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Pionier im IT-Handel: Gerhard Schick

Zukunft braucht Herkunft

05. Mai 2020, 14:00 Uhr   |  Martin Fryba | Kommentar(e)

Zukunft braucht Herkunft
© CRN

Bechtle-Mitbegründer Gerhard Schick, 2002 im CRN-Interview

Der Turbokapitalismus hätte ihn schnell noch reicher machen können. Aber Bechtle-Gründer Gerhard Schick ist aus anderem Holz geschnitzt. Der heute 80-Jährige hat Geschichte im Computer-Handel geschrieben – und bleibende Werte geschaffen.

Cebit-Vorbereitung 2001: CRN erhält einen Anruf eines privaten TV-Senders, ob man einen Gründer aus der IT-Branche für ein Interview empfehlen und vermitteln könne? Gerne! Gerhard Schick, Vorstandsvorsitzender und Mitbegründer von Bechtle, ein schon länger etabliertes und stark wachsendes Systemhaus, das vor einem Jahr an die Börse ging. »Wie alt ist Schick?«  Er müsste bestimmt schon Mitte, Ende 50 sein. »Ach ja? Können Sie vielleicht jemand anderen vorschlagen?« Klar. Einen Stephan Schambach von Intershop, zum Beispiel. Der ist gerade mal 30 Jahre und schon Jung-Milliardär - auf dem Papier. Optisch absolut vorzeigbar, nur ist er sehr kurz angebunden, seit er in Kalifornien das ganz große Ding mit seiner E-Commerce-Software dreht.

Gelddruckmaschine
Im Medienzirkus müssen alle Innovatoren jung sein und so ausschauen wie Steve Jobs oder Bill Gates. Ein ergrauter Gerhard Schick, noch dazu ein Firmenname, der nach Kehrwoche klingt und so gar nicht nach IT- und Internet-Revolution? Luftnummern verkaufen, sagenhaft viel und schnell Geld scheffeln und anschließend »Business-Änschel« spielen, das hätte einer wie Gerhard Schick spätestens kurz nach dem Börsengang der Bechtle AG im März 2000 alles machen können.  Die Dotcom-Euphorie war noch nicht geplatzt, der Konsortialführer beim IPO drängte Schick, er solle doch die von Bechtle eigens programmierte E-Commerce-Lösung zur Vermarktung frei geben. Das wäre ein zusätzlicher Treiber in der »Börsen-Story« gewesen. Eine schwäbische Intershop aus Neckarsulm hätte den Bechtle-Emissionserlös von 300 Millionen Mark wohl locker verdoppelt.  


Schick aber erkannte nicht nur den Wettbewerbsvorsprung, den Bechtle dank seiner Software hatte. Er misstraute auch einer Gelddruckmaschine, verachtete insgeheim den faulen Investoren-Zauber, die Quartalsgetriebenheit, der er sich freilich unterwerfen musste, wollte er Bechtle mit dem Kapital der Börse als überregional und international handeltreibendes Systemhaus größer denken.


Niemand, wohl auch Gerhard Schick und Mitbegründer Ralf Klenk ahnten am 15. Oktober 1983 nicht, als sie ihr 70 qm kleines Ladengeschäft im Heilbronner City-Center Süd eröffnet hatten, dass bei Bechtle AG einmal über 11.000 Mitarbeiter in 14 europäischen Ländern arbeiten würden. Die Revolutionen in der IT-Branche haben viele Unternehmen hinweggefegt. Auffällig  ist, dass sich häufig Unternehmen im IT-Handel, ob Systemhäuser wie Bechtle oder Distributoren, der kurzen Halbwertszeit in der Technologiebranche entziehen konnten, wie sie bei vielen Herstellern und Investoren-getriebenen Systemhäusern mit wenig vorausschauenden Inhabern üblich war. Warum?

Werteorientierung
Es hat etwas mit Werten und wertegeleitetem Unternehmertum zu tun: langfristige Orientierung, Nachhaltigkeit, Respekt vor Mitarbeitern, soziale Verantwortung, Vorbildfunktion eines Unternehmers. Turbokapitalismus und graues Schattenmanagement in Firmenkonglomeraten kennen Mitarbeiter lediglich als Produktionsmittel. Werte sind ihnen nüchterne KPIs, Bilanzkennzahlen, Renditen, Mitarbeiter nur als Dispositionsmasse.

Bechtles DNA bis heute
Bei Bundesverdienstkreuzträger Schick kommt noch die besondere »Erdung« hinzu, eine »Bodenständigkeit« und seltene »Beharrlichkeit«, die den 1940 geborenen jüngsten Sohn einer kleinbäuerlichen Familie zeitlebens geprägt, die er nie abgelegt hat und die bis heute die DNA Bechtles prägt, wie Bechtle-Chef Thomas Olemotz Jubilar Schick würdigt, der heute 80 Jahre alt wird.


Zukunft braucht Herkunft. In diesem Sinne führt Bechtle-Mitbegründer Schick noch immer unsichtbar aber präsent Deutschlands größtes Systemhaus. Er und seine Tochter Karin als Großaktionärin sind dem Lebenswerk Bechtle nach wie vor eng verbunden.

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