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Handel mit gebrauchten Softwarelizenzen

»Ein ganzer Markt wird diskreditiert«

21. Oktober 2019, 13:03 Uhr   |  Martin Fryba

»Ein ganzer Markt wird diskreditiert«
© Vendosoft

Vendosoft-Gründer Björn Orth: »Der illegale Handel mit Softwarelizenzen darf nicht einen ganzen Markt diskreditieren!«

Kaum ein anderes Thema wie Softwarelizenzen ist geeignet, Kunden tief zu verunsichern. Erst recht, wenn zweifelhafte oder gar illegale Handelspraktiken im großen Stil aufgedeckt werden. Die Chancen geraten in den Hintergrund, die ein legaler Einsatz gebrauchter Software nach wie vor bietet.

Bei unsauberen Handelspraktiken gibt es keine Kollektivhaftung. Aber es gibt sehr wohl ein kollektives Misstrauen gegenüber einem Markt und dessen Anbietern. Ein langer und beschwerlicher juristischer Weg liegt hinter Händlern von gebrauchter Software, bis Landgerichte, BGH und schließlich EUGH Softwarehersteller mit dem Erschöpfungsgrundsatz in die Schranken gewiesen haben. Hersteller hätten am liebsten den Zweithandel mit ihren Produkten dauerhaft kriminalisiert und ausschließlich neu erworbenen Softwarelizenzen ein Nutzungsrecht eingeräumt. Doch Software – wie auch andere nicht physischen Güter, wird nicht schlecht, nutzt sich nicht ab und hat auch gebraucht noch einen materiellen Wert.

Nicht mehr eingesetzte Software weiter veräußern zu dürfen, wenn die von Gerichten festgelegten Bedingungen erfüllt sind, nutzt allen: Herstellern und Systemhäusern, weil sie durch Anrechnung werthaltiger, handelbarer aber nicht mehr benötigter Lizenzen Kunden Geld sparen helfen und einen zusätzlichen Anreiz bieten, dass Kunden auf neue Versionen umsteigen. Das haben mittlerweile auch Hersteller wie Microsoft erkannt. Sie würden freilich gerne alle Kundenanwendungen in ihrer Cloud sehen. Doch viele Unternehmen wollen kein Abonnement, sie wollen, wo es noch geht, Kauf-Software On-Premise einsetzen.

Deshalb boomt der Markt für gebrauchte Software, wie auch der Markt für gebrauchte Computer. Es hat sich längst ein Channel für »Used IT« etabliert. Seriosität und Beratungskompetenz im Softwarebusiness zeigen sich darin, dass solche Anbieter vor allem drei Disziplinen ihres Handwerks perfekt beherrschen und transparent darlegen können: Sie kennen die gesetzlichen Rahmenbedingungen, sie beherrschen die lizenzrechtlich sehr komplizierten Herstellerauflagen, sie prüfen lieber dreimal ihre Einkaufsquellen, bevor sie zu Schnäppchen greifen, die eine verlockende schnelle Marge im Handel mit vor allem Volumenlizenzen bieten.

Es ist indes auch ein langer Weg für Hersteller, zweifelhafte Anbieter von Software juristisch zu belangen. Selbst ganz offensichtliche Raubkopierer wie PC-Fritz konnten Jahre lang ihren Betrug praktizieren, bevor die Staatsanwaltschaft einschritt. Medienwirksam inszenierte sich PC-Fritz als Softwarehändler, der schließlich einen ganzen Markt in Misskredit brachte: Den legalen Handel mit gebrauchter Software und damit auch Softwarehändler, die ihr Geschäft auf juristisch sauberer Grundlage aufgebaut hatten.

Im von CRN dargelegten Fall des Kölner Anbieters Lizengo und seines Ablegers Lizenzfuch liegt die Sache anders als bei PC-Fritz. Beide Firmen haben eine durchaus stattliche Anzahl von (sehr jungen) Mitarbeitern. Shops, Prozesse und Marketing sind professionell, die Geschäftsführer haben eine Historie in der Softwarebranche. Eine vertriebliche Kooperation mit Edeka, namhafte Kunden wie Bundeswehr, Deutsche Bahn, Sparkasse, Siemens oder Prosieben Sat1 sind erstklassige Referenzen. Einen angeblich krebskranken, partysüchtigen Computermillionär, wie er bei PC-Fritz zur medienwirksamen Staffage gehört hatte, braucht Lizengo nicht.

Umso mehr verwundern CRN die eklatanten Ungereimtheiten der Kölner. Man muss nicht einmal Microsoft-Lizenzexperte sein, um sich zu fragen, warum Lizengo von »neuen Einzelplatzlizenzen« spricht, die Problematik von Volumenlizenzen (und die Betrugsansätze anderer Anbieter) thematisiert, selbst erklärt, diese Lizenzart nicht anzubieten, gleichzeitig in seinem Shop und sonstiger B2B-Flyer ganz selbstverständlich Volumenlizenzen anbietet.

Nicht das offenbar schwarze Schaf ist das Problem, sondern das Bild, das man sich von außen auf die Herde macht, ist fatal. Außer sich selbst schädigt Lizengo nämlich den gesamten Markt für gebrauchte Software und damit die Kunden, die Geld sparen können, wenn sie denn von seriösen Händlern beraten werden. »Illegaler Handel mit Softwarelizenzen darf nicht einen ganzen Markt diskreditieren«, bringt es Björn Orth, Gründer und Geschäftsführer von Vendosoft auf den Punkt.

Genau aber das passiert derzeit. Kleinen und mittelständischen Unternehmen werde derzeit der finanzielle Freiraum gekappt, wenn sie sich durch aktuelle Fälle wie Lizengo verunsichert vom Markt für gebrauchte Software zurückziehen. Man würde sich das Gegenteil wünschen: Monitären Spielraum für innovative Geschäftsmodelle vergrößern, wenn auf der anderen Seite im Lizenzeinkauf Kosten gespart werden können. Vendosoft-Geschäftsführer Orth spricht von »Schadensbegrenzung«, der durch den Fall Lizengo & Co eingetreten sei.

Es gibt andererseits für Orth und andere Anbieter im gleichen Marktsegment immer auch die Chance des Glücks im Unglück. Jetzt erst recht auf die Dienstleistung qualifizierter Softwareexperten aufmerksam zu machen, verunsicherten Kunden durch Lizenzchecks und Beratung beim rechtssicheren An- und Verkauf sowie dem Einsatz von gebrauchter Software zu helfen, Kosten zu sparen.

Ein Fall wie PC-Fritz hatte die Absurdität eines Handelssegments einer breiten Öffentlichkeit vor Augen geführt. Im Übrigen hatten Hersteller wie Microsoft durch ihre wenig durchdachte, immer wieder geänderte Lizenzpraxis ja erst die Grundlagen für einen Betrug möglich gemacht.

Was aber auch Betrug im großen Stil nicht verhindern kann, ist, dass sich Kunden dauerhaft von einem funktionierenden Markt abwenden. Dafür ist »Used IT« zu attraktiv, die vielen seriösen Player in diesem Markt zu professionell, um kollektiven Schaden zu erleiden für das Gebaren einiger opportunistischer Anbieter mit zweifelhaftem Geschäftsmodell.

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