Speicherkrise: Gebrauchte Highend-Notebooks gefragt
Der Absatz gebrauchter und professionell wiederaufbereiteter PCs ist in Europa seit Jahresanfang leicht rückläufig. Für Refurbisher und ihre Händler-Partner ist das dennoch gleich in mehrfacher Hinsicht eine gute Nachricht.
In den ersten drei Monaten des Jahres wurden in Europa etwas weniger gebrauchte PCs verkauft als noch im Vorjahr. Warum das gleich in mehrfacher Hinsicht eine gute Nachricht für die Händler ist, die solche Refurbished-Geräte anbieten, erschließt sich erst auf den zweiten Blick: Ursprünglich war von den meisten Analysten damit gerechnet worden, dass der Absatz am Gebrauchtmarkt nach einem sehr starken vierten Quartal 2025 nun im neuen Jahr wieder deutlich nachlassen würde. Dieser Einbruch fand allerdings nicht statt – vor allen Dingen, weil die knappen Verfügbarkeiten und stark steigenden Endgerätepreise im Zuge der Speicherkrise deutlich mehr Unternehmen als angenommen dazu brachten, sich auf dem Gebrauchtmarkt nach Alternativen umzusehen, mit denen sie diese Probleme umgehen und ihre Budgets schonen können.
Gebrauchte Notebooks als beliebter Ausweg aus der Speicherkrise
Vor allem aber steht dabei weniger das Sparen an sich im Vordergrund, sondern reiht sich hinter dem Anspruch der Abdeckung der wachsenden Anforderungsprofile ein. Das führt dazu, dass der mit der annähernd gleichen Zahl an verkauften Gebrauchtgeräten erzielte Umsatz laut den aktuellen Zahlen der Marktforscher von Context um 10 Prozent angestiegen ist. Somit durften sich die Reseller also über steigende Verkaufspreise freuen, die der skizzierten Entwicklung im Neugeschäft folgen, wo die Speicher- und Komponentenkrise für teils drastische Preiserhöhungen sorgt. Gleichzeitig steigen jedoch die Einkaufspreise im Gebrauchtmarkt deutlich langsamer an, sodass die in diesem Bereich sowieso schon guten Margen noch weiter ansteigen. "Während die Gesamtnachfrage nach refurbished PCs im 1. Quartal relativ stabil war, verändern sich die zugrunde liegenden Marktdynamiken ziemlich schnell", fasst Context-Analyst Jacky Chan zusammen.
Diese Marktdynamik führt auch zu einer Verschiebung bei den nachgefragten Produktkategorien. So verzeichnete Context zwischen Januar und März einen leichten Rückgang der Nachfrage nach refurbished Desktop-PCs, während zugleich 12 Prozent mehr wiederaufbereitete Notebooks über den Channel abgesetzt wurden. Hinzu kommt, dass zunehmend hochwertige Notebooks verkauft werden. Nicht zuletzt, um auf die wachsenden Workloads durch die zunehmende KI-Verbreitung vorbereitet zu sein. "Kundinnen und Kunden sind zunehmend bereit, mehr für qualitativ hochwertigere refurbished Geräte mit stärkeren Spezifikationen zu bezahlen – insbesondere bei Notebooks", bestätigt Chan. "Dieser Wandel treibt das Wachstum der durchschnittlichen Verkaufspreise (ASP) und erweitert das Premiumsegment des Marktes."
Imagewandel bei Refurbished Hardware: Vom Billigheimer zur Premium-Ware
Konkret bedeutet das, dass knapp 70 Prozent der im Q1 abgesetzten gebrauchten Notebooks mit 16 GB RAM oder mehr ausgestattet waren und damit der Preisvorteil gegenüber Neuware besonders deutlich ausfiel. Gleichzeitig gingen die Verkaufszahlen von Geräten mit nur 8 GB oder weniger Speicher deutlich nach unten. Ähnlich stellte sich Situation hinsichtlich des Massenspeichers dar: Erstmals stellten Notebooks mit mehr als 512 GB Speicherkapazität mehr als ein Drittel der Verkäufe. Damit einhergehend stieg der Anteil des Premium-Segments (500 bis 600 Euro) an den Verkäufen von Refurbished-Notebooks im Vergleich zum Q1 2025 von 5 auf 19 Prozent, während zugleich 6 Prozent weniger Geräte der Einstiegsklasse zwischen 200 und 300 Euro verkauft wurden. "Wir sehen, dass Kundinnen und Kunden trotz steigender Preise aktiv zu höherwertigen Geräten wechseln", führt Chan aus. "Systeme mit geringerer Ausstattung werden selbst bei hohen Rabatten unattraktiver, während die Nachfrage nach leistungsstärkeren refurbished Notebooks weiter zunimmt."
Das zeigt, dass die Unternehmen einerseits zunehmend leistungsstarke und langfristig nutzbare Geräte wollen, andererseits aber nicht bereit sind, dafür die aufgrund der enormen Speicherpreise fälligen Neu-Anschaffungskosten zu bezahlen. Dass sie zur Auflösung dieses Dilemmas zunehmend auf gebrauchte Geräte zurückgreifen, untermauert, dass sich diese inzwischen auch über ihren Preis hinaus als echte Alternative in der Unternehmenswelt etabliert haben – nicht zuletzt dank der nimmermüden Arbeit der Refurbisher, die oft schon vor Jahren eigene Channel-Marken und Partnerprogramme eingeführt haben, um die speziellen Anforderungen zu erfüllen und die Kunden mit anhaltend hoher Qualität zu überzeugen.
Ihre vorwiegend kleinen und mittelständischen Reseller-Partner dürfen sich nun freuen, dass sie Context zufolge fast drei Viertel des vor allem beim Umsatz stark wachsenden Refurbished-Geschäfts unter sich aufteilen. "Verbraucherinnen und Verbraucher sehen refurbished Produkte zunehmend als primäre Langzeitgeräte und nicht mehr als sekundäre Budgetkäufe", bestätigt Chan und folgert: "Der refurbished Markt bewegt sich stetig in Richtung Premiumsegment."
CRN-Newsletter beziehen und Archiv nutzen - kostenlos: Jetzt bei der CRN Community anmelden