Advertising Overkill: Tod durch Werbung

Im Zeitalter allgegenwärtiger Werbung bleibt der Konsument früher oder später auf der Strecke.

(Foto: 7maru - Fotolia)

Mit der Erfindung von AdFoil fing alles an. Diese transparenten, vernetzten Folien konnte man auf jeder beliebigen Fläche anbringen. Mit Hilfe von Gesichtserkennung, Retinascan und weiteren biometrischen Merkmalen wie Schrittgröße und Armbewegung, gepaart mit einer Infrarot-Erkennung der Venenmuster, konnte zweifelsfrei identifiziert werden, wer gerade an der Folie vorbei ging. Durch die allgegenwärtige Beobachtung konnte AdFoil somit noch personifiziertere Werbung zeigen, als Google und Konsorten jemals zu träumen wagten.

Als Winston Smith aufwachte, wies die Werbung auf seinem Wecker auf Coffein2Vein, Amphetamine und andere Aufputschmittel hin. Die Folie auf dem Frühstücksteller bemängelte den zu hohen Fettgehalt und warb für Low-Fat-Produkte. Der Spiegel im Bad erkannte, dass Winston nach einer langen Party-Nacht noch etwas verkatert war und wies auf L’Oral hin, deren neue Feuchtigkeitscreme für einen strahlenden Teint sorgt. Auf dem Toilettenpapier prangte eine Anzeige für das neue »Po Schmeichler«-Klopapier aus der nahegelegenen Fabrik von Rockter & Pample. In der Küche zeigte der Kühlschrank allerlei Leckereien, die beim neuen transveganen Supermarkt um die Ecke erworben werden konnten.

Die Wände im Treppenhaus trommelten für eine Unfallversicherung, der Gehweg zeigte an, wo Tretminen in Form von Hundehaufen oder Bananenschalen lauerten und warb zugleich für Schuhsolen mit Lotus-Effekt. Auf dem weiteren Weg zur Arbeit wurde Winston berieselt von Werbung für smarte Rasierapparate, vernetzte Kondome, autonome Autos, virtuelle Fußbälle und diverse Biermarken. Ein paar Minuten später kam er am berühmten AdTree vorbei. Dabei handelte es sich um eine stattliche Eiche, bei der jedes Blatt mit AdFoil überzogen war und Werbung anzeigte, die perfekt auf Winston passte. Er sollte wirklich mal wieder ein neues VR-Phone kaufen und seiner Home-KI ein neues SiliziumBrain spendieren. Und sein Auto mit dem veralteten Wasserstoff-Deuterium-Antrieb könnte er endlich gegen ein modernes DilithiumCar austauschen, bei dem allerdings sämtliche Scheiben von innen mit AdFoil überzogen waren.

In der städtischen U-Magnetschwebebahn wiederholte sich das Spiel. Aber die AdFoil auf den Scheiben, die auf den Blickwinkel von Winston ausgerichtet war, pries Schlaftabletten, Morphium und Rasierklingen an, dazu erklangen depressive Melodien von The Cure. Das System war von transsibirischen Adblock-Aktivisten gehackt worden und legte allen Fahrgästen unterschwellig nahe, ihrem werbeüberflutetem Geist eine immerwährende Ruhephase zu gönnen.