Luthers digitale Erben: Bargeldloser Ablasshandel

Während der Mittbewerb noch den Ausgang aus dem Mittelalter sucht, erschließt sich die Evangelische Kirche mit der Digitalisierung ihres Spendenwesens spannende neue Geschäftsfelder von der Sitzplatz-Reservierung bis hin zum Ablass 2.0.

Bei der Aussicht auf bargeldlosen Ablasshandel wäre vermutlich selbst Luther schwach geworden
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Die katholische Kurie ist derzeit vor allem damit beschäftigt, die nach ihrem Dafürhalten oft allzu freigeistigen Äußerungen ihres irdischen Vorgesetzten Papst Franziskus mit aller Mühe wieder ins streng konservative kirchliche Korsett hinein umzudeuten. Einstweilen wird sie in Sachen Digitalisierung von ihrer ungeliebten Schwester links überholt. So hat jetzt beispielsweise die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) einen digitalen Klingelbeutel entwickelt, mit dem die Schäflein ihr Opfer im Gottesdienst nun auch direkt per Bank- oder Kreditkarte entrichten können. Das nimmt den Gläubigen nicht nur die Ausrede fehlenden Kleingelds, sondern spart der Kirche gleichzeitig noch Bankgebühren und Verwaltungskosten.

Vor allem aber erschließen sich die Evangelen mit Ideen wie dieser völlig neue Geschäftsmodelle, während es bei den Katholiken immer weniger im Beutel klingelt. Wie die CRN Kopfnuss von einem Insider exklusiv erfahren konnte, arbeitet das Systemhaus des Herrn unter anderem bereits daran, die noch viel wertvolleren Daten aus dem Klingelbeutel nutzbar zu machen. So sollen in einem ersten Schritt auf den Liedanzeigen in den Kirchen künftig jeweils der aktuelle Spendenstand sowie ein Liste der fünf fleißigsten Geber und größten Knauser eingeblendet werden. Außerdem ist eine kostenpflichtige Online-Sitzplatzreservierung für die Gottesdienste ist angedacht. Weniger aus Angst vor überfüllten Kirchen, als vielmehr um Gläubigen die Möglichkeit zu geben, sich einen Platz in der hintersten Ecke zu sichern, von dem man unbemerkt wieder verschwinden kann, sobald einen die anderen Gemeindemitglieder gesehen haben und die Messe beginnt.

Auch in anderen Bereichen sind viel mehr Service-Modelle geplant, mit denen es sogar gelingen könnte, den Kollegen der anderen Konfession ausgerechnet ihr historisch einträglichstes Geschäftsmodell streitig zu machen: den Ablass. Inspiriert von Luthers Widersacher Johann Tetzel soll dazu eine KI-gesteuerte Beichtapp mit bedarfsgerechter Abrechnung nach Schwere des Sündenfalls eingeführt werden: »Je mehr Geld im Wallet klingelt, desto schneller die Seele in den Himmel springt«.