Lisa Herzog im Gespräch: »Es muss eine Priorität menschlicher Belange vor den Belangen der Maschinen geben.«

Die Digitalisierung rüttelt an den Grundfesten menschlicher Arbeit. Diese Transformation bedarf einer politischen Steuerung, erläutert Lisa Herzog, Professorin für Politische Theorie an der TU München.

Prof. Lisa Herzog (Foto: Astrid Krüger)

CRN: Die Digitalisierung schreitet voran. Künstliche Intelligenz und Robotisierung könnten in einigen Jahrzehnten den Menschen überflüssig machen. Können Sie sich eine Welt ohne Erwerbstätigkeit vorstellen?

Lisa Herzog: Ohne Erwerbsarbeit vielleicht, ohne Arbeit nicht. Menschen haben das Bedürfnis, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und ihre Welt zu gestalten, und dazu bietet Arbeit die beste Gelegenheit, zumindest, wenn es gute Arbeit ist. Gute Arbeit erlaubt ihnen, dies zu tun, idealerweise innerhalb sozialer Zusammenhänge, in denen sie Gemeinschaft erleben und soziale Anerkennung erhalten.

CRN: Der Soziologe Max Weber hat in seiner Kapitalismusstudie Anfang des 20. Jahrhunderts verdeutlicht, dass die Arbeitsteilung eigentlich zu einer Verringerung der Arbeitsleistung hätte führen sollen, in der Realität jedoch dazu beigetragen hat, dass ein Großteil der Arbeitnehmer die eigene Arbeitsleistung erheblich gesteigert hat, während ein anderer Teil erwerbslos wurde. Wieso führt auch die Digitalisierung zu einer höheren Arbeitsintensität und zur Notwendigkeit permanenter Erreichbarkeit, obwohl sie auch das Gegenteil bewirken könnte?

Herzog: Das ist einerseits eine Frage der politischen Steuerung, und andererseits, und vielleicht tiefergehend, eine Frage der sozialen Normen. Eine Frage der politischen Steuerung ist zum Beispiel, wie hoch die Wochenarbeitszeit ist und wie viele Urlaubstage es gibt – da steht Deutschland im internationalen Vergleich recht gut da! Eine Frage der sozialen Normen ist zum Beispiel, ob wir voneinander erwarten, dass wir auch spät abends noch Emails beantworten. Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir uns von einigen wenigen Workaholics mitziehen lassen, obwohl die meisten Menschen lieber klare Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit sähe!

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