CRN-Kopfnuss: Digitale Einöde

Ganze Landstriche in Deutschland sind digital verwaist, auf Kilometer gibt es nicht das kleinste Fitzelchen Mobilfunknetz. Bericht von einem, der durch diese digitale Einöde irrte.

(Foto: grafikplusfoto - AdobeStock)

Sanft wellt sich die Landschaft am östlichen Rand des Harzes. Die Herbstsonne scheint über die Felder, ein paar Rehe spazieren umher – und werden plötzlich aufgeschreckt, als ein Mann atemlos aus dem Unterholz bricht. Verzweifelt streckt er seinen Arm aus, der ein Handy hält, während sich in seinen Augen der Wahnsinn spiegelt. Immer noch kein Empfang!

Heute Morgen war er noch mit dem Auto die schmalen Straßen zwischen den Dörfern entlang gefahren und hatte schließlich an einer einsamen Stelle gehalten, um zu pinkeln. Anschließend warf er einen kurzen Blick auf sein Handy, um zu sehen, ob Nachrichten eingetroffen waren. Mist, kein Netz, ärgerte er sich kurz, bevor er weiter fuhr. Als sich daran aber auch nach Kilometern nichts änderte, wurde er nervös, war ausgestiegen und einen kleinen Hügel hinaufgelaufen. Nur einen einzigen Empfangsbalken, mehr wollte er wirklich nicht. Einfach um zu wissen, was in der Welt da draußen gerade passiert. Aber Fehlanzeige. Seitdem war er immer weiter geirrt und schließlich nach mehreren Stunden auf das Feld mit den Rehen gestolpert.

Mittlerweile hatte er sich heillos verlaufen und wäre eigentlich schon froh gewesen, irgendwo wieder auf Anzeichen menschlichen Lebens zu treffen. All die Karten von fernen Urlaubszielen auf seinem Handy nutzten ihm hier in der Einöde nichts. Hätte ich mal eine Deutschlandkarte heruntergeladen, verfluchte er sich und stolperte weiter. Nichtsahnend, dass noch endlose Weiten digitalen Brachlandes vor ihm lagen, da Bundesregierung, Netzagentur und TK-Anbieter die Gegend einige Jahre zuvor zu einer Art Bad Bank der Mobilfunkabdeckung auserkoren hatten.

Nun, da die Dämmerung hereinbricht, hört der Mann aus der Ferne Musik. Erleichtert rennt er los und entdeckt hinter einer kleinen Anhöhe ein Dorf, in dem gerade ein Volksfest stattfindet. Menschen, endlich! Aber er hat immer noch keinen Empfang und beginnt sich zu wundern, wie diese so unbeschwert und gut gelaunt zu feiern imstande sind – so mitten im Funkloch. Der Mann sieht seine Chancen schwinden, jemals herauszubekommen, wo er sich befindet und wie er zu seinem Auto zurückgelangen kann, als ein ungeheuerlicher Gedanke in ihm aufkeimt: Sollte er es tatsächlich wagen, einen fremden Menschen anzusprechen?