Nach VMware- und Citrix-Schock: Wo IT-Entscheidern noch der Schuh drückt

Massive Preiserhöhungen bei Lizenzen und im IT-Betrieb, zu komplexe, wenig flexible IT-Infrastruktur: IT-Endscheider sehen schmerzhaft die Abhängigkeiten von Herstellern. Sie kämpfen mit strukturellen Risiken, oft fehlt ihnen der Mut zum Wechsel.

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VOICE-Verbandschef Robin Kaufmann: "Mut zum Anbieter-Wechsel hat nicht jeder" (Foto: CRN)

Robin Kaufmann hat unlängst in München auf der Tagung des Microsoft-Partnerverbands IAMCP die Stimmung der deutschen IT-Entscheider wiedergegeben. Der Chef des durchaus mächtigen Anwenderverbands VOICE spricht für über 450 Unternehmen, darunter viele DAX-Konzerne und global agierende Mittelständler. Er bezieht sich auf Marktforscher von Gartner und nennen deren jüngste Zahl der weltweiten IT-Ausgaben: 6,08 Billionen US-Dollar, ein Plus von 10 Prozent. Dann seine Einordnung: "Im Schnitt geben Unternehmen 0,12 Prozent mehr für IT aus, faktisch ist das eine schwarze Null, sogar ein Rückgang der IT-Budgets, wenn man die Inflation mitberechnet. Das ist ein Tiefstand seit vielen Jahren". Die realen Steigerungen der IT-Budgets würden laut Zimmermann allein zur Aufrechterhaltung des Status-Quo eingesetzt, weil Hersteller massiv die Preise angehoben haben.

Der VOICE-Chef nennt VMware. Unter der Kuratel des Eigners Broadcom seien die Preise nach den Lizenzumstellungen im Schnitt der Voice-Mitgliedsunternehmen um 300 Prozent gestiegen. Zimmermann nennt die Preiserhöhung bei Microsoft MS365 von bis zu 33 Prozent. Partner von Microsoft und anderen Herstellern können nichts gegen die teils massiven Preissteigerungen. Gegenüber den Kunden müssen sie sie dennoch vertreten, und werden zum Dank dafür rüde getreten: VMware beispielsweise hatte allen seinen Partnern pauschal die Verträge gekündigt. Mit dr Folge, dass die ihren Kunden lange nicht sagen konnten, wie es für sie weitergeht. Immerhin: VOICE ist mächtig und kann sich wehren.

Kaufmann: "Wir haben mit VMware einen Deal abgeschlossen und Preiserhöhungen von 40 Prozent ausgehandelt. Bis zu 35 Mrd. Euro IT-Ausgabenvolumen vertritt der Verbandschef. Das beeindruckt die Broadcom-/VMware-Spitzen in Silicon Valley dann doch.

"Mut zum Anbieter-Wechsel hat nicht jeder", sagt Robin Kaufmann. Ein Rückbau einer VMware-Landschaft dauere 3 Jahre. "Das ist geschäftsschädigend", so sein Statement zum faktischen Vendor-Lock.

Wenn man dem "Preisschock" etwas Gutes nachsagen will, so wenigstens das: Er hat IT-Entscheidern so klar wie nie vor Augen geführt, wie umfassend die Abhängigkeit von einem Anbieter und seinen schwer zu managen Technologien sein kann. Das untermauert die Studie "2026 State of Cloud Computing Survey" von Parallels.

Der US-Technologieanbieter hat deutsche IT-Entscheider zu ihren Strategien, Herausforderungen und Prioritäten gefragt. Nicht überraschend ist, dass vor allem die Sorge vor Anbieterabhängigkeit bei End-User-Computing- und Cloud-Strategien groß ist. 94 Prozent geben das so an. "Während im vergangenen Jahr vor allem Kosten und Komplexität im Fokus standen, rücken 2026 strukturelle Risiken stärker in den Vordergrund – allen voran die Angst vor Anbieterabhängigkeit", so die Studie.

Risiko: Roadmaps, Planbarkeit, Support-Modelle – Furcht vor strategischen Fehlentscheidungen

Eine zu langfristig und zu stark an einen einzelnen EUC-, Virtual-Desktop-Infrastructure- (VDI) oder Desktop-as-a-Service-Anbieter (DaaS) zu binden, sehen IT-Entscheider als Risiko an. Jeder Vierte (26 Prozent) äußert dabei eine starke, 68 Prozent eine zumindest deutliche Sorge. Besonders kritisch bewertet werden unklare Produkt-Roadmaps, mangelnde Planbarkeit sowie die Frage, wie tragfähig Support-Modelle in Zukunft noch sind.

"Im letzten Jahr wollten Unternehmen vor allem Kosten senken. In diesem Jahr geht es darum, strategische Fehlentscheidungen zu vermeiden", sagt Prashant Ketkar, Technologie- und Produkt-Chef bei Parallels. "IT-Teams in Deutschland suchen nach Lösungen, die ihnen Automatisierung bringen, hybride Realitäten unterstützen und ihnen die Freiheit lassen, ihre Strategie bei Bedarf anzupassen", ergänzt er.

Pragmatische Nutzung von KI

Beim Thema Künstliche Intelligenz zeigt sich ein realistischerer Blick. Deutsche Unternehmen erwarten von KI vor allem konkrete Entlastung im Betrieb – nicht zusätzliche Komplexität, so die Studie von Parallels. IT-Entscheider achten auf automatisierte Fehler- und Problemerkennung, automatische Updates und Patches für Anwendungen sowie deutlich geringeren administrativen Aufwand im Tagesgeschäft.

Geld für "wirkliche" Investitionen (wenn nach Preiserhöhungen von etwas IT-Budget frei ist) iszt knapp. Nur knapp ein Drittel der deutschen IT-Entscheider ist Parallels-Umfrage zufolge bereit, für KI-Funktionen einen Aufpreis zu zahlen. "Das deutet auf einen klaren Wandel weg von experimentellen Pilotprojekten hin zu messbaren Effizienzgewinnen", so die Studienautoren.

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Zeitfalle VDI-Betrieb

Ein weiteres zentrales Ergebnis der Umfrage: Der laufende Betrieb bestehender VDI- und DaaS-Umgebungen bindet erhebliche IT-Ressourcen. 95 Prozent der deutschen Unternehmen verbringen ein bis zehn Stunden pro Woche mit der reinen VDI-Administration. 48 Prozent benötigen sogar sechs bis zehn Stunden pro Woche. Die größten, versteckten Kostenfaktoren: Security- und Compliance-Aufwand (52 Prozent), Schulungen und Einarbeitung von Fachpersonal (44 Prozent) sowie Support- und Helpdesk-Aufwände (45 Prozent).

Belastung, die sich "direkt auf strategische Entscheidungen" auswirken würden: 55 Prozent der deutschen Unternehmen sind aktuell aktiv auf der Suche nach einer neuen DaaS- oder VDI-Lösung. Die Mehrheit plant eine Umsetzung innerhalb der nächsten sechs bis zwölf Monate.

Ein Ergebnis übrigens, das ganz nach dem Geschmack des Studienbeauftragten ist. Denn mit Parallels Desktop positioniert sich der gleichnamige Anbieter und sein Partnernetzwerk vor allem als Alternative zu Citrix.

Hybride und Multi-Cloud-Modelle – Digitale Souveränität

Laut VOICE-Verbandschef Robin Kaufmann ist es um "echte" digitale Souveränität in der EU schlecht bestellt. Die EU-Anbieter können den marktbeherrschenden drei US-Hyperscalern nicht das Wasser reichen – wohl auch in Zukunft nicht (Foto: CRN)

Die Zeiten reiner Cloud-First-Strategien sind der Studie zufolge "für viele deutsche Unternehmen vorbei". Stattdessen etabliert sich ein differenzierter Ansatz: 42 Prozent betreiben Multi-Cloud-Umgebungen, 31 Prozent setzen auf hybride Modelle und 59 Prozent erwägen aktiv, Workloads zumindest teilweise aus der Public Cloud zurückzuführen – vor allem aus Gründen der Kostenkontrolle, Planbarkeit und Datensouveränität. Letztere spiele in Deutschland "eine besonders große Rolle", so Parallels.

VOICE: 15 Prozent Preisaufschlag maximal für "echte" Digitale Souveränität

Datensouveräne Rechenzentren und Plattformen speziell für den EU-Raum bieten die drei marktführenden Hyperscaler AWS, Microsoft und Google Cloud an, ebenso fast alle großen US-Infrastrukturanbieter. Erheben Anbieter Preisaufschläge für ihre vom Internet abgekapselten "Sovereign"-Lösungen, seien deutsche Unternehmen breit, bei den höheren Kosten bis zu einer Schmerzgrenze mitzugehen. Die läge laut Robin Kaufmann vom VOICE-Anwenderunternehmensverband bei maximal 15 Prozent. "Aber nur bei wirklich digitaler Souveränität". Also eine digitalsouveräne Technologie, der keine Plattform eines US-Anbieters zugrunde liegt.

Rechtliche und regulatorische Anforderungen sieht ein Großteil der von Parallels befragten IT-Entscheider als strategischen Treiber für hybride Architekturen. Gleichzeitig nutzen bislang aber nur 11 Prozent Technologien wie Browser-Isolation, obwohl Web- und SaaS-Zugriffe weiter zunehmen. "Das könnte ein Hinweis auf eine wachsende Sicherheitslücke in diesen Umgebungen sein", so die Studie.

Fazit der Cloud-Survey-Studie 2026: Deutsche Unternehmen würden keine "Alles-aus-einer-Hand"-Versprechen mehr suchen. Gefragt seien vielmehr "offene Architekturen, hybride Einsatzmodelle und Lösungen, die Automatisierung ermöglichen, ohne neue Abhängigkeiten zu schaffen".

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