Bruno-Kreisky-Preis für das Politische Buch 2018: Eine Ethik für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz

Schlechte Zeiten für universelle Werte: Der Neoliberalismus und die postmoderne Kulturtheorie schaffen den Humanismus ab, Technologie wird sein Ende beschleunigen. Gegen eine Digitalisierung ohne Ethik und Allmachtsphantasien des Silicon Valleys setzen Nathalie Weidenfeld und Julian Nida-Rümelin den »Digitalen Humanismus«.

Der Bruno-Kreisky-Preis für das Politische Buch 2018 geht an das Autorenduo Nathalie Weidenfeld und Julian Nida-Rümelin für ihr Buch »Digitaler Humanismus – Eine Ethik für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz«
(Foto: Karl-Renner-Institut/Facebook)

Der Bruno-Kreisky-Preis für das Politische Buch 2018 geht an das Autorenduo Nathalie Weidenfeld und Julian Nida-Rümelin für ihr Buch »Digitaler Humanismus – Eine Ethik für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz« (Piper, 2018, mittlerweile 3. Auflage). Gestern zeichnete das Karl-Renner-Institut in Wien die Kulturwissenschaftlerin und den Philosophen für ihr Werk aus. »Fortschritt ist gut, aber nur, wenn er den Menschen dient und sie nicht degradiert, sie also nicht zu berechenbaren Rädchen in einem mechanistischen Weltgetriebe macht«, so die Jury in ihrer Begründung. »Selbstfahrende Autos, sprechende Kühlschränke, Haushalts-Roboter: Wie soll unser Zusammenleben mit intelligenten Maschinen aussehen? In ‚Digitaler Humanismus‘ entwickeln Julian Nida-Rümelin und Nathalie Weidenfeld eine Ethik für den Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Sie fragen, wie Staat und Gesellschaft mit immer komplexeren Computerprogrammen umgehen sollen«.

In seiner Rede verteidigte der ehemalige Kulturstaatssekretär im Kabinett Schröder, Julian Nida-Rümelin, die universellen Werte des Humanismus auch und gerade vor dem Hintergrund eines durch Technologie-Innovationen wie Robotik und Künstlicher Intelligenz getriebenen neuen Industriezeitalters. Zunächst zog der Philosoph allerdings ein ernüchterndes Fazit: 2009 mit der Finanz- und Wirtschaftskrise sei der Humanismus »durch eine neoliberale Wirtschaftsideologie und eine postmoderne Kulturtheorie zu Ende gegangen«, sagt Nida-Rümelin. »Die großen Erzählungen von Gerechtigkeit, Frieden, Vernunft und des menschlichen Subjekts gibt es nicht mehr«.

Die gute Nachricht: Noch liegt der Humanismus nicht gänzlich auf der Intensivstation. Der Staat zieht nach wie vor Menschen zur Verantwortung, fragt nach individueller Schuld, auch wenn ihre Taten wie Verbrechen gegen die Menschlichkeit Jahrzehnte zurück liegen, relativiert Nida-Rümelin den von ihm konstatierten Verfall humanistischer Ideale und Werte.

Der Anfang vom Ende des Humanismus droht indes von einer ganz anderen Seite, nämlich von einer unreflektierten Technologie-Entwicklung, wenn fortschreitende Innovationen – oft rein ökonomisch getrieben – keine ethnischen Maßstäbe mehr kennen. Eine besondere Verantwortung fällt dabei der Politik zu.

(Foto: Piper)

CRN-Zitat aus der Rezension dieses Buchs: Was kann, was darf eine Gesellschaft vor dem Hintergrund der sich rasant entwickelnden Digitalisierung und der immer perfekter werdenden Künstlichen Intelligenz akzeptieren? Wo müssen strikte Grenzen gesetzt werden? Technologische, weil ethische Grundwerte verletzend, aber auch sozialpolitische rote Linien, die ein Überschreiten ein liberales, freiheitlich-demokratisches Gemeinwesen als Bedrohung seiner Grundordnung sehen muss.

Insofern ist das gestern mit dem Bruno-Kreisky-Preis ausgezeichnete Werk »Digitaler Humanismus« ein politisches Buch. Aber nicht nur, denn Digitalisierung geht uns alle an.