Brisanter Start des neuen RMM-Anbieters Octoja
Eine solche Konstellation gab es im deutschen Softwaremarkt für Systemhäuser noch nicht: Der neu gegründete RMM-Anbieter Octoja drückt auf dem Channel-Event seines Distributors Fokus MSP den Startknopf. Riverbird, bis dato größter RMM-Hersteller im Disti-Portfolio, bleibt dem Event fern. Die "Causa Tintentisch" – eine Channel-Aufführung zwischen bitterer Enttäuschung auf der einen und großen Plänen auf der anderen Seite.
Vor rund 250 Gästen am Donnerstagmorgen auf der MSP-Konferenz von Fokus MSP in Mainz gibt ein neuer RMM-Anbieter den Einstand für die Vermarktung seiner SaaS-Plattform: Das erst vor vier Wochen im Handelsregister neu eingetragene Softwareunternehmen Octoja mit Sitz in Berlin. Das Interesse ist groß. "Das Neue RMM aus Deutschland" steht auf dem Rücken der Octoja-Mitarbeiter. Am Stand drängen sich Systemhaus-Chefs.
CRN erkennt bekannte Gesichter, aber ein Gesicht aus dem letzten Jahr fehlt: Alexander Eiermann, GF von Riverbird – RMM-Anbieter aus Ulm und immerhin einer der am Umsatz gemessen bedeutender Anbieter im Portfolio von Distributor Fokus MSP.
Der wichtigste Hersteller fehlt auf dem großen Event seines Distributors? Wie kann das sein? Man erfährt vor Ort schnell, warum. Einige Köpfe aus der Softwareentwicklung von Riverbird stehen am Octoja-Stand. Sie sind zum neuen RMM-Anbieter gewechselt.
Nun ist ein solcher Wechsel nicht unüblich im mittelständischen Softwaremarkt. Aber ein Blick ins Impressum der neuen Webseite von Octoja zeigt, dass diese Firmengründung heikel ist für den Gründer und durchaus ein Risiko birgt.
Stefan Steuer steht im Impressum als GF, er ist geschäftsführender Gesellschafter, wie er CRN im Gespräch verrät. Er ist ebenso bei Fokus MSP geschäftsführender Gesellschafter, also eine Doppelrolle: Chef eines Distributors und jetzt auch Softwareunternehmer.
RMM-Startup Octoja plant schnelle Expansion, auch international
Vier Wochen ist der Eintrag im Handelsregister jung. Die SaaS-Lösung von Octoja steht, das Hosting aus dem Rechenzentrum von Hetzner in Nürnberg ist aufgesetzt, Testzugänge sind freigeschaltet, das Marketing verteilt sympathische Kraken, passend zum Firmennamen und wohl zur Idee, das junge SaaS-Team möge seine Tentakeln umfassend im aufstrebenden MSP-Markt ausstrecken.
CRN weist im Gespräch mit Stefan Steuer auf seine sehr ungewöhnliche Konstellation der Doppelrolle hin, die brisant ist: Ex-Personal von Riverbird (immerhin der Leiter Software-Entwicklung), dessen Lösung Steuers Fokus MSP vertreibt, wechselt zu Steuers neuer Firma. Teils erfolgte der Wechsel des Softwareleiters von Riverbird nahtlos zu Octoja, wie aus den Profilangaben bei Linkedin hervorgeht.
"Ich habe Riverbird über meinen Schritt informiert. Reagiert haben sich nicht", so Steuer. Zuvor habe er mit sich gezaudert, beteuert er. Seiner Version nach seien die ehemals bei Riverbird beschäftigten Entwickler auf ihn zugekommen, er habe dann als "Business Angel" agiert und schließlich das Kapital in die neue Octoja "aus eigener Tasche" investiert. Die SaaS-Plattform sei mit den Softwareentwicklern von Fokus MSP finalisiert worden. Rund ein halbes Jahr, so Steuer, habe die Entwicklung gedauert. KI beschleunigt eben alles, auch Coding (macht Programmieren sogar überflüssig).
RMM-Anbieter Octoja soll schnell wachsen, international, sogar USA hat Steuer im Blick. "Der Vertrieb erfolgt ausschließlich indirekt und über die Distribution. Wir suchen weitere Distributoren", sagt Steuer.
Fokus MSP wachse jedes Jahr um mehr als 40 Prozent. "Vom ersten Tag an profitabel", so der Disti-Chef. SaaS-Lösungen, die für wiederkehrende Einnahmen sorgen, stehen hoch im Kurs von Investoren. Steuer hat nun zwei solche Zugpferde im Markt: Fokus MSP seit fünf Jahren und - ganz frisch – Octoja. Und als Distributionschef reitet er aktuell 25 weitere Pferde, seine Herstellerpartner. Darunter einen ganz besonders schnellen Hengst: NinjaOne – neuer RMM-Star unter deutschen Systemhäusern. Über den Backup-Spezialisten Dropsuite, von NinjaOne gekauft, "haben wir nun Zugriff auf das Portfolio von NinjaOne". Mit ihrer SaaS-Lösung haben die US-Amerikaner seit Monaten einen Lauf und sich an die Spitze im deutschen Markt für Systemhaus-Software gesetzt. Verdrängt haben sie: Riverbird.
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Es klingelt zwei Mal, CRN hört dieses Stakkato: "Erst bittere Enttäuschung, dann Wut, jetzt Kampfgeist", so Riverbird-Gesellschafter Thomas Hoffmann. Er fühlt sich hintergangen, spricht von "Vertrauensbruch", sei "menschlich enttäuscht" von seinem abgewanderten Softwareentwickler und weiterem Schlüsselpersonal, das für ihn gearbeitet hat. Rechtlich wolle er sich zum Fall nicht äußern.
Die Reaktion der Riverbird-Nutzer sei bei ihm unmittelbar aufgeschlagen, als die am Donnerstagmorgen vom Start des Wettbewerbers Octoja erfahren. "Sehr viele E-Mails erreichen mich, auch jetzt noch", so Hoffmann am späten Donnerstagnachmittag, als CRN vom Besuch des Events von Fokus MSP und Gesprächs mit Stefan Steuer zur Hausmesse von Herweck nach Saarbrücken im Zug Hoffmann kontaktiert. Wie immer in solchen brisanten Konstellationen will CRN beide Parteien hören.
So erfahren wir, dass Fokus MSP den Distributionsvertrag mit Riverbird gekündigt haben soll. Und zwar Ende März, kurz vor der Anmeldung der Octoja im Handelsregister. Systemhäuser, die über Fokus MSP Riverbird-Lizenzen erworben haben und den technischen Support des VADs nützen, fragen sich natürlich, an wen sie sich künftig mit ihren Anliegen wenden sollen.
Bei Riverbird ist die Sorge noch aus einem anderen Grund groß. Fokus MSP kennt alle Riverbird-Nutzer, die über den Disti Lizenzen bezogen haben. Kommt jetzt die große Abwerbungsoffensive zur SaaS-RMM von Octoja?
Wer sich von wem wann wie und weshalb getrennt hat, kann CRN nicht klären. Die wichtigste Frage, die Riverbird-Nutzer haben, sollte rasch geklärt werden.
"Jetzt erst recht!"
Offenbar hat die "Causa Tintenfisch" über Hoffmann und seine Riverbird-Angestellten eine Art reinigendes Gewitter aufziehen lassen und "Kampfgeist" geweckt. Die seit Monaten "schlechte Stimmung", die Hoffmann zufolge gezielt verbreitet worden sein soll, sei schlagartig wie weggeblasen. "Jetzt erst recht" wolle das Riverbird-Team zurückschlagen und zeigen, was in ihm stecke, so Hoffmann.
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