Dilettanten der Digitalisierung: Wer Visionen hat, sollte zum Arzt fliegen

Beim Thema Digitalisierung übt sich die Bundesregierung in hochtrabenden Ankündigungen. Doch ohne eine solide Breitband-Infrastruktur sind Flugtaxis, E-Government und Telemedizin zum Scheitern verurteilt.

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Liest man die Koalitionsverträge der Regierungen dieses Jahrtausends, könnte man als Außenstehender schnell glauben, Deutschland sei ein Musterbeispiel der Digitalisierung. Den Papieren zufolge werden wichtige Zukunftsthemen wie der Breitbandausbau, E-Government, vernetzte Schulen, Datenschutz, IT-Sicherheit, Telemedizin und neue Mobilitätskonzepte unentwegt und unter Hochdruck vorangetrieben. Theoretisch müssten wir uns also in einem Land befinden, in dem die Gigabit-Gesellschaft völlig selbstverständlich Behördengänge von zuhause am PC erledigt, der Mittelstand auch im hintersten bayrischen Wald mit der globalen Cloud vernetzt ist und der Verkehr durch KI bedarfsgerecht und effizient gesteuert wird.

Sowohl die von den Bürgern und Unternehmen gefühlte als auch die von internationalen Vergleichsstudien gemessene Realität sieht allerdings ganz anders aus. In allen Bereichen der Digitalisierung ist Deutschland bestenfalls im Mittelfeld und weit abgeschlagen gegenüber echten Vorreitern wie Estland. Die neue GroKo hat deshalb noch einmal nachgelegt und räumt der Digitalisierung sogar erstmals ein eigenes Kapitel im Vertrag ein. Selbst einige gerne belächelte Länder wie Rumänien bieten ihrer Industrie und Bevölkerung inzwischen weit schnelle Internetverbindungen als Basis aller digitalen Bemühungen.

Und auch wenn es wieder nicht für ein eigenes Ministerium gereicht hat, gibt jetzt mit Dorothee Bär von der selbst erklärten Partei der Laptops und Lederhosen CSU immerhin eine Staatsministerin für Digitalisierung. Kam 2005 das Wort »Internet« nur viermal im Koalitionspapier vor, sind es dieses Mal schon 27 Nennungen. Statt mit dem Kleinklein der Infrastruktur wollen sie und ihre Kollegen sich dieses Mal lieber gleich mit großen Visionen beschäftigen. So träumt Bär etwa lieber von Drohnentaxis als öden Glasfaserautobahnen und Gesundheitsminister Jens Spahn will mit dem flächendecken Einsatz der Telemedizin gleichzeitig die Digitalisierung fördern und das Problem des Ärztemangel auf dem Land lösen, statt sich dem multimorbiden Patienten Gesundheitskarte zu widmen.

Dumm nur, dass ausgerechnet auf dem Land meist gar keine ausreichend schnelle Internetverbindung zur Verfügung steht, um sich per Videochat mit dem Doktor in Verbindung setzen zu können. Aber dann müssen die Patienten ihre Wehwehchen eben einfach mit ihrer Super-8-Kamera aufnehmen und samt Gesundheitskarte direkt per Drohnenkurier an den Arzt schicken. Das geht schnell und bequem, ist modern und trotzdem sogar DSGVO-Konform.