Arbeitsplatzmodell im digitalen Zeitalter: Wenn Mitarbeiter lediglich zum Inventar zählen

Mittendrin in der digitalen Arbeitswelt sind schon viele Arbeitnehmer. Viele Unternehmen aber sperren sich gegen kollaboratives sowie orts- und zeitungebundenes Arbeiten. Wo es möglich wäre, verhindert die Unternehmenskultur flexible Arbeitsplatzmodelle. Warum eigentlich?

Welchen Stellenwert räumen Unternehmen Mitarbeitern ein? Das Demand-and-Control-Prinzip ist mit New Work und digitalen Arbeitsplatzkonzepten kaum vereinbar.
(Foto: Benjamin Richter)

Haben Sie von Ihrem Vorgesetzen folgenden Tweet weitergeleitet bekommen? »Drei Tage nicht duschen, Ravioli essen, gute Musik und immer leicht einen sitzen. Andere gehen dafür auf Festivals, ich mache Homeoffice.« Wenn ja, dann arbeiten Sie in einem Unternehmen, dessen Management »Modern« oder wahlweise »Digital Workplace« für Unfug halten.

Warum?

Man müsste vielleicht Psychologen zu Rate ziehen, ob eine Kultur des Misstrauens in einem solchen Unternehmen vorherrscht. Sie könnte tief verwurzelt in einem grundsätzlich negativen Menschenbild ihren Ursprung haben. Ist der Mensch dem Menschen tatsächlich ein Wolf, so dass man ihm am besten keine Eigenverantwortlichkeiten und wenig Kreativität zugesteht, ihn im eigenen Unternehmen wie in einem Gehege kasernieren, jederzeit kontrollieren, reglementieren und disziplinieren muss?

Freilich: Auch eine am immer gleichen Ort zu erbringende, auch in Zukunft immer noch anfallende repetitive Arbeitsleistung kann mit der Digitalisierung von Arbeitsplätzen immer besser überwacht werden. Lagerarbeiter können nun einmal ihre Tätigkeit nicht von Zuhause aus erledigen. Ihre Arbeit könnten vielleicht eines Tages Roboter billiger ersetzen. Was man indes schon heute im Lager von Amazon in den USA kann: Produktivität IT-gestützt messen, Mitarbeiter mit unterdurchschnittlichen Leistungen per automatisiertem Verfahren abmahnen und dem Low-Performer schließlich ein vom System verfasstes Kündigungsschreiben zustellen.

Das kalte Herz des Kapitalismus, es pocht auch und gerade in neuen Arbeitsplatzkonzepten.

Kein Selbstzweck
Machen wir uns nichts vor: New Work und dergleichen Begriffsderivate, die die Arbeitswelt zum Teil schon von heute, aber ganz sicher von morgen und übermorgen skizzieren, verfolgen alle dasselbe Ziel, nämlich die Produktivität zu erhöhen. Unter dem Strich muss sich jeder digitale Arbeitsplatz, wo immer er sein mag, für ein Unternehmen rechnen.

Rechnet er sich dann auch noch für Arbeitnehmer, umso besser!

Geht man davon aus, dass neue Arbeitsplatzmodelle und die damit benötigten Investitionen in infrastrukturelle Prozesse nie einem Selbstzweck folgen dürfen, könnte es sogar gelingen, misstrauische Paternalisten für zeitgemäßes digitales Arbeiten zu überzeugen. Ein Tweet, wie oben beschrieben, würden Chefs ihren Untergebenen dann wohl nicht mehr schicken müssen.

Sie tun das heute vielleicht auch deswegen noch, weil sich die Entscheider in vielen Unternehmen zu wenig mit Fragen der Mitarbeitermotivation beschäftigen und sicher auch mit der technischen Seite neuer Arbeitsplatzkonzepte. Ein Blick darauf, warum und wie moderne IT-Unternehmen arbeiten, die ja die Konzepte für den digitalen Arbeitsplatz bei ihren Kunden umsetzen, wäre hilfreich.

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