Die besten Arbeitnehmer Deutschlands: IT: A Great Place to Burn Out

Unter den als beste Arbeitgeber Deutschlands Ausgezeichneten sind auch in diesem Jahr wieder einige IT- Firmen. Allerdings bleibt fraglich, was diese Auszeichnung in der Praxis wirklich wert ist.

Die IT-Branche ist - trotz zahlreicher Auszeichnungen - eines der gefährlichsten Arbeitsfelder in Deutschland. (Bild: Minerva Studio - fotolia.com)

Glaubt man der Auszeichnung des Great Place to Work Instituts, ist die IT-Branche in Deutschland eine Art Insel der Glückseeligen für Arbeitnehmer. Unter den prämierten 100 besten Arbeitgebern Deutschlands finden sich auch 2013 wieder etliche große und kleine Software- und Beratungshäuser, Distributoren, Hardwarehersteller und andere IT-Firmen, unter anderem Adobe, Cisco, Datev, ebay, Ingram Micro, SAP, T-Systems. Einige von ihnen wie NetApp und Microsoft Deutschland konnten sich dabei sogar in ihrer nach der Mitarbeiterzahl gestaffelten Größenklasse den ersten Platz sichern.

Doch so schön diese Nachricht zumindest für die PR- und Personalabteilungen ist, fängt genau hier die Frage nach dem praktischen Wert der Auszeichnung für den einzelnen Arbeitnehmer schon an. Zwar sind die Grundlage der in Deutschland auf Bestreben der Europäischen Kommission seit 2002 vergebenen Auszeichnung relativ allgemeingültige weiche Kategorien der gefühlten Arbeitszufriedenheit wie Glaubwürdigkeit, Respekt, Fairness, Stolz und Team. Zu zwei Dritteln zählen dabei die Stimmen anonym befragter Mitarbeiter, ein weiteres Drittel kommt durch eine Bewertung der Unternehmenskultur durch das Management hinzu. Allerdings sind einzelne Faktoren wie Bezahlung, Jobsicherheit und Arbeitszeitmodelle in einem Softwarekonzern per se völlig anders aufgestellt als etwa in sozialen Einrichtungen.

Hinzu kommt, dass das Institut zwar unabhängig ist, die Teilnehmer aber dennoch für ihre Bewertung bezahlen müssen. Laut dem Spiegel kostet das jedes Jahr zwischen 4900 und 17.000 Euro, je nach Größe des Unternehmens und dem Umfang des Bewertungspaketes, mit dessen Ergebnissen die Personalabteilung ihre Arbeit verbessern können. Deshalb werden auch bei weitem nicht alle Arbeitgeber in Deutschland mit einbezogen, sondern nur eine kleine Gruppe, die sich dies leisten kann und will. Einige der wichtigsten und unter Hochschulabsolventen beliebtesten Unternehmen, etwa aus der Automobilindustrie oder dem innovativen Start-Up-Bereich, sparen sich deshalb die Teilnahme an der Auswertung komplett. Das führt dazu, dass etwa im Jahr 2011 mehr als ein Drittel der teilnehmenden Unternehmen zu den 100 besten Arbeitgebern gekürt wurden.

In anderen, offenen Umfragen, wie etwa dem zu Xing gehörenden Onlineportal kununu, fallen die Bewertungen denn oft etwas anders aus. Der vermeintlich beste Arbeitgeber Deutschlands, Microsoft, kommt dort etwa nur auf eine durchschnittliche Beurteilung mit 3,27 von 5 möglichen Punkten. Während sich die Mitarbeiter hier zwar mit Faktoren wie Gehalt, Kollegialität, Gleichberechtigung und Image recht zufrieden zeigen, ist eines der am häufigsten kritisierten Punkte die Work-Life-Balance. Gerade im IT-Umfeld führen die hoch gelobten flexiblen Modelle der Arbeitszeit und -plätze oft zu einem erhöhten Druck durch den fehlenden Rahmen. Wer Mittags kurz das Büro verlassen darf um die Kinder von der Schule abzuholen fühlt sich psychologisch schnell umso mehr verpflichtet, das durch ständige Erreichbarkeit und Einsatzbereitschaft auszugleichen. Dadurch ist die Zahl der Krankmeldungen und Burn-Out-Fälle in den letzten Jahren enorm angewachsen und erreicht in der IT-Branche beinahe den doppelten Stand des landesweiten Durchschnitts. Dieser Herausforderung, die jungen dynamischen Kräfte nicht einfach als »menschliche Ressourcen« zu verschleißen, müssen sich also gerade die IT-Unternehmen stellen, wenn sie weiterhin wirklich großartige Arbeitsplätze bieten wollen.