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Debatte um Gesichtserkennungssoftware

Fotos und Videos sind die neuen Fingerabdrücke

10. Februar 2020, 10:54 Uhr   |  Britta Schultejans, dpa

Fotos und Videos sind die neuen Fingerabdrücke

Was bisher die Fingerabdrücke bei der Aufklärung von Straftaten leisten, könnten bald Fotos und Videos übernehmen. Gesichtserkennungsprogramme werden von der deutschen Polizei schon genutzt. Das LKA kritisiert, dass die bisherigen Möglichkeiten noch konsequenter ausgeschöpft werden könnten.

In Berlin hat Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) kürzlich einen umstrittenen Referentenentwurf zu einer Videoüberwachung, die Gesichter automatisch erkennt, in letzter Minute gestoppt. Die umstrittene Software »Clearview« will das komplette Internet nach Fotos durchsuchen, und in Hamburg streitet die Polizei mit Datenschützern um die Krawallmacher-Suche auf Videos rund um den G20-Gipfel.

Gesichtserkennung ist und bleibt ein heißes Eisen. Dabei werden heute schon Hunderte Kriminalfälle in Deutschland per Algorithmus geklärt, der Gesichter erkennt - Tendenz weiter steigend.

Nach Ansicht des bayerischen Landeskriminalamtes (LKA) könnte die Zahl der Erfolgsfälle noch viel höher liegen, wenn die bisherigen Möglichkeiten konsequenter ausgeschöpft würden - ganz unabhängig davon, was man in Zukunft dürfe oder machen könne. »Das, was wir dürfen, nutzen wir nicht optimal aus«, sagt Bernhard Egger, Leiter der Abteilung Zentrale Kriminalpolizeiliche Dienste/Cybercrime beim LKA, das sich in Sachen polizeiliche Gesichtserkennung in einer Vorreiterrolle sieht.

2019 kam die Polizei in Bayern per Gesichtserkennungsprogramm mehr als doppelt so vielen Straftätern auf die Schliche wie im Jahr davor. Insgesamt 387 Täter wurden nach LKA-Angaben im vergangenen Jahr auf diese Art und Weise identifiziert. Im Jahr 2018 waren es nur 146 und 2010 sogar nur zehn Fälle. Und es geht weiter nach oben: Allein im Januar 2020 wurden nach Angaben des Leitenden Krimialdirektors Egger schon 55 Identitäten mithilfe eines Algorithmus geklärt.

Egger führt diese Steigerung vor allem auf bessere Technik zurück. 600.000 Euro hat das LKA seit 2018 in den Ausbau seiner Gesichtserkennung gesteckt. Das Programm könne heute viel schlechtere Fotos verarbeiten als früher. »Wir können jetzt Bilder auswerten, die wir uns vor zwei Jahren noch nicht einmal angeschaut haben.«

Seit zwölf Jahren nutzt das LKA inzwischen schon die Möglichkeit, Bildmaterial, auf dem unbekannte mutmaßliche Täter zu sehen sind, mit Fotos aus einer Straftäter-Datenbank des Bundeskriminalamtes (BKA) abzugleichen. Der Algorithmus misst dabei beispielsweise und unter anderem die Abstände zwischen Nase und Mund und filtert so die Menschen aus der Datenbank heraus, bei denen es sich um den Gesuchten handeln könnte. Gesichtsexperten gleichen die Bilder dann noch einmal ab, um auf Nummer sicher zu gehen.

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2. »Es gibt heute an jedem Tatort so viele Bilder wie Fingerabdrücke«

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