Lisa Herzog im Gespräch: »Es muss eine Priorität menschlicher Belange vor den Belangen der Maschinen geben.«

Die Digitalisierung rüttelt an den Grundfesten menschlicher Arbeit. Diese Transformation bedarf einer politischen Steuerung, erläutert Lisa Herzog, Professorin für Politische Theorie an der TU München.

Gesellschaftliche Ungleichheit

CRN: Über die jüngsten Enthüllungen der Paradise Papers war die gesellschaftliche Empörung zum Erstaunen der Süddeutschen Zeitung vergleichsweise gering. Gewöhnen wir uns an diese Ungleichheit?

Herzog: Ich würde es gerne bestreiten, aber leider muss ich Ihrer Beobachtung zustimmen. Gleichzeitig sehen wir den Anstieg populistischer Tendenzen, die oft von einem generellen Misstrauen gegen »die da oben« getragen werden, und eines der Elemente, das diesen Populismus schürt, ist sicher auch die steigende Ungleichheit. Offensichtlich fehlen Mechanismen, Empörung in konkrete politische Maßnahmen zu übersetzen, und das Vertrauen darauf, dass die Politik dieses Problem angeht, schwindet. Das kann zu einem gefährlichen Teufelskreis werden.

CRN: Die Privatisierung in vielen politischen und ökonomischen Bereichen nimmt zu. Kann der Staat das Wissen, die Daten und Informationen über Künstliche Intelligenz kampflos wenigen privaten Unternehmen wie Amazon, Microsoft, Apple oder Facebook überlassen?

Herzog: Er kann, aber er sollte nicht! Einerseits könnte man vielleicht sagen: immer noch besser, als wenn der Staat selbst all diese Daten besäße! Andererseits machen wir uns als Gesellschaft extrem von diesen Unternehmen abhängig. Es ist durchaus vorstellbar, dass sie irgendwann definieren können, welche Arbeit überhaupt noch als wertvoll oder wertlos angesehen wird. Hier besteht die Gefahr, dass das politische System und das Rechtssystem irgendwann nicht mehr in der Lage sind, die Rechte Einzelner gegen diese Firmen zu sichern. Und der Raum des Politischen wird immer kleiner, wenn immer weniger gesellschaftliche Fragen durch öffentlichen Diskurs und demokratische Wahlen, sondern stattdessen durch das Vorpreschen privatwirtschaftlicher Akteure entschieden werden.

CRN: Passt die Bildungspolitik in Deutschland noch zu diesem Wandel auf dem Arbeitsmarkt?

Herzog: Meines Erachtens wird viel Wert auf den hektischen Erwerb irgendwelcher »technischer« Kenntnisse gelegt, anstatt sich zu fragen, welche Kompetenzen ein tiefergehendes Verständnis der heutigen Entwicklungen und einen kreativen Umgang mit neuen Herausforderungen ermöglichen. Dazu gehört zum Beispiel ein Verständnis der Schnittstellen zwischen verschiedenen Art von Wissen, wie zum Beispiel wissenschaftlichem, technischem und psychologischem Wissen, aber auch eine geschulte ethische Urteilskraft, die es erlaubt, verschiedene Werte, die im Konflikt miteinander stehen, abzuwägen. Sonst setzen sich am Ende vermutlich monetäre Werte gegenüber allen anderen durch.