Zweiter Fall von GPU-Schmuggel: "NICHTS ÜBER CHINA ERWÄHNEN"
Kurz nach der Verhaftung des Supermico-Mitbegründers Yih-Shyan Liaw wurde in den USA nun ein weiteres Verfahren eröffnet, in dem es um Versuche geht, knapp 250 Supermicro-Server mit Nvidia-GPUs sowie 500 einzelne H100-GPUs nach China zu schmuggeln. Dabei stolperten die vermeintlichen Täter, unter ihnen ein Systemhauschef, nicht zuletzt über ihr stümperhaftes Verhalten.
Kurz nachdem das US-Justizministerium drei IT-Manager wegen des illegalen Exports von Servern mit Nvidia-GPUs nach China angeklagt hat, legt die Behörde jetzt mit einem weiteren Fall nach. Auch bei dieser zweiten Anklage geht es vor allem um die unter strenger Exportkontrolle stehenden Nvidia-GPUs, die in den Servern versteckt über einen Umweg nach China gebracht wurden. Und wieder gibt es drei Angeklagte: Zwei US-Bürger, bei denen es sich offenbar um Führungskräfte eines großen amerikanischen Lösungsanbieters handelt, sowie einen Staatsbürger aus Hongkong. Sie alle konnten laut der Behörde unmittelbar festgesetzt werden. Laut der CRN vorliegenden Anklageschrift sollen sie schon Mitte 2023 damit begonnen haben, "Computer-Server mit exportkontrollierten Computerchips von einem in Kalifornien ansässigen Computerhardware-Unternehmen (Company-1) zu erwerben und nach Thailand zu versenden. Mit dem endgültigen Ziel China, und somit in Verletzung der geltenden US-Gesetze."
Trotz der Ähnlichkeiten gibt es nach bisherigen Erkenntnissen jedoch nur eine einzige Verbindung zwischen den beiden Fällen: Den Serverhersteller Supermicro. Zwar wird er auch diesmal nicht namentlich genannt, da er nicht angeklagt ist, dennoch sind die Verklausulierungen des Justizministeriums nur allzu leicht zu dechiffrieren. Allein schon, weil es in San Jose nur einen Serverhersteller mit entsprechenden Kapazitäten und Verbindungen zu Nvidia gibt.
Zum anderen sind in der Anklageschrift unter anderem Kopien von Bestellungen enthalten, in der zwar der Name des Herstellers geschwärzt ist, nicht jedoch die bestellte Ware. So wurden von der Thailändischen Firma etwa am 29. Dezember 2023 mehrere Server des Modells SYS-821GE-TNHR geordert, was genau der Bezeichnung des Supermicro GPU SuperServer SYS-821GE-TNHR entspricht.
Sammelklage gegen Supermicro
Wie schon beim ersten Fall wollte sich Supermicro auf Anfrage von CRN auch nicht zum zweiten Fall einlassen. In einer öffentlichen Stellungnahme nach Bekanntwerden des ersten Falls, in dem auch Supermicro-Mitbegründer und Ex-Aufsichtsratsmitglied Yih-Shyan "Wally" Liaw sowie ein Mitarbeiter aus Taiwan angeklagt sind, hatte der Hersteller auf seine strikten Compliance-Richtlinien und -Kontrollen verwiesen und jegliche Verantwortung für die Verstöße den Tätern zugeschoben.
Eine Botschaft, an der zumindest die Anleger erhebliche Zweifel haben. Nicht nur schickten sie die Aktie auf eine weitere Talfahrt, bei der das Papier seither rund 30 Prozent an Wert verloren hat. Darüber hinaus reichten sie auch eine Sammelklage gegen Supermicro ein, laut der das Unternehmen "falsche und irreführende Aussagen gemacht und/oder wesentliche negative Fakten" zu Geschäft, Betrieb und Aussichten im Zusammenhang mit "signifikanten" Server-Lieferungen nach China sowie "wesentlichen Schwächen" in den Compliance-Kontrollen nicht offengelegt haben soll.
Nvidia hatte direkte Abnahme verweigert
Während auch seitens des Justizministeriums die Antwort auf die von CRN zu den Fällen eingereichten Fragen noch aussteht, hat sich zumindest Nvidia inzwischen gegenüber CRN dazu eingelassen. "Die Beschwerde zeigt, dass unser Due-Diligence-Prozess gut funktioniert. Trotz mehrerer Versuche gelang es den mutmaßlichen Schmugglern nicht, unseren Prüfprozess zu bestehen und sie erhielten keine GPUs von uns", so ein Sprecher des GPU- und KI-Giganten. Mag das zwar für den direkten Bezugsweg richtig sein, so zeigen gerade die beiden aktuellen Fälle jedoch, dass sich auch diese Kontrollen wohl mit ausreichend krimineller Energie und über Umwege wie OEM-Herstellern und Zwischenexporte umgehen lassen.
Fraglich bleibt bei alldem bislang auch, inwiefern die chinesischen Behörden von den Schmuggelaktionen wussten und sie eventuell sogar toleriert oder gar unterstützt haben, um trotz des Exportverbots an die für das Training und die Nutzung großer KI-Modelle benötigte Hardware zu kommen.
Details zur neuen Klage gegen GPU-Schmuggler
In der neuen Anklage wirft das Justizministerium Stanley Yi Zheng, Matthew Kelly und Tommy Shad English vor, Schmuggel und Verstöße gegen Exportkontrollen geplant zu haben. Sie sollen versucht haben, von Exportkontrollen regulierte Computerchips im Millionenwert von einer kalifornischen Computerhardwarefirma illegal über Thailand nach China zu verschicken.
In der Anklage wird Tommy Shad English als CEO und registrierter Vertreter eines nicht genannten Unternehmens ("English Company") bezeichnet, das sich laut den Akten auf seiner Website selbst als "führender Distributor, Aggregator, Fulfillment, VAR und Service Provider für innovative Lösungen, Dienstleistungen, IT-Geräte und Unterhaltungselektronik" mit Sitz in Georgia beschreibt. Matthew Kelly ist demnach Betreiber und registrierter Vertreter eines nicht genannten Unternehmens ("Kelly Company") aus New York. Sein Unternehmen bietet laut Justizministerium weltweite Systemintegrationsunterstützung für Unternehmen und "strategische Beratung für internationale Start-ups, die den US-Markt erschließen, mit maßgeschneiderten Beratungen und Go-To-Market-Strategien für Produkte und Dienstleistungen, darunter Mobile, IoT, Consumer Electronics, SaaS, Gen AI, Web3, Crypto, GPU/HPC, Drohnen und Robotik". Beide Unternehmen unterhalten dem Ministerium zufolge internationale Geschäftsbeziehungen.
Ihr mutmaßlicher Kompagnon betreibt demzufolge die nach ihm benannte Zheng Company mit Sitz in der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong, das "angeblich Elektronik anbietet, die Sensoren und drahtlose Technologie nutzt, um Menschen bei der Erreichung ihrer Fitnessziele zu unterstützen".
Kompromittierende E-Mails: Unsichtbarer Kunde bestellt 232 Server
Ausgangspunkt dieses zweiten Verfahrens war den Unterlagen zufolge eine E-Mail an das Bureau of Industry and Security des US-Handelsministeriums von Anfang 2024. Darin hatte der anonyme Absender die Behörden laut den Schriftsätzen gewarnt, dass die English Company "an der Weiterleitung von exportkontrollierten Waren, Computerteilen von COMPANY-1, nach China beteiligt sein soll oder dies versucht." Wie schon im ersten Verfahren bezieht sich "Company-1" dabei offensichtlich auf Supermicro als Hersteller des auch in der Bestellung erwähnten SYS-821GE-TNHR.
Um seine Behauptungen zu untermauern, lieferte der unbekannte Hinweisgeber den Behörden unter anderem angebliche Screenshots von Teilen der E-Mail-Kommunikation zwischen English und Zheng und anderen, die sich auf den Aufbau eines Deals zum Erwerb der Server bezogen. Kelly wurde diesen zufolge erst Anfang 2024 in die E-Mail-Kette aufgenommen.
"Company-1" (also Supermicro) äußerte den übersendeten Mails zufolge am 26. Januar 2024 auf die erste E-Mail von English mit Zheng und Kelly in CC unmittelbar Bedenken, dass die erstmals im Oktober 2023 erwähnte Bestellung in China landen könnte. Hierbei verwies der Hersteller darauf, dass das angeblich hinter der Bestellung stehende thailändische Unternehmen ("Company-6") nicht Teil der ursprünglichen E-Mail-Kommunikation war und die stattdessen involvierte Zheng Company zudem in China ansässig sei. Insgesamt ging es den Akten zufolge bei der Bestellung um 232 Server im Gesamtwert von knapp 62 Millionen US-Dollar.
"NICHTS ÜBER CHINA ERWÄHNEN"
Auch Nvidia wird sofort hellhörig
Und nicht nur bei Supermicro erregte die Bestellung umgehend Skepsis. Denn auch der vom Justizministerium als "Company-2" bezeichnete Hersteller der in den Servern verbauten Chips musste die Bestellung erst überprüfen. Ganz offensichtlich handelt es sich dabei um Nivida, dessen Chips in den Modellen von Supermicro verbaut werden und unter das Exportverbot fallen. Entsprechend den Aussagen von Nvidia gegenüber CRN soll auch "Company-2" (Nvidia) Verdacht geschöpft haben, woraufhin Company-1 (Supermicro) die Bestellung der English Company stornierte und die bereits geleistete Anzahlung zurückerstattete.
Doch damit gab sich English nicht zufrieden und bat schon kurz darauf im April (2024) Supermicro (Company-1) um die direkte Freigabe und Lieferung von 500 Nvidia H100 GPUs an ein weiteres thailändisches Unternehmen ("Company-5"). Als Beleg für die Exporterlaubnis reichte er eine End User Certification mit ein, in der "Company-5" in Thailand als Endnutzer der GPUs genannt wurde.
Schmuggler planten "GPU Partnership" über Whatsapp
Richtig Fahrt nahmen die Ermittlungen allerdings erst nach dem 13. Februar 2026 auf. An diesem Tag kam der beschuldigte Kelly mit einem Flug aus Rom am Newark International Airport an und wurde dort umgehend von US-Zoll und Grenzschutz sowie Homeland Security Investigations in Empfang genommen. Im Rahmen der erweiterten Grenzkontrolle nahmen ihm die Beamten auch sein Laptop und Handy ab und beschlagnahmten sie für weitergehende Untersuchungen.
Tatsächlich fanden sich dem Justizministerium zufolge auf den Geräten offenbar gleich mehrere heiße Spuren. Besonders interessant und aufschlussreich war demnach für die Ermittler eine WhatsApp-Gruppe auf seinem Smartphone. In ihr sollen sich zahlreiche Nachrichten befunden haben, dass English, Zheng und Kelly Produkte von Company-1 (Supermicro)und Company-2 (Nvidia) beschaffen wollten, um sie über Thailand nach China zu verschicken. Screenshots dieser Nachrichten sind Teil der Anklage.
Wie diese Screenshots zeigen, erklärte English in einer der ersten Nachrichten direkt, dass die GPUs stark eingeschränkt und schwer zu bekommen seien, und schrieb: "Das Einzige, was ich verlange, ist, dass nichts Illegales passiert, und ich will das schriftlich." In derselben Nachricht deutete er zugleich aber auch an, dass seine Firma ein Vertriebspartner von Company-1 (Supermicro) ist, als er ausführte: "Ich sage nicht, dass es illegal ist. Aber die Chips sind wertvoller als Gold, und sie sind sehr streng, wer sie bekommt. Und ich kann es mir nicht leisten, meine Partnerschaft mit ihnen zu verlieren und meine Firma zu gefährden."
An einer anderen Stelle in der Nachricht schreibt Zheng: "NICHTS ÜBER CHINA ERWÄHNEN. Bitte streichen Sie diese Zeilen: Wir haben auch einige Kunden in China, aber es ist ein verbotenes Land für den Vertrieb. Die zwei agieren als Durchlauf-Partner für Kunden in China", so das Justizministerium. Dessen Angaben zufolge wurde Zheng bereits am 22. März verhaftet, während sich Kelly und English am 25. März freiwillig den Bundesbehörden stellten.
Dieser Artikel basiert auf Material unserer Schwesterpublikation crn.com.
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