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Streit um Corona-Warn-App

Die 20-Millionen-Euro-plus-Wette

12. Juni 2020, 10:51 Uhr   |  Martin Fryba | Kommentar(e)

Die 20-Millionen-Euro-plus-Wette
© T-Systems

Massive Kritik an der von SAP und Telekom gebauten Tracing-App. Über die Kosten für Entwicklung und laufenden Betrieb schütteln IT-Experten den Kopf. Typisch deutscher buchhalterischer Kleinmut? Um was es im Kern geht.

Die Entwicklung der Corona-Warn-App des Bundes durch den Softwarekonzern SAP und die Deutsche Telekom wird rund 20 Millionen Euro kosten. Dazu kommen Betriebskosten in Höhe von 2,5 bis 3,5 Millionen Euro monatlich, berichtet dpa auf Berufung von  Regierungskreisen in Berlin. Der Großteil davon entfällt auf den Betrieb von zwei Hotlines bei der Deutschen Telekom. Die App soll in der kommenden Woche nach etwa sechswöchiger Entwicklungszeit freigeschaltet werden und helfen, Corona-Infektionsketten schneller zu erkennen, nachzuverfolgen und zu durchbrechen.


Die Kosten für die Software-Entwicklung der Corona-Warn-App des Robert Koch-Instituts bewegen sich am unteren Ende der von der Bundesregierung prognostizierten Größenordnung in Höhe eines »zweistelligen Millionenbetrags«. Bei den Kosten für die Callcenter müsse berücksichtigt werden, dass die Anwender nicht in langen Warteschlangen landen sollten. Außerdem wolle man den Service nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch und Türkisch zur Verfügung stellen.


»Lizenz zum Geldrucken«.
»Wie sich jetzt unsere Start-Ups in Deutschland fühlen müssen, die viel schneller und innovativere Apps entwickeln und gerade ums Überleben kämpfen müssen«, zeigt Marcel Sternkopf auf Linkedin Unverständnis für die hohen Kosten der Tracing-App. »Ihr solltet Euch schämen! Das ist Betrug!«, so sein Zorn an die Adresse der Verantwortlichen.


Auf Twitter (#CoronaWarnApp) rechnet Christoph Borowski von itemis vor: »20 Mio € für zwei Apps + einem Backend? Bei 2 Monaten (ca. 41 Arbeitstage) Entwicklung sind das 487.804 € pro Tag. Zu einem Tagessatz von 1.000 € gibt es dafür 487 Entwickler«. Andere Nutzer bei Twitter sprechen von »Geldverschwendung«, »Lizenz zum Geldrucken« oder fordern eine Detailaufstellung.


Für alle Kritiker scheint klar zu sein: Die Corona-Warn-App hat das Potenzial ins kommende Schwarzbuch des Steuerzahlerbundes aufgenommen zu werden. Die Bibel der Verschwendungssucht listet jährlich verpulverte Gelder der öffentlichen Hand penibel auf. Ein Pendant für Misswirtschaft in Unternehmen, die zu sinkenden Steuereinnahmen führt, gibt es übrigens nicht.


Wird die Corona-Warn-App dagegen ein Erfolg, weil ein Großteil der Bundesbürger sie nutzen wird und die Pandemie damit eingegrenzt werden kann, wird es kaum eine Aufrechnung  geben können, wie sehr die Investition in diese App einen lockdownbedingten Schaden habe verhindern können.  Die Corona-Warn-App ist eine 20-Millionen-Euro-plus-Wette auf eine virusfreie Zeit.


Um was geht es also?
Derweil wird, neben den hohen Kosten, immer noch über den medizinischen Nutzen der  Corona-Warn-App gestritten. Nur wenn eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung gesichert ist, kann die App bei der Pandemiebekämpfung Infektionsketten schnell identifizieren und dafür sorgen, dass eine Verbreitung des Virus gestoppt wird. Ängste bestehen vor allen, weil die App im Zusammenhang mit potentieller Massenüberwachung diskutiert wird.


Das versucht Adel Al-Saleh, CEO von T-Systems, zu zerstreuen. »Die App ist kein Allheilmittel, ganz sicher nicht. Aber sie ist Teil des gesamtgesellschaftlichen Krisenmanagements«, schreibt der Manager in einem Gastkommentar für das Handelsblatt, den er zusammen mit SAPs-Technikvorstand Jürgen Müller verfasste.


Zu den kritisierten Kosten hat der ansonsten sehr Linkedin-freudige Al-Saleh noch keine Stellung bezogen. Müller wiederum konzentriert sich in einem Blogbeitrag bei Linkedin auf die technischen und kollaborativen Maßnahmen der Open Source Applikation dieser Corona-Warn-App.


Beiden Managern ist klar: Die kritische öffentliche Debatte ist wichtig. Zu ihr kommen nun auch die Kosten hinzu. Aber sie würde nicht den eigentlichen Kern der Sache treffen. »Die Angst beim Datenschutz zum Beispiel ist aus unserer Sicht allein deshalb unbegründet, weil die App weder Namen noch Adresse erfasst, weder Telefonnummer noch Aufenthaltsort oder mit wem man sich trifft«, schreiben Al-Saleh und Müller.


Mehr Mut zum positiven Nutzen der Digitalisierung, weniger typisch deutscher buchhalterischer Blick auf die Gegenwart, könnte in diesen Zeiten einer so noch nie dagewesenen Herausforderung helfen.

(mit Material von dpa)

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