz 9 Prozent über dem Vorjahr und auch deutlich über den Erwartungen der Analysten, die mit etwa 14 Milliarden Dollar gerechnet hatten. Gleiches gilt für das verwässerte Non-GAAP-Ergebnis je Aktie, das die Prognosen von der Wall Street mit 86 Cent um 14 Cent übertraf. Dennoch konnte das Papier im nachbörslichen Handel zunächst nicht von den guten Ergebnissen profitieren.
Beim genaueren Blick auf die einzelnen Geschäftsbereiche zeigen sich einige besonders interessante Entwicklungen, die auch den Partnern des OEMs wertvolle Hinweise auf den Bedarf und das Investitionsverhalten der Unternehmen sowie die weiterhin zu erwartenden Turbulenzen durch die Lieferengpässe und Preissteigerungen bei Komponenten und insbesondere Speicher liefern:
PCs: KI wird zum Standard
Ein besonders starker Wachstumstreiber war zum Jahresauftakt ausgerechnet das Geschäft mit PCs. Während die Nachfrage nach dem Abflauen der Windows-10-Erneuerungswelle kaum noch wächst, kletterte der Nettoumsatz von HPs Personal Systems Sparte, zu der neben PCs auch Workstations, Monitore und Services rund um den Arbeitsplatz gehören, um 13 Prozent auf 10,2 Milliarden US-Dollar. Obwohl dieses Ergebnis laut HP-CFO Karen Parkhill "teilweise durch geringere Stückzahlen" bei den PC-Verkäufen beeinflusst wurde, geht die Entwicklung für HP in die richtige Richtung. "Im Einklang mit unserer Strategie haben wir im Quartal Marktanteile in den Premium-PC-Kategorien gewonnen", unterstrich Parkhill.
HP verkauft also zwar etwas weniger PCs, dafür aber teurere, die auch den Partnern bessere Margen versprechen. Diese Verschiebung in Richtung höherwertiger PCs ist im gesamten Markt zu beobachten und gründet bei HP insbesondere auf einer steigenden Nachfrage nach KI-PCs seitens der Unternehmenskunden. Parkhill berichtete hier von einer "anhaltenden Dynamik bei KI-PCs, deren Anteil an unserem Auslieferungsmix im Quartal von etwas mehr als 35 Prozent auf 44 Prozent gestiegen ist". Damit scheint HPs Rechnung aufzugehen, dass die Unternehmen ihre PC-Flotten zwar zurückhaltend erneuern, dann aber im Gegenzug häufig bereit sind, mehr Budget einzusetzen, um Hardware zu beschaffen, die mit ihrer KI-Leistung Zukunftsfähigkeit verspricht. Hier zahlt es sich für HP aus, dass man bereits früh auf KI-PCs gesetzt und ein breites Portfolio an entsprechenden Geräten für Unternehmenskunden aufgebaut hat.
Aber KI-PCs waren nicht die einzige Produktgruppe der Sparte, die sich in den vergangenen drei Monaten stark entwickelt hat. Auch in Bereichen "Advanced-Compute-Lösungen und Workforce Solutions" verzeichnete HP laut Parkhill "eine starke Entwicklung in wichtigen Wachstumsbereichen mit zweistelligem Umsatzwachstum im Jahresvergleich".
Achtung! Preisanpassungen voraus
Spannend dürfte allerdings werden, ob diese Bewegung in Richtung Premium-Segment ihren Schwung auch dann noch aufrechterhalten kann, wenn die Preise weiter steigen. Dann genau damit ist zu rechnen. Nachdem die von der Distribution noch zu günstigeren Konditionen und teils sogar im letzten Jahr beschafften Geräte inzwischen weitgehend verkauft sind, kommen die Preissteigerungen der letzten Monate nun mit Verzögerung im Markt an. HP-Manager haben mehrfach betont, dass Preisanpassungen als Reaktion auf die stark steigenden Kosten für Speicher und Storage ein wesentlicher Bestandteil der Strategie des Herstellers sind. In diesem Sinne bestätigte nun auch Interims-CEO Bruce Broussard, dass "wie erwartet die Kosten für Speicher und Storage im Verlauf" des zweitem Geschäftsquartals weiter deutlich gestiegen sind.
Auf welche weiteren Verwerfungen sich HP bei den Komponentenpreisen einstellt, wie der Hersteller versucht, diese abzufedern, und wie die Suche nach einem neuen CEO vorangeht, lesen Sie auf der nächsten Seite.
Seit Jahresbeginn "haben wir Maßnahmen ergriffen, um die Preisgestaltung an gestiegene Rohstoffkosten anzupassen", erklärte Parkhill dazu. Zudem habe das Unternehmen Produktneukonfigurationen beschleunigt, kostengünstigere Komponenten qualifiziert und den Einsatz günstigerer Bestände optimiert, während zugleich der Wechsel zu margenstärkeren Geräten gefördert worden sei. "Zusammen hatten diese Maßnahmen einen spürbaren Einfluss auf unseren operativen Gewinn im Quartal und ermöglichten es uns, Ergebnisse über den Erwartungen zu liefern", ist Parkhill überzeugt.
HPs Chief Commercial Officer Dave McQuarrie hatte dazu kürzlich im Interview mit CRN erklärt, das Unternehmen arbeite intensiv mit Lösungsanbietern daran, das breitere Portfolio des Herstellers zu nutzen, um einen Teil der Preiserhöhungen auszugleichen. Neben dieser Abfederung beim Endpreis ermögliche es das dem Hersteller zudem, immer mehr Preisangebote für 30 Tage garantieren zu können, betonte er.
Speicherkrise: Kein Ende in Sicht
Trotz aller kreativen Gegenmaßnahmen ist jedoch davon auszugehen, dass nicht nur die Durchschnittspreise für PCs aufgrund der Verschiebung ins Premium-Segment weiter steigen, sondern auch die Preise für einzelne oder vergleichbare Modelle, da die Komponentenpreise weiter anziehen. Dann bleibt den Herstellern trotz aller Kniffe im Endeffekt meist nur eine direkte Erhöhung des Preises oder eine Reduzierung der Ausstattung als wichtigste Reaktion. So oder so bedeutet das für die Partner zusätzlichen Erklärungsaufwand bei den Kunden, denen das tatsächliche Ausmaß der Preissteigerungen insbesondere bei Speicherkomponenten oft noch immer nicht bewusst ist.
Zwar nannten die HP-Manager keine konkreten Details zu den weiterhin erwarteten Preissteigerungen bei Speicher, bestätigten jedoch, dass die Probleme aus ihrer Sicht noch mindestens für den Rest des Jahres anhalten und sich in dieser Zeit sogar noch verschärfen werden. "Wir erwarten, dass sich dieser Trend in der zweiten Hälfte des Jahres 2026 fortsetzt, wobei die Kosten im dritten und vierten Geschäftsquartal steigen werden", kündigte Broussard an. "Mit Blick nach vorn erwarten wir, dass das Umfeld bei Speicher und Storage angespannt bleibt."
Kommt Zeit, kommt CEO
Deutlich entspannter gibt sich HP indes hinsichtlich der Suche nach einem Nachfolger für Lores, der den Posten des HP-CEOs bereits 2019 übernommen hatte. Hier verwies Broussard auf den laufenden "umfassenden Prozess zur Auswahl der besten Führungskraft für HP", der weiterhin mit allen Mitteln fortgesetzt werde. Oberstes Ziel sei dabei jedoch nicht eine schnelle, sondern vielmehr eine tragfähige und dauerhafte Lösung. Deshalb sei HP weiterhin noch "nicht in der Lage, einen Zeitplan" für die dauerhafte Neubesetzung der Position zu nennen. Er versicherte jedoch, der Verwaltungsrat prüfe derzeit "aktiv Kandidaten, die zu den Anforderungen von HP passen".
Wenn sich das Geschäft weiterhin so stark entwickelt wie zuletzt, muss das nicht unbedingt ein Nachteil sein. Doch auch wenn die Interims-Geschäftsführung in der Krise bereits einige wichtige und offensichtlich auch richtige Entscheidungen getroffen hat, sollte bei allem Erfolg nicht vergessen werden, dass auch Lores mit seinen Weichenstellungen einen nicht unerheblichen Anteil an der guten Ausgangsposition hatte, die HP auch nach dem Dafürhalten einiger Partner nun hat. "Sie haben sich bei vielen Komponenten, die das Endpunkt-Erlebnis ausmachen, wirklich in eine Führungsrolle gebracht", fasst Harry Zarek, Präsident und CEO von Compugen (Nummer 65 der CRN Solution Provider 500 für 2025) zusammen.
Dieser Artikel wurde in Teilen mit Material unserer geschätzten US-Kollegen von crn.com erstellt.
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