"Frauen müssen nicht wie jemand anderes führen, um an die Spitze zu gelangen"
Die Auszeichnung "IT Woman of the Year" im Rahmen der CRN Channel Awards 2026 wäre für Nicole Berg, Partner, Executive Board Member & Division Lead bei valantic, ein Statement weit über ihre persönliche Führungsstärke hinaus. Worauf ihre Führungsphilosophie basiert und mit welchem Ergebnis für valantic, erläutert sie im Interview.
Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit mehr Frauen in IT-Führungspositionen aufsteigen?
Nicole Berg: Ich bin überzeugt, dass viele Frauen das Potenzial für Führungspositionen in der IT haben. Wir haben aber noch immer ein Zutrauens- und Chancenproblem. Vorbilder machen Möglichkeiten sichtbar, Mentoring stärkt – aber Sponsorinnen und Sponsoren öffnen die entscheidenden Türen. Am Ende zählt, ob Frauen früh echte Verantwortung erhalten: für Kunden, P&L, Wachstum und Transformation.
Ich bin aktuelle Mentorin von drei Frauen in unterschiedlichen Karrierephasen: eine Projektmanagerin in Teilzeit, eine junge Kollegin direkt aus dem Studium in einer Executive-Assistant-Rolle, und eine Kollegin mit Branchenverantwortung. Für die eine bedeutet Förderung, zu zeigen, dass Wirkung nicht in Vollzeitstunden gemessen wird. Für die andere bedeutet sie Vertrauen, noch bevor ein langer Lebenslauf Sicherheit gibt. Auf Senior-Level bedeutet Mentoring vor allem ehrliches Sparring auf Augenhöhe.
Wenn mir Frauen sagen, dass ich sie inspiriere, heißt das für mich nicht, dass sie mir blind folgen, sondern dass sie sich selbst mehr zutrauen.
Was steckt hinter Ihrer Führungsphilosophie - wie trägt sie zum Erfolg bei?
Nicole Berg: Das Motto "You are what you believe" begleitet mich seit über zwanzig Jahren in der IT: Menschen wachsen mit dem Vertrauen und den Erwartungen, die wir ihnen entgegenbringen. Ich stelle hohe Erwartungen an Kolleginnen und Kollegen, bringe ihnen aber gleichzeitig echten Rückhalt, Klarheit, Empathie, Geschwindigkeit und bewusstes Zuhören entgegen.
Wir haben vergangenes Jahr in einem schwierigen Markt unser Geschäft weiterentwickelt und begonnen, zuvor eigenständige Bereiche enger zu verbinden – mit einer gemeinsamen Vision, transparentem Zielsystem und einem Netzwerk aus Change Agents. Die Ergebnisse zeigen: Im ersten Quartal 2026 erzielte unser SAP-Geschäft das beste Q1 seiner Geschichte, bei Umsatz und EBITDA. Im März erreichten wir die höchste Anzahl fakturierbarer Stunden, im Mai die höchste Billability eines Monats. Gleichzeitig wurden wir von SAP als einer von drei AI-Fokuspartnern in Deutschland ausgezeichnet.
Das ist für mich High Performance: das heutige Geschäft mit Präzision steuern und gleichzeitig mutig das Geschäft von morgen bauen. Ich verstehe mich als Architektin der Zukunft – aber nicht als eine, die nur einen Bauplan zeichnet und die Baustelle verlässt. Ich gehe ins Detail, löse Probleme und baue mit, bis aus Vision gelebter Alltag und aus Strategie messbares Ergebnis wird.
valantic hat sich für die CRN Channel Awards 2026 beworben und hat es in die Finalrunde geschafft. Was würde eine Auszeichnung für valantic und Sie persönlich bedeuten?
Nicole Berg: Für mich wäre der Titel "IT Woman of the Year 2026" mehr als nur Sichtbarkeit: Er wäre die Bestätigung, dass man in großer Verantwortung erfolgreich sein kann, ohne Leistung und Menschlichkeit gegeneinander ausspielen zu müssen.
Ich war in meiner Karriere häufig die einzige Frau im Raum. Dabei war mir wichtig, mich durchzusetzen, ohne mich zu verbiegen: klar, direkt, manchmal unbequem – aber auf meine Art und immer mit Respekt. Der Award würde die Botschaft senden: Frauen müssen nicht wie jemand anderes führen, um an die Spitze zu gelangen.
Für valantic wäre die Auszeichnung eine Anerkennung für ein Team, das bereit ist, Grenzen zu überwinden. Und wenn eine junge Frau dieses Interview liest und denkt: 'Warum eigentlich nicht ich?', dann hat der Award weit über mich hinaus Wirkung erzielt.
Wie begegnen Sie den aktuellen Herausforderungen des IT-Markts?
Nicole Berg: Unsere größte Herausforderung war 2025 gleichzeitig zuverlässig zu liefern und uns weiterzuentwickeln: Transformieren, während wir High Performance liefern. Innerhalb eines halben Jahres haben wir zwei Unternehmen akquiriert und integriert – UTILIGENCE in Deutschland und oneresource in der Schweiz – und das parallel zum laufenden Tagesgeschäft und zur eigenen Transformation. Das ist ein Kraftakt, den ein Team nur stemmt, wenn Vision, Zielsystem und Change Agents bereits vor der Akquisition sauber aufgesetzt sind.
Die eigentliche Wertschöpfung beginnt aber erst nach dem Merger – wenn Menschen, Kulturen, Kunden und Kompetenzen zu einer gemeinsamen Erfolgsgeschichte verbunden werden, ohne die unternehmerische Stärke der Competence Center wegzustandardisieren.
Transformation kann man nicht aus der Distanz führen. Ich gehe deshalb selbst in die kritischen Themen hinein – zu Menschen, Kunden, Entscheidungen und Zahlen. Deshalb sind mir Formate wie meine Coffee Corners wichtig, in denen jede Frage gestellt werden darf.
Wann würden Sie von Erfolg für valantic sprechen?
Nicole Berg: Erfolg entsteht aus einer seltenen Kombination: Größe und Unternehmertum. Mit rund 4.300 Expertinnen und Experten an über 60 Standorten in mehr als 20 Ländern haben wir die Breite und Tiefe für End-to-End-Transformationen – und bleiben zugleich nah am Kunden. Unsere Kultur lebt von Menschen, die Verantwortung übernehmen und bleiben, bis Prozesse funktionieren und der Business Case sichtbar wird: Many Streams. One River.
In welchen Themenbereichen sehen Sie künftig Chancen für Wachstum?
Nicole Berg: AI verlässt jetzt den Spielplatz und zieht in die P&L ein. Das größte Potenzial entsteht dort, wo operative AI, souveräne Daten- und Cloud-Plattformen sowie Cyberresilienz zusammenkommen. Im SAP-Umfeld bedeutet der Weg zur Autonomous Enterprise, Prozesse intelligent und agentisch zu gestalten – nur mit verlässlicher Datenbasis und bewusster Cloud-Architektur. Digitale Souveränität heißt für mich strategische Handlungsfreiheit, nicht Rückzug. Kunden brauchen integrierte Transformation mit klarem Business Case: Strategie, Umsetzung und Betrieb über SAP- und Non-SAP-Welten hinweg zu verbinden – darin liegt unsere Chance.