Speicherkrise und kein Ende: Hersteller im Goldrausch
Während die Speicherhersteller in Erwartung weiterer Engpässe Teile der Produktion zurück zu DRAM verlagern und Vertragsbedingungen verschärfen, steigen ihre Gewinne und Börsenwerte rasant an. Einzig bei SSDs gibt es einen kleinen Hoffnungsschimmer für das nächste Jahr, der allerdings auf einem erwarteten Nachfrageeinbruch in zwei wichtigen Gerätekategorien fußt.
Die aktuellen Entwicklungen im Speichermarkt zeigen deutlich, dass sich der IT-Channel und seine Kunden darauf einstellen müssen, dass die Speicherkrise noch lange nicht überwunden ist und noch auf Monate, wenn nicht gar Jahre, mit volatilen Preisen und Verfügbarkeiten zu rechnen ist. Das bestätigte gerade erst wieder Kwak Noh-jung, seines Zeichens CEO des Speicher-Giganten SK Hynix. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters prognostizierte er, dass die Branche 2027 "im Hinblick auf die Versorgungslage auf das schlimmste Jahr in der Geschichte" zusteuern wird. Und auch das dürfte nach seinem Dafürhalten noch lange nicht das Ende der Speicherkrise sein. Trotz des laufenden Ausbaus der Fertigungskapazitäten, der ab 2028 erste neue Werke ans Netz bringen soll, geht er davon aus, dass "die Kundennachfrage auch über das Jahr 2030 hinaus unsere Lieferkapazität übersteigen wird".
Während entlang der weiteren Wertschöpfungskette Hardwarehersteller, Cloud-Anbieter, Reseller und Kunden unter der Situation leiden, ist das für die Speichergiganten selbst keine allzu schlechte Aussicht. Bester Beleg dafür sind die steil anwachsenden Gewinne und Börsenwerte der drei großen Anbieter Samsung, SK Hynix (beide Südkorea) und Micron (USA). Letzterer vermeldete für das dritte Geschäftsquartal gerade erst wieder einen Umsatzanstieg um fast 350 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert. Dieser Zuwachs kam fast ausschließlich aus dem Rechenzentrumsgeschäft, das mit 25 Milliarden US-Dollar mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes von knapp 42 Milliarden Dollar einbrachte. Für die nächsten Jahre hat der Konzern nach eigenen Angaben bereits Verträge mit Großabnehmern für mehr als 100 Milliarden Dollar in der Tasche, plus den Zugewinn durch die weiterhin zu erwartenden Preissteigerungen.
SK Hynix konnte unterdessen neben ähnlich guten Zahlen und einem starken Wertzuwachs an der Heimatbörse, wo er sogar erstmals den großen Mitbewerber und jahrzehntelang unangefochtenen Spitzenreiter Samsung überholen konnte, auch einen furiosen Start an der amerikanischen NASDAQ hinlegen. Mit der Zweitemission über American Depositary Receipts (ADR) spielten die Südkoreaner fast 27 Milliarden US-Dollar ein, mehr als seinerzeit die Alibaba Group bei ihrem Börsendebüt in den USA. Die Nachfrage soll etwa siebenmal höher gewesen sein als die Anzahl der ausgegebenen ADRs, dementsprechend legte das Papier nach dem Börsenstart umgehend mehr als 10 Prozent zu. Auch die Anleger gehen also fest davon aus, dass die Aussichten für die Speichergiganten weiterhin sehr rosig bleiben. Und tatsächlich deuten derzeit alle Zeichen darauf hin.
Speicherbedarf übertrifft selbst GPUs
Der große Vorteil der Speicherhersteller: Sie können die Verknappungen auf vielfältige Weise nutzen, um ihre Gewinne zu maximieren und nutzen das auch eifrig. Der wohl wichtigste Ansatzpunkt ist hier die Steuerung der Produktion. Da in den vergangenen Jahren aufgrund der vorherigen Überproduktion kaum neue Fertigungskapazitäten in Betrieb gegangen sind, werden die vorhandenen strategisch genutzt, um den lukrativsten Bedarf zu bedienen. In den vergangenen Monaten zielten die großen Drei vor allem auf das High Bandwith Memory (HBM) und teils auch High Bandwith Storage (HBS) ab, die beim Aufbau von KI-Rechenzentren dringend benötigt werden und inzwischen einen ähnlich hohen Stellenwert wie die GPUs haben.
Denn während sich bei diesen zunehmend zeigt, dass der Bedarf an KI-Rechenwerken überschätzt wurde, da sie zumeist deutlich größere Leerlaufzeiten aufweisen als gedacht, ist es beim Speicher genau andersherum, sodass er inzwischen der größte Flaschenhals ist. Das treibt die Nachfrage und den Preis gehörig weiter nach oben. Die Marktforscher von SemiAnalysis rechneten jüngst vor, dass der Anteil der Speicherkosten an den Gesamtinvestitionen für Nvidia-basierte KI-Systeme in Rechenzentren in den letzten Monaten bereits von etwas über 20 auf nunmehr 30 Prozent gestiegen ist. Eine Entwicklung, die sich im nächsten Jahr ungebremst fortsetzen soll, sodass am Ende allein der Speicher etwa 40 Prozent solcher KI-Hardware ausmachen dürfte.
Explodierende Hersteller-Margen und Rückkehr zur DRAM-Produktion
Dennoch haben sich zumindest Samsung und SK Hynix zuletzt wohl dazu entschieden, wieder etwas mehr Standard-DRAM zu produzieren, insbesondere den neuen DDR5-DRAM, und dementsprechend die Kapazitäten ihrer Fertigungsstraßen zurück verschoben. Neben Fertigungslinien für HBM wurden dafür laut Medienberichten auch einige von DDR4 abgezogen. Davon profitieren die Hersteller gleich doppelt: Einerseits sorgen sie dafür, dass die HBM-Preise durch den knapperen Nachschub wieder stärker steigen, während sie zugleich beim herkömmlichen Arbeitsspeicher die in den letzten Monaten drastisch gestiegenen Margen mitnehmen, die sie selbst zuvor durch die Verknappung ausgelöst haben.
Aufgrund der begrenzten Produktionsmengen und der dauerhaft hohen Auslastung ist klar, dass der gigantische Zuwachs bei Umsatz und Gewinn der Hersteller nicht aus einem entsprechend gestiegenen Absatz kommen kann. Vielmehr geht er auf die Bruttomarge zurück, die bei SK Hynix laut den letzten Geschäftsberichten inzwischen auf fast 80 Prozent angewachsen ist.
Lieferverträge ohne Netz und doppelten Boden
Ein weiterer Hebel, den die Speicherhersteller zur Verstärkung dieser Entwicklung nutzen, sind die Vertragsbedingungen. War es früher üblich, dass Großkunden sich ihre Liefermengen und -konditionen mit Halb- oder Jahresverträgen sicherten und diese bei Bedarf auch recht kurzfristig aufstocken konnten, sind heute Verträge über drei bis fünf Jahre der Standard. Diese sichern den Abnehmern allerdings nur noch die Liefermengen zu, während die Preise flexibel angepasst werden.
Geschah dies zunächst noch im Rahmen eines zugesicherten Korridors, ist auch diese Grenze dabei zu fallen. Laut Berichten südkoreanischer Medien hat SK Hynix diese Praxis nun als erster gekippt und behält sich in neuen Vertragswerken vor, künftige Preissprünge direkt und vollständig an die Kunden weiterzureichen. Das Risiko für den Hersteller ist überschaubar: Aufgrund der Verfügbarkeiten bleibt den Kunden kaum eine andere Wahl, als die Kröte zu schlucken. Springen sie doch ab, stehen sofort genügend andere interessierte Abnehmer bereit.
Kleiner Lichtblick mit großer Schattenseite
Egal ob im wohl auf Jahre weiter boomenden Rechenzentrumsbereich, oder bei Standard-Hardware müssen sich die Hersteller, Reseller und Kunden also wohl noch für Jahre auf hohe Preise und knappe Verfügbarkeiten einstellen, die vor allem dem verbauten Speicher geschuldet sind.
Einzige nennenswerte Ausnahme könnten nach dem Dafürhalten einiger Marktforscher Produkte sein, die vorwiegend auf NAND-Flash-Chips setzen, vor allem SSDs für den Endkunden- und KMU-Bereich. Hier liegt der Bedarf nur knapp über der Produktionsmenge, weshalb die Preise und Verfügbarkeit ein gutes Stück stabiler sind als bei DRAM und HBM. Im Laufe der nächsten zwölf Monate könnte sich dieses Bild sogar umdrehen und die Nachfrage hinter die Verfügbarkeit zurückfallen, prognostiziert etwa Trendforce. Tritt das ein, sollten entsprechende Produkte in der zweiten Jahreshälfte 2027 wieder günstiger werden und mittelfristig gar einen regelrechten Preisverfall durch die Überkapazitäten erleben. Zumal in diesem Bereich am ehesten mit aufstrebender Konkurrenz, insbesondere aus China, zu rechnen ist.
Doch auch das ist nur bedingt eine gute Nachricht für den IT-Channel. Denn der Hintergrund der erwarteten Umkehr bei Angebot und Nachfrage sind nicht etwa größere Produktionsmengen, sondern ein Einbruch beim Absatz von Geräten, die diesen Speichertyp nutzen. Besonders stark sollen davon die Mobilgeräte betroffen sein: Bei Smartphones rechnen die Analysten schon in den nächsten Monaten mit einem um 15 bis 20 Prozent verringerten Absatz, im nächsten Jahr soll es dann Laptops mit einem Rückgang der Nachfrage um etwa 10 Prozent treffen. Landen Trendforce zufolge derzeit noch knapp 40 Prozent der weltweiten NAND-Produktion letztlich in PCs, Notebooks und Smartphones, soll dieser Anteil bis Ende nächsten Jahres auf rund 35 Prozent abfallen. Nur noch 11,5 Prozent der NAND-Chips würden demnach in PCs landen, dieses Jahr sind es noch 14,3 Prozent. Im Gegenzug würden Server erstmals mehr als 50 Prozent des Ausstoßes beanspruchen.
Die einzige Hoffnung bleibt für den Handel damit, dass die sinkenden Gerätepreise die einbrechende Nachfrage wenigstens etwas abfedern können. Insgesamt muss sich die IT-Branche im Hardware-Bereich jedoch auf anhaltend unruhige Zeiten einrichten, in denen Speicher ein knappes Gut bleibt, das Projekte und Preise schwer kalkulierbar macht. Nicht nur durch die direkten Auswirkungen im Hinblick auf Nachschub und Preis, sondern auch aufgrund der dadurch ausgelösten Budgetverschiebungen bei den Kunden.
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