Komponentenkrise: "So schnell wie möglich kaufen"
Aufgrund der angespannten Lage im Komponentenumfeld müssen sich Partner und Kunden nicht nur auf steigende Preise einstellen, sondern auch auf ernsthafte Lieferengpässe. Hersteller wie Lenovo und Partner empfehlen deshalb, Projekte wo möglich zu beschleunigen und lieber früher einzukaufen, als zu lange zu warten. Doch das ist nicht überall möglich.
Die Verknappungen bei Komponenten führen auch im Datacenter-Geschäft zu deutlich steigenden Preisen und zunehmenden Lieferengpässen. Um den zunehmend sensibel auf die Preissteigerungen reagierenden Kunden dennoch die "attraktivsten Preise" bieten zu können, sollten die Vertriebspartner von Lenovo deshalb möglichst "schnell" auf Produktbestellungen reagieren, empfahl Lenovos Nordamerika-Präsident Ryan McCurdy gegenüber CRN. Im Interview berichtete er, dass die erheblichen Lieferengpässe bei DRAM- und NAND-Chips im Zuge des KI-Booms inzwischen ein Dauerthema bei Gesprächen mit Partnern über die "Kritikalität" der Hardware-Anforderungen ihrer Kunden und deren "Sensibilität gegenüber dem steigenden Preisumfeld" sind.
"Wenn die Infrastruktur in den nächsten drei, sechs oder zwölf Monaten kritisch ist und die Preissensibilität hoch ist, dann geraten wir in eine Situation, in der wir schnell handeln müssen, da die aktuellen Lagerbestände unserer Distributoren und Partner im Wesentlichen einige der attraktivsten Produktpreise bieten, die es in den nächsten sechs bis zwölf Monaten geben wird", sagte er. "Es besteht also insbesondere dann großer Handlungsbedarf, wenn diese Infrastruktur kritisch und die Preissensibilität hoch ist."
"Strategische Umverteilung der weltweiten Siliziumwafer-Kapazitäten"
Ähnlich wie viele Betroffene im Channel sehen auch die Marktforscher von IDC den Speicherengpass nicht als Teil eines typischen Boom-Bust-Zyklus, sondern vielmehr als Beleg einer "potenziell dauerhaften, strategische Umverteilung der weltweiten Siliziumwafer-Kapazitäten". Diese Entwicklung zwinge OEMs wie Lenovo dazu, ihre Partner und Kunden umso eindringlicher vor starken Preissteigerungen für Geräte zu warnen, konstatieren die Analysten.
Doch dabei ist selbst schnell manchmal nicht schnell genug, wie der Chef eines US-amerikanischen Systemintegrators am Mittwoch gegenüber CRN erklärte. Trotz der Aufforderung an die Kunden, benötigte Hardware so schnell wie möglich zu bestellen, komme es inzwischen vor, dass das Angebot für bestimmte Serverprodukte bei mehreren Anbietern innerhalb weniger Stunden ausverkauft ist. "Wenn Kunden bereit sind und wissen, dass sie etwas wollen, sollten sie es so schnell wie möglich kaufen. Denn der Preis ist nur eine Seite der Situation, die tatsächliche Verfügbarkeit der Teile hingegen noch einmal eine ganz andere. Sie bereitet mir mehr Sorgen", warnte der Geschäftsführer, der, um offen sprechen zu können, anonym bleiben möchte.
Als Beispiel dafür führte er an, dass er kürzlich an einem Freitag mit Dell Technologies an einem "ziemlich großen" Geschäft für GPU-beschleunigte Server gearbeitet habe. "Und dann sagten sie am Ende des Tages: ‚Tut uns leid, wir sind ausverkauft.‘ Wir konnten den Deal nicht einmal abschließen, weil das Produkt nicht mehr verfügbar war. So schnelllebig ist das", berichtete der Manager und fügte hinzu, dass ihm nicht einmal eine Lieferzeit genannt wurde, wann das Produkt wieder verfügbar sein würde.
Lenovo-Partner: Kunden kaufen weniger Hardware
Ähnliches berichtet Andy Lin, CTO und Vice President of Strategy and Innovation des in Houston ansässigen Systemintegrators Mark III Systems, das Lenovo Platinum Partner und Gewinner des Nvidia Partner Network Awards ist. Auch er hält es zwar für sinnvoll, den Kunden zur schnellen Aufgabe von Bestellungen zu raten, gibt jedoch zu bedenken, dass das oft mit der langsamen Geschwindigkeit kollidiere, mit der Kunden ihre Kaufentscheidungen treffen. Das führt aus seiner Beobachtung zu einem wachsenden Spannungsfeld: Während auf der einen Seite die Preisangebote nur noch etwa zwei Wochen statt einen Monat oder länger gültig sind, könnten viele Kunden von Mark III ihre Bestellungen nicht schnell genug freigeben, um sie dann tatsächlich noch zum ursprünglich angebotenen Preis zu erhalten.
"Für die Kunden ist das eine Herausforderung, da die meisten von ihnen den Kauf von Geräten aus rein prozessualen Gründen nicht innerhalb von zwei Wochen abwickeln können, selbst wenn sie sich bereits dafür entschieden haben", erklärte er am Mittwoch gegenüber CRN. Da viele dieser Kunden, bei denen es sich laut Lin vorwiegend um große Organisationen wie Unternehmen, Universitäten und Behörden handelt, über feste Budgets verfügen, führe diese Dynamik der zu schnell steigenden Kosten oft dazu, dass die Kunden im Endeffekt weniger Hardware kaufen. "Sie alle kennen die aktuelle Situation. Dennoch sind sie enttäuscht, wenn sie weniger Bekommen als sie bei der Budgetierung ursprünglich geplant hatten. Aber so ist nun einmal die Lage", sagte er.
Lenovo sieht sich im Umgang mit Lieferkettenproblemen im Vorteil
Auf der CES 2026 Anfang Januar sagte Lenovo-Manager McCurdy, dass die Auswirkungen des Speicherengpasses bei allen seinen Treffen mit Partnern und Kunden auf der Veranstaltung "die erste oder zweite Frage" gewesen seien. Er fügte hinzu, dass Lenovo mit einer "sehr flexiblen" Lieferkette "besser als die meisten anderen in der Lage ist, sich in diesem Umfeld zurechtzufinden", und wiederholte damit seine früheren Äußerungen.
"Das hat die Preis-Liefer-Gespräche im November und Dezember beschleunigt, und diese Woche steht das Thema hier im Mittelpunkt", konstatierte er. "Nach der COVID-19-Pandemie haben wir meiner Meinung nach gezeigt, dass Lenovo in der Lage ist, sehr schwierige Lieferkettenstörungen zu bewältigen, die die gesamte Branche betreffen. Und ich denke, dass wir auch die Zölle im letzten Jahr ziemlich gut gemeistert haben."
Wade McFarland, Lenovos Channel-Chef für Nordamerika, betonte im selben Interview, dass das Unternehmen weiterhin Wert auf eine transparente Kommunikation mit seinen Partnern legen werde, so wie es dies auch bei früheren Umwälzungen in der Lieferkette getan habe. Auch die Partner selbst hätten in jüngsten Gesprächen um häufigere Updates zu Lenovo-Angelegenheiten gebeten, fügte er hinzu. "Ich denke, wir heben uns gerade durch die Art und Weise ab, wie wir mit der Partner-Community kommunizieren", zeigte sich McFarland überzeugt.
Lenovo bittet Partner um erweiterte Prognosen zum Hardwarebedarf
Der ehemalige Intel-Manager McCurdy, der seit 2023 Präsident von Lenovo Nordamerika ist, sagte, Lenovo bitte seine Partner um erweiterte Prognosen zum Hardwarebedarf der Kunden, sei es für mehrere Quartale oder für das gesamte Jahr. Dazu merkte er an, dass dieser Bedarf deutlich variiere, je nachdem, ob es sich um Produkte für Rechenzentren oder PCs handelt. "Die Kunden der Infrastructure Solutions Group im Rechenzentrum möchten möglicherweise Produkte kaufen, bauen und lagern, die sie für das gesamte Jahr benötigen, da dies nicht nur hinsichtlich des Preises, sondern auch hinsichtlich der Verfügbarkeit der Komponenten von entscheidender Bedeutung und sehr sensibel ist. Das ist sehr dynamisch", so McCurdy.
Während Cloud-Service-Provider-Kunden, die KI-Rechenzentren aufbauen, sich der Speichersituation sehr bewusst sind, müssen die Partner von Lenovo laut McCurdy sicherstellen, dass auch kleine und mittelständische Unternehmen, insbesondere diejenigen, die PCs und andere Arten von Client-Geräten kaufen, diese Preis- und Angebotsdynamik verstehen. "Denn auch wenn sie ihnen vielleicht kurzfristig und nicht so dringend erscheinen mag, werden wir diese Entwicklung auch in den nächsten Quartalen beobachten können", sagte er.
Als Beispiel nannte McCurdy KI-PCs, die in der Regel mit höheren DRAM-Kapazitäten ausgestattet sind, um KI-Funktionen auf dem Gerät zu unterstützen. Daher seien die entsprechenden Konfigurationen mit 32 GB oder mehr auch mit demensprechend höheren Preisen verbunden. "Hier müssen Entscheidungen getroffen werden", forderte er.
Michael Goldstein, Marktpräsident für Südostflorida beim Managed Services Provider Entech mit Sitz in Fort Myers, Florida, erklärte CRN diese Woche, dass Lenovo seinem Unternehmen mit seinem MSP-Programm dabei geholfen habe, bei der PC-Versorgung und Preisgestaltung die Nase vorn zu behalten. Dieses Programm liefert Partnern Preisangebote von mehreren Distributoren, wenn sie Kaufanfragen für Kunden stellen. Und das mit kurzer Bearbeitungszeit, wie Goldstein betont: "Ich habe die Anfrage eingegeben und innerhalb von anderthalb Stunden hatte ich ein vollständiges Angebot von einem der Distributoren für alles. Das gibt uns also eine gewisse Variationsbreite."
Dieser Artikel erschien zuerst bei unserer Schwesterpublikation crn.com.
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