Schwerpunkte

Corona-Krise erreicht ITK-Branche

Nach dem Hoch ein Tief

03. April 2020, 13:20 Uhr   |  Stefan Adelmann, Martin Fryba, Michaela Wurm | Kommentar(e)


Fortsetzung des Artikels von Teil 1 .

»Wenn ein Kunde jetzt 500 Notebooks morgen braucht, wird er keine kriegen«

Ob Fachhändler und Systemhäuser in den kommenden Wochen auch in anderen IT-Produktbereichen mit einer Verknappung oder gar mit leeren Lagern rechnen müssen, das lässt sich aktuell nicht mit Gewissheit sagen. Ingram Micro-Deutschlandchef Alexander Maier sieht beispielsweise erste Auswirkungen der Krise sowie der oftmals verlangsamten Lieferketten auch bei Displays. Im Gegensatz zu Notebooks soll es hier jedoch in Europa noch große Lagerbestände geben. Darüber hinaus gehe Maier aber davon aus, dass die meisten Unternehmen ihre Mitarbeiter mittlerweile für den Home-Office-Betrieb ausgerüstet hätten und dass die hohe Nachfrage in den kommenden Wochen daher wieder abflauen würde, während die Produktion in China parallel dazu wieder hochfahre. Entwarnung gibt auch Mund von IT-Scope. Er schätzt, dass sich die Situation schnell erholt und dass bis Mitte oder Ende April zumindest die Verfügbarkeit im Channel wieder zur Normalität zurückkehrt. Von Panik kann er daher nur abraten.

Dennoch empfiehlt unter anderem Hersteller Fujitsu vor allem für die kommenden Wochen, vorausschauend zu planen: »Wir rufen unsere Partner dazu auf, bitte bestellt frühzeitig, wenn ihr Termine halten müsst, möglichst frühzeitig Bedarf anmelden. Wenn ein Kunde jetzt 500 Notebooks morgen braucht, wird er keine kriegen«, so der Hinweis von Unternehmenssprecher Michael Erhard auf Nachfrage von CRN.

GSD
© GSD

Ralf Schweitzer, Inhaber und CEO von GSD Remarketing: »Da darf jetzt kein Bürokratiemonster entstehen, sondern schnelle finanzielle Hilfen sind wichtig.«

Geschlossenheit in der Branche

Während sich die Lager in den kommenden Wochen wieder füllen werden, kann von Business as usual aber auch in der ITK-Branche wohl über Monate hinweg kaum die Rede sein. Der weltweiten Wirtschaft stehen schwierige Zeiten bevor, deren Auswirkungen wohl nicht nur Alexander Maier (das gesamte Interview lesen Sie hier) mit Sorge entgegenblickt. Rezession, fehlende Liquidität, drohende Kurzarbeit oder gar Stellenabbau – viele Unternehmen wird die Krise hart treffen, bereits heute direkt, wie im Falle der Flugbranche, die mit Einbußen von bis zu 113 Milliarden Dollar rechnet. Oder aber morgen indirekt, wenn aufgrund der vielen Unwägbarkeiten Investitionen zurückgeschraubt und somit Aufträge wegbrechen oder Projekte verschoben werden.

Alles »saubere Ware«, beteuert Wortmanns Einkaufsleiter Tom Knicker auf CRN-Nachfrage.
© Wortmann

Tom Knicker, Einkaufsleiter bei Distributor und Hersteller Wortmann: »Flash und Memory sind schon vor Weihnachten hochgegangen, aber das waren vernünftige Preissteigerungen. Deutlich schlimmer ist die Verteuerung beim Transportweg«, erklärt Knicker bezüglich der Preissteigerungen aufgrund der aktuell hohen Nachfrage.

Schon jetzt zeigt sich aber, dass die ITK-Branche wider die Krise teils mit viel Hilfsbereitschaft und sehr geschlossen auf die anrückenden Herausforderungen reagiert. So stellen zahlreiche Hersteller ihren Unternehmenskunden kostenfreie Lizenzen für ihre Software-Produkte zur Verfügung, bieten Cloud-Kapazitäten oder Zahlungsaufschub. Und auch die Distribution stellt sich an die Seite ihrer Kunden, die Maßnahmen sind vielfältig: So hat Komsa beispielsweise für stationäre Fachhändler, die ihre Ladengeschäfte schließen mussten, den Online-Shop lokal-ist-online.de eingerichtet, der eine alternative Verdienstmöglichkeit bieten soll. Tech Data möchte seine Partner über das neue Format »Tech Data Business Insight« zu den aktuellen Veränderungen im IT-Geschäft informieren. Viele der Grossisten versprechen darüber hinaus, bei drohenden Liquiditätsengpässen zu unterstützen und wie beispielsweise im Fall von Also Zahlungsziele abhängig von Umsatz-Volumen und -Niveau zu erhöhen. »Alle Reseller werden von uns mit Hilfe der langfristig eingeführten Business Intelligence konzernweit kontinuierlich analysiert, um sie proaktiv zu unterstützen«, so Also-CEO Gustavo Möller-Hergt. Er verspricht Kunden schnelle und unbürokratische Hilfe (Hier gelangen Sie zu einer Übersicht der verschiedenen Hilfs-Angebote von Herstellern und Distributoren).

Acer Robert Prenz
© Acer

Robert Perenz, Geschäftsführer von Acer Deutschland: »Wir rechnen damit, dass die Produktion im Lauf des zweiten Quartals ihr ursprüngliches Volumen wieder erreicht.«

Schnelle Hilfe essenziell

Im Alleingang kann die ITK-Branche der Krise aber kaum entgegentreten. Die zahlreichen Maßnahmen können unterstützen, in einigen Fällen auch neue Perspektiven schaffen, die tatsächliche Entwicklung der kommenden Monate wird jedoch allem voran von der Gesamtsituation der deutschen Wirtschaft und der damit einhergehenden Investitionsbereitschaft vieler Unternehmen abhängen. Ralf Schweitzer, Geschäftsführer und Gründer von GSD Remarketing, hofft daher auf unbürokratische Unterstützung, weit über den Channel hinaus, und dass die von Bund und Ländern nun aufgespannten Corona-Schutzschirme schnell helfen werden. »Da darf kein Bürokratiemonster entstehen, sondern schnelle finanzielle Hilfen sind wichtig«.

Context-Analystin Marie-Christine Pygott
© Context

Context-Analystin Marie-Christine Pygott: »Wenn die Krise in überschaubarer Zeit und ohne wirtschaftliche Zusammenbrüche vorübergeht, dürften die Erfahrungen zu einem Digitalisierungsschub führen, weil Firmen, Behörden, Bildungseinrichtungen die lange verschlafene Digitalisierung nachholen.«

Und trotz der Krise, trotz aller anstehenden Herausforderungen für die ITK-Branche, zeichnet sich für diese doch auch eine nicht zu unterschätzende Chance ab. Denn die aktuelle Situation schafft nicht zuletzt die Notwendigkeit, die sich in Deutschland mancherorts sehr schleppend entwickelnde Digitalisierung voranzutreiben. Die Rekordnachfrage nach Home-Office-Lösungen ist dafür ein erstes Anzeichen, virtueller Schulunterricht ein anderes. Weitere Digitalisierungs-Maßnahmen könnten bald folgen und dem Channel in Zukunft nach dem anstehenden Tief ein wahres Hoch bescheren. »Wenn die Krise in überschaubarer Zeit und ohne wirtschaftliche Zusammenbrüche vorübergeht, dürften die Erfahrungen zu einem Digitalisierungsschub führen, weil Firmen, Behörden, Bildungseinrichtungen die lange verschlafene Digitalisierung nachholen«, so die Prognose von Context-Analystin Marie-Christine Pygott.

Anmerkung der Redaktion: Des gesamte Interview mit Judith Öchsner von DexxIT finden Sie unter folgendem Link

Seite 2 von 2

1. Nach dem Hoch ein Tief
2. »Wenn ein Kunde jetzt 500 Notebooks morgen braucht, wird er keine kriegen«

Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenAuf Linkedin teilenVia Mail teilen

Verwandte Artikel

Ingram Micro, Microsoft , bb-net, GSD, Dexxit, Also Deutschland, Also, Komsa, Komsa Systems GmbH, ITscope GmbH, Fujitsu, Wortmann