Wo bleibt der Protest gegen Datenmissbrauch?: Vom schweigsamen Bürger

»Verdatet und verkauft« – mit Slogans wie diesen entrüsteten sich vor 30 Jahren viele Bürger gegen die Volkszählung. Heute geht niemand mehr gegen millionenfachen Datenmissbrauch auf die Straße. Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen. Ein Kommentar.

Protest (Foto: Photocreatief - Fotolia)

Tausendfach klebten Protestler die Personenbögen der Volkszählung an die Berliner Mauer, dazwischen gesprayte Slogans mit »Lasst euch nicht erfassen« oder »Meine Daten gehören mir«. Die Volkszählung löste 1987 massive Proteste in der Bevölkerung aus. Viele zweifelten am Nutzen der Befragung oder bangten um die Sicherheit der gesammelten Daten, die erstmals mit Hilfe von Computertechnik ausgewertet und gespeichert werden sollten. Auf den Plakaten der Grünen und der FDP prangten entkleidete oder im Einmachglas eingeweckte Körper – mit dem Slogan »Verdatet und verkauft« warnte etwa die FDP vor einem gläsernen »Bürger ohne Selbstbestimmung« und fragte zynisch »Böse Zukunftsvision oder Wirklichkeit der modernen Computertechnik?«.

Etwa 30 Jahre später wird man diese Frage wohl mit letzterem beantworten müssen, vergeht doch kaum ein Monat, in dem es Datenmissbrauch oder Datenverluste im großen Stil nicht auf die Titelseiten schaffen. Denn während kleine und mittelständische Unternehmen die steigenden Datenschutzauflagen zu erfüllen versuchen, entziehen sich die global Player ihrer Verantwortung. Bedauerlicherweise ist Mark Zuckerberg mit seiner Strategie des Aussitzens erstaunlich erfolgreich, besonders auch deshalb, weil die wenigsten Nutzer aus dem Fehlverhalten des Konzerns Konsequenzen ziehen. Mittlerweile sind weltweit potenziell bis zu 87 Millionen Nutzer davon betroffen (310.000 in Deutschland), aber es gibt keine ernsthaften Proteste oder Austritte aus dem Netzwerk – wobei letzteres auch gar nicht möglich ist, denn die einmal zur Verfügung gestellten Daten werden wohl nie vollständig gelöscht. Aber man möge sich einmal kurz fragen, welcher CEO eines KMU bei einem derartigen Datenleck mit plakativen Aussagen wie »Ich will nicht, dass jemand unglücklich ist« oder »Wir sind ein idealistisches Unternehmen« davon käme?

Aber Facebook ist eben nicht nur zu einem Unternehmen mit einer marktbeherrschenden Stellung, sondern vor allem zu einem der mächtigsten gesellschaftspolitischen Akteure geworden. Ein Akteur, der weltweit die zwischenmenschliche Kommunikation steuert, Nutzer vermisst und zu Adressaten von Werbebotschaften macht und immer engere Bande zu politischen Entscheidern knüpft. Es ist eben kein Zufall, dass bei Wahlkämpfen oder Referenden wie dem Brexit in sozialen Netzwerken fleißig Meinungsmache für politisch einflussreiche oder vermögende Personen betrieben wird. Und wie sich im Zuge der NSA-Affäre (FISC gegen Verizon / Prism Programm) gezeigt hat, greifen auch Geheimdienste massenhaft private Datensätze ab – finanzielle Gegenströme sind natürlich vorhanden.

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Kommentare (2) Alle Kommentare

Antwort von RSmile , 04:37 Uhr

Vor dreißig Jahren… ja ich kann mich ganz gut daran erinnern. Die Anfangszeit von Windows war gerade rum. Windows for Workgroups, die grafische Welt, die einst Apple hoch zog, migrierte in die PC-Welt.

Vor dreißig Jahren gab es die ganz anderen ultimativ ganz wichtigen Dinge, über die sich auch damals schon die damalige Politik tot redete. Da gab es die Hausbesetzer die in die Politik einzogen.

Es ist erschreckend welchen Werte Wandel die jüngeren Generationen durchgemacht haben. Es ist absolut ernüchternd, wie der Widerstand gegen einstige No-Gos, in den aktuell jüngeren Generationen in die Normalität gebeugt wurden.

Insgesamt scheint es als hätte der Wertewandel eine Schneise der Öde hinterlassen. Der kleinhirnige übernächste Nachbar ließ letzten Sommer lauthals auf seiner Terasse gegenüber Besuchern wissen: "Ich weiss warum ich mir ein Haus gekauft habe…"

…ja klar beendete ich seinen Satz im Geiste: "…du zahlst ja fast keine Zinsen und bekommst -- obwohl du keinerlei Sicherheiten hast -- irre Kredite von deiner Bank weil du ja eh alles auf Facebook aus deinem Privatleben postest." Da sind die Basel III Regeln gleich mal vollkommen unwichtig. Denn auch sein minderjähriger "Nachwuchs" rennt inzwischen mit subventionierten Premium Handies herum. Posten damit den Rest, den die Bank und der Rest der Welt noch nicht von der Familie kennt, in die sozialen Netze.

(Der schweigsame Bürger: Ja man fühlt sich als Wessi inzwischen, als gäbe es Honni oder Mielke wieder…)

eine ernüchternd schräge Welt.

Antwort von RNick , 14:38 Uhr

Tja, wenn die Leute gesenkten Hauptes, auf ihr Smartphone starrend, durch die Gegend ziehen, ist die Sicht eben stark eingeschränkt. Und es entgeht ihnen, dass sie in der Realität nicht allein sein müssten.