CRN-Kopfnuss: Als Quotenmensch unter Robo-Kollegen

Der Mensch, ein Auslaufmodell. Gnädig gewährt ihm die KI noch kleinere Arbeiten – einsam und trist. Er sehnt sich nach menschlichem Kontakt, doch um ihn herum nur Roboter-Kollegen.

(Foto: phonlamaiphoto - AdobeStock)

Wehmütig dachte Bernd an die Zeit zurück, als er noch im Lager des Versandzentrums gearbeitet hatte. Klar, als letzter menschlicher Angestellter war das ziemlich trist, aber wenigstens hatte er noch einen Job. Viele Menschen konnten das nicht mehr von sich behaupten und waren über die Jahre von Robotern und KI-Anwendungen ersetzt worden. Als Zugeständnis an ihre Erschaffer hatten die Maschinen sich irgendwann immerhin dazu herabgelassen, eine Quotenregelung einzuführen und einige, wenige Menschen weiterzubeschäftigen – wenn auch nur mit niederen Tätigkeiten, damit sie keinen Schaden anrichten konnten.

Bernd beispielsweise war sechs Stunden pro Tag zwischen Förderbändern und Regalen entlanggelaufen und hatte mehr oder weniger motiviert mit einem großen Puschel alles abgestaubt. Die Reinigungsroboter konnten das eigentlich viel besser, aber er war nun mal der Quotenmensch. Und als solcher ein Außenseiter, der von den größeren Maschinen gerne mal rüde zur Seite gestoßen oder von den kleineren zum Stolpern gebracht wurde. Einmal hatte er einen von ihnen frustriert als »blöden Blechgesellen« bezeichnet und daraufhin eine Abmahnung erhalten. Ein Highlight seit Monaten, denn das Schreiben wurde von einem Menschen überbracht.

Einen echten Menschen hatte Bernd schon ewig nicht mehr im Lager gesehen. Früher seien Abmahnungen und Kündigungen automatisch erstellt und übermittelt worden, berichtete der Bote, es habe aber heftige Proteste gegen dieses unpersönliche Vorgehen gegeben. Schließlich wurden Menschen für die Überbringung eingestellt – ein Pyrrhussieg, weil dafür andernorts Stellen für menschliche Mitarbeiter gestrichen wurden. Mehr Menschen ginge nun mal nicht, da die an den Finanzmärkten vor sich hin spekulierenden KIs dies als schlechtes Zeichen gewertet und das Unternehmen herabgestuft hätten, hieß es damals.

Jedenfalls war Bernd durch das Gespräch auf den Geschmack gekommen. Keinesfalls wollte er länger mit den stummen, ihm nicht wohlgesonnenen Reinigungsrobotern zusammenarbeiten und hatte seine Versetzung beantragt. Ein Fehler, wie sich herausstellte, denn als »Putze« war er in der Waschstraße gelandet. Dort zog nun eine schier endlose Kolonne an Lieferrobotern an ihm vorbei, die ihn ebenfalls nicht mochten. Dass diese sprechen konnten – das war für die Interaktion mit den belieferten Kunden notwendig – machte es nicht besser. »Hey, Fleischklops! Hör auf zu träumen«, wurde er jäh aus seinen Gedanken gerissen, »da hinten in meinem Scharnier klebt noch etwas Schlamm. Viel Spaß beim Abwischen.«