Lisa Herzog im Gespräch: »Es muss eine Priorität menschlicher Belange vor den Belangen der Maschinen geben.«

Die Digitalisierung rüttelt an den Grundfesten menschlicher Arbeit. Diese Transformation bedarf einer politischen Steuerung, erläutert Lisa Herzog, Professorin für Politische Theorie an der TU München.

Wandel der Arbeitswelt

CRN: Prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Befristete Arbeitsverträge, Jugendarbeitslosigkeit in Europa, Fachkräftemangel und auf der anderen Seite kontinuierliches Wachstum oder hohe Beschäftigungszahlen – Wird die Arbeitswelt extremer?

Herzog: Ja, in vielen Ländern spaltet sich der Arbeitsmarkt: einerseits gut geschützte, reguläre Arbeitsverträge mit vielen Vorteilen, und andererseits prekäre Beschäftigung mit viel schlechteren Bedingungen. Je teurer reguläre Arbeit für Unternehmen ist, desto lieber weichen sie auf prekäre Beschäftigung aus, und es ist dann eine Frage der gesetzlichen Rahmenbedingungen, ob man ihnen das durchgehen lässt oder nicht. Prekäre Arbeitsbedingungen machen Individuen extrem verwundbar – sie sind dann zum Beispiel komplett von der Gunst des Chefs abhängig, der über die Verlängerung ihrer Stelle entscheidet.

CRN: Wie wird sich die Arbeitswelt verändern, wenn Roboter oder Künstliche Intelligenz tatsächlich wettbewerbsfähig werden und wie muss die Politik darauf reagieren?

Herzog: Vermutlich werden manche Berufsbilder wegfallen, dafür entstehen andere, die nicht unbedingt schlechter sein müssen. Klar ist, dass in solchen Umbruchsphasen Machtspiele stattfinden: die mächtigen Player versuchen, die neuen Regeln nach ihren Interessen zu gestalten. Zum Beispiel versuchen Plattform-Unternehmen wie Uber, ihren Nutzern die Rechte von Arbeitnehmern zu verweigern, obwohl de facto so etwas wie ein Arbeitsverhältnis vorliegt. Demokratische Politik muss hier einen klaren Rahmen setzen. Und sie kann noch eine weitere Rolle spielen: sie kann demokratische Unternehmensformen, etwa Genossenschaften, unterstützen, die sich stärker für das Wohl der Gesellschaft einsetzen und nach sinnvoller Arbeit fragen. Es wird eine entscheidende Rolle spielen, wer am Ende die Verfügungsgewalt über Roboter und Algorithmen hat: eine neue Klasse von globalen Feudalherren, oder demokratische Politik?

CRN: Eine aktuelle Studie von McKinsey hat prognostiziert, dass beispielsweise der Automatisierungsgrad bei IT-Service-Desks bei 90 Prozent liegt. Wenn »einfache« Jobs in Zukunft wegfallen werden, wird das die soziale Ungleichheit noch weiter verstärken?

Herzog: Das lässt sich nur schwer absehen – es gibt auch Prognosen, dass viele »gute« Jobs, z.B. im juristischen Bereich, automatisiert werden könnten. Aber tendenziell liegen bei der Digitalisierung der Arbeitswelt oft Netzwerkeffekte oder Größenvorteile vor, die zu monopolistischen Strukturen führen können, zum Beispiel weil derjenige Anbieter sich durchsetzt, der die größten Datenmengen besitzt, mit deren Hilfe die Algorithmen immer weiter verfeinert werden können. Solche Strukturen sind gefährlich für das Modell einer offenen Gesellschaft, in der die Ungleichheit nicht allzu groß wird und jeder die Chance hat, selbst über die eigene berufliche Zukunft zu entscheiden.