Schwerpunkte

Plichterfüllte Zahlenmenschen

Bechtles heimlicher Börsenmacher

02. Dezember 2019, 10:55 Uhr   |  Martin Fryba

Bechtles heimlicher Börsenmacher
© Bechtle

War im Dauereinsatz für Bechtles gerade noch rechtzeitigen Börsengang im März 2000, bevor anscßließend die Dotcom-Blase platzte: Stefan Sagowski, Bereichsvorstand Finanzen bei Bechtle AG

Im Stillen und abseits der Konzernzentrale agiert einer der wichtigsten »Zahlenmenschen« bei Bechtle. Stefan Sagowski wäre wohl CFO geworden, hätte sein damaliger Chef nicht einen noch gewichtigeren Vermögens- und Bilanzprofi zu Bechtle geholt.

Würden Neurologen Bechtles Gehirn studieren, sie könnten diesen anatomischen Ausnahmefall ins Lehrbuch aufnehmen. Die rechte Hälfte, gemeinhin bekannt für emotionale Regungen, ist recht klein ausgeprägt, wächst aber seit einigen Jahren erstaunlicherweise stetig - in freilich ganz kleinen Schritten. Während sich im linken Teil dieses Systemhauscortex die überragend große Ratio breit macht, die sich über zwei eng verbundene Räume verteilt:  Der eine, für die Steuerung der operativen Konzerneinheiten zuständig, befindet sich in der Konzernzentrale Neckarsulm. Der andere liegt rund 70 Kilometer entfernt in Gaildorf.


Dort im Landkreis von Deutschlands berühmtester Bausparkasse Schwäbisch-Hall wird kommenden Februar Stefan Sagowski sein 20-Jähriges bei Bechtle im Kreise der Mitarbeiter  feiern. Für jedes Jahr der Firmenzugehörigkeit gibt es bei solchen runden Jubiläen zehn Euro, also 200 Euro sieht die entsprechende Richtlinie für Jubilar Sagowski vor. Seine überaus harte Bewährungsprobe hatte der 55-Jährige allerdings schon drei Monate vor seinem offiziellen Eintritt bei Bechtle am 1.Februar 2000 mit Bravour bestanden. Sagowski ist Bechtles Börsenmacher. Dazu gleich mehr.


Sagowski wacht über Bechtles Finanzen und das nicht zufällig in Gaildorf. Denn dort wohnt Bechtle-Mitbegründer und langjähriger CEO Gerhard Schick, und er sorgt bis heute dafür, dass in seiner Heimatgemeinde neue Arbeitsplätze entstehen. 100 Bechtle-Mitarbeiter arbeiten in Gaildorf, in den nächsten Jahren werden 100 weitere dazukommen.


Das  dortige Privathaus von Schick ist die Keimzelle des berüchtigten Controllings von Deutschlands größtem Systemhaus. Der ehemalige CEO hatte von hier aus Zugriff auf das ERP-System, das ihm seine tägliche »Bettlektüre« lieferte: Tagesabschlüsse seiner vielen Systemhausgeschäftsführer in den Regionen und jeden Freitag, die Stunde der Wahrheit, las er die konsolidierten Wochenzahlen von Umsatz, Deckungsbeitrag und Auftragseingang. Die Geschäftsführer der E-Commerce-Gesellschaften von Bechtle müssen sogar täglich liefern. Wer unter Plan blieb, bekam am nächsten Tag einen Anruf von Schick und nicht etwa eine E-Mail, aus der man kein unmittelbares Feedback, keine Zwischentöne des unvermittelt kontaktierten Adressaten erfahren kann.


Heute ist ihn Gaildorf die gesamte Verwaltung von Bechtle untergebracht: Rechnungs- und Konzernrechnungswesen, Personalabrechnung, Treasury und Versicherungen, Innenrevision, Steuern und Gesellschaftsrecht, zentrale Adressmanagement.


Stefan Sagowski wäre heute wohl CFO von Bechtle, hätte Gerhard Schick 2007 nicht Thomas Olemotz als Wunschkandidaten für Finanzen bekommen, der seit 2009 CEO ist. Aber Olemotz‘ Erfahrungen in M&A-Aktivitäten  und der Verwaltung großer Familienvermögen, erworben bei Deutsche Bank und Delton, eine der vielen Beteiligungsgesellschaften von BMW-Erbe Stefan Quandt, sprachen dafür, ihm als Vorstandsvorsitzenden das Finanzressort zuzuschlagen.


Aber Bereichsvorstand Finanzen Bechtle AG bei einem 5-Milliarden-Euro-Unternehmen zu sein, ist ja auch schon etwas für einen uneitlen und im Stillen agierenden Zahlenmenschen wie Sagowski, ohne den Bechtle nicht da stehen würde, wo das Systemhaus heute steht. Dass ein derartig straffes Controlling bei einem so stark durch Akquisitionen wachsenden Systemhaus wie Bechtle nicht nur reibungslos funktioniert, sondern eines der zentralen Instrumente von Bechtles beachtlicher Unternehmensentwicklung überhaupt ist, ist auch dem gebürtigen Münchner Sagowski zu verdanken. Und noch einen - inoffiziellen -Titel darf er sich zurechnen: Sagowski ist Bechtles Börsenmacher.

Seite 1 von 2

1. Bechtles heimlicher Börsenmacher
2. Den Todeslisten zuvorgekommen

Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenAuf Linkedin teilenVia Mail teilen

Verwandte Artikel

Bechtle

Systemhaus