CRN-Kopfnuss: Kasperletheater mit Daten

Wie Amazon qua seiner Datenmacht und Logistik zum alles dominierende Konzern aufstieg und welche unvorhersehbaren Auswirkungen das auf den Einzelnen hat. Ein kleiner Blick in die Zukunft mit der CRN-Kopfnuss.

Wer aus der Reihe tanzt, macht sich verdächtig
(Foto: calla8109 - Fotolia)

Poch, poch, poch! Das Klopfen wurde drängender, ungeduldiger. Ben öffnete die Tür und sah sich zwei streng dreinblickenden Herren gegenüber. Einer von beiden zog leicht die Augenbraue hoch und fragte, ohne Zeit mit irgendeiner Begrüßung oder Vorstellung zu verschwenden: »Benjamin Bauer?« »Äh, ja. Und wer sind Sie?« »Amazon Qualitätskontrolle. Wir stellen hier die Fragen!«

Ben schluckte, denn mit Amazon legte man sich besser nicht an. Der Online-Versender war in wenigen Jahren zum größten Unternehmen der Welt aufgestiegen. Erst hatte er nicht mehr nur die Bestellungen seiner Kunden ausgeliefert, sondern jeglichen Transport von Waren übernommen. Dann folgten die Beförderung von Personen, die Produktion von Fahrzeugen jeglicher Art, der Bau von Warenlagern, Wohnhäusern für die Belegschaft, Straßen, Schienen, Netzwerken. Und schließlich, als sich Widerstand gegen die Macht des Konzerns regte: eine Privatarmee zur Sicherung der Transportwege und firmeneigenen Liegenschaften, die bald von klammen Kommunen als Ersatz für teuren Polizeieinheiten engagiert wurde.

Ben entschied sich, den Herren die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Doch einer schaffte es, seinen Fuß in den Türspalt zu bekommen. »Wir haben da eine auffällige Profilabweichung festgestellt. Haben Sie am 19. Mai tatsächlich das Buch ›Alarm im Kasperletheater‹ bestellt?«, fragte er ungerührt. »Hab ich. Für meine Tochter.« Der Mann bekam einen traurigen Blick: »Das ist verboten, seit jedes Kind bei der Geburt ein eigenes Profil erhält. Steht doch in den Nutzungsbedingen.«

»Die habe ich nicht gelesen«, musste Ben kleinlaut zugeben. Seine Gegenüber schauten entsetzt. »Mein Gott. Sind Sie wahnsinnig?«, schrie ihn der eine fast an. Der andere blieb ruhiger und sagte scharf: »Dann kommen Sie mal mit.« »Wohin?« »Ins Warenlager. Für Profilverfälschungen gibt es mindestens sechs Monate Zwangsarbeit. Oder drei Jahre, wenn wir Ihnen Absicht nachweisen können. Schließlich kann jede Abweichung im Profil auf zersetzendes Gedankengut hindeuten. Wir sammeln Ihre Daten ja nicht zum Spaß!«