Was die Nvidia GTC über die Zukunft von IT-Dienstleistern verrät

"Wenn man hier in San José in der Keynote sitzt und Jensen Huang zuhört, merkt man schnell: Es geht nicht um ein weiteres KI-Tool oder KI-Hardware. Es geht um eine neue industrielle Infrastruktur für Intelligenz". Ralph Friederichs, Gründer und Geschäftsführer CYBERDYNE (Foto: Ralph Friederichs)

Ralph Friederichs, Nvidia GTC 2026 in San José, 18. März 2026 - Was aktuell unter dem Schlagwort "künstliche Intelligenz" diskutiert wird, greift zu kurz. Die sichtbaren Anwendungen, von Chatbots bis zu Automatisierungslösungen, sind nur die Oberfläche, quasi die Spitze des Eisbergs. Darunter entsteht gerade eine neue Realität: IT entwickelt sich von einer unterstützenden Infrastruktur zu einer Produktionsumgebung für Intelligenz. Über Jahrzehnte war die Struktur von IT relativ stabil. Compute, Storage, Netzwerk, Virtualisierung und später die Cloud bildeten die bekannten Schichten. Diese Welt verschwindet nicht, aber sie wird erweitert – und in Teilen überlagert. Auf der GTC von Nvidia dieser Woche in San José wird deutlich, dass sich eine neue Ebene etabliert: AI-Infrastruktur.

Intelligenz wird messbar

Nvidia beschreibt diese Entwicklung mit dem Begriff der "AI Factory". Gemeint ist kein klassisches Rechenzentrum mehr, sondern eine Umgebung, deren primärer Zweck darin besteht, Intelligenz zu erzeugen und bereitzustellen. Damit verschiebt sich die Perspektive fundamental. Unternehmen fragen künftig nicht mehr nur, wo ihre Systeme laufen, sondern wo ihre Intelligenz entsteht. Diese neue Infrastruktur folgt dabei nicht mehr ausschließlich klassischen IT-Logiken. Sie orientiert sich zunehmend an industriellen Prinzipien.

Fragen nach Energieverfügbarkeit, Effizienz und Skalierung rücken in den Mittelpunkt. Kennzahlen wie "Token pro Sekunde" oder "Tokens pro Watt" wirken auf den ersten Blick technisch, sind aber in Wahrheit betriebswirtschaftlich hochrelevant. Denn sie machen Intelligenz messbar, vergleichbar und optimierbar – ähnlich wie ein industrielles Gut.

Über 30.000 Fachexperten aus 190 Ländern nehmen an der GTC 2026 teil, Millionen verfolgen dieses "Woodstock der KI" im Streaming. Die Tech-Messe im Silicon Valley endet heute am Donnerstag (Foto: Ralph Friederichs)

Neue ökonomische Logik

Der eigentliche Umbruch liegt jedoch noch tiefer. Eine der zentralen Erkenntnisse der GTC ist die Verschiebung des wirtschaftlichen Schwerpunkts innerhalb der KI-Wertschöpfung. Während in den vergangenen Jahren vor allem das Training von Modellen im Fokus stand, verlagert sich der Wert nun in deren Betrieb. Die sogenannte Inference. Hier entscheidet sich künftig der Markt. Nicht mehr die Frage, wer das beste Modell entwickelt, steht im Vordergrund, sondern wer es effizient, stabil und skalierbar betreiben kann. Geschwindigkeit, Kosten und Zuverlässigkeit werden zu den dominierenden Faktoren. Daraus entsteht eine neue ökonomische Logik: Nicht mehr Features bestimmen den Wettbewerb, sondern die Kosten pro Entscheidung, pro Aufgabe oder pro erzeugtem Ergebnis.

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IT-Dienstleister hin- und hergerissen

Parallel dazu verändert sich auch die Struktur der IT selbst. Anstelle immer stärker fragmentierter Systeme setzt sich ein integrierter Ansatz durch. Nvidia baut konsequent ein vollständiges Stack, von Chips über Netzwerke und Systeme bis hin zu Software und Laufzeitumgebungen. Alles ist aufeinander abgestimmt, mit dem Ziel, maximale Effizienz im Betrieb von KI zu erreichen. Für IT-Dienstleister ist das eine ambivalente Entwicklung. Einerseits entstehen leistungsfähige Plattformen, die neue Möglichkeiten eröffnen. Andererseits sinkt der Bedarf an klassischer Integrationsleistung, wenn immer mehr Komponenten bereits optimal aufeinander abgestimmt sind.

IT wird zur HR-Abteilung für KI-Agenten

IT-Experte Friederichs wird ihn, links im Bild, künftig "einstellen" und die Robo-Team bei Kunden orchestrieren (Foto: Ralph Friederichs)

Noch weitreichender sind die Veränderungen auf Ebene der Software. Mit dem Aufkommen von Agentic AI entstehen Systeme, die nicht mehr nur auf Eingaben reagieren, sondern eigenständig Aufgaben planen, Entscheidungen treffen und Ergebnisse liefern. Software wird damit weniger zum Werkzeug und mehr zum handelnden System. Das verschiebt auch die Anforderungen an IT-Dienstleistungen. Im Fokus stehen nicht mehr einzelne Anwendungen, sondern komplexe, autonome Systeme, die aus vielen miteinander interagierenden Komponenten bestehen.

Diese Systeme müssen nicht nur implementiert, sondern vor allem gesteuert, überwacht und wirtschaftlich betrieben werden. Die IT bekommt dabei eine neue Rolle, sie wird quasi zur HR-Abteilung für KI-Agenten.

Was bedeutet das für den Markt? Die Antwort ist vielschichtig, aber in ihrer Konsequenz eindeutig. Infrastruktur wird nicht verschwinden, verliert jedoch an Differenzierung. Standardisierte Plattformen werden leistungsfähiger und zugleich austauschbarer. Der Wettbewerb verschiebt sich weg vom reinen Betrieb einzelner Systeme. Gleichzeitig wandert die Wertschöpfung nach oben. Der entscheidende Mehrwert entsteht dort, wo KI-Systeme betrieben, optimiert und wirtschaftlich gesteuert werden.

Damit rücken neue Fragen in den Mittelpunkt: Wie effizient arbeitet ein System im Alltag? Wie lassen sich Kosten kontrollieren? Und wie entsteht daraus ein nachhaltiger Nutzen für den Kunden? Diese Entwicklung führt zwangsläufig zu einer stärkeren ökonomischen Betrachtung von IT. Die zentrale Frage wird künftig nicht mehr lauten, welche Lösung technologisch überlegen ist, sondern welche Lösung wirtschaftlich tragfähig ist.

Für viele IT-Dienstleister ist das eine unbequeme Perspektive. Das bestehende Geschäftsmodell wird nicht abrupt verschwinden, aber es verliert an Relevanz. Klassischer Infrastruktur-Betrieb, standardisierte Managed Services und reaktiver Support werden zunehmend zur Commodity. Gleichzeitig entsteht ein neues Spielfeld. IT-Dienstleister entwickeln sich in Richtung Betreiber und Orchestratoren von Intelligenz. Es geht um den Betrieb von KI-Systemen, die Optimierung von Inferenz, die Steuerung von Daten- und Prozessflüssen sowie die Sicherstellung von Governance und Kontrolle.

Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob diese Entwicklung kommt. Sondern, wie schnell Organisationen darauf reagieren.

Kunden kaufen keine IT – sie kaufen Intelligenz

Kunden kaufen keine IT, sondern Intelligenz. Was passiert mit dem Geschäftsmodell von Systemhäusern – eine hochrelevante Frage für Ralph Friederichs und die Brüder Martin (Mitte) und Stefan Hörhammer, die an der Spitze der Medialine-Gruppe stehen, zu der auch Friederichs Systemhaus CYBERDYNE gehört (Foto: Ralph Friederichs)

Wer sich heute mit Inferenz auseinandersetzt, versteht, wie KI im Betrieb funktioniert, welche Kostenstrukturen entstehen und welche Faktoren die Performance beeinflussen. Wer beginnt, eigene Betriebsmodelle zu entwickeln und erste KI-Services aufzubauen, sammelt die notwendige Erfahrung, um in diesem neuen Markt bestehen zu können. Und wer den Fokus frühzeitig auf Wirtschaftlichkeit legt, schafft die Grundlage für skalierbare und nachhaltige Angebote.

Die Nvidia GTC macht damit vor allem eines deutlich: Wir sehen derzeit nur die Spitze des Eisbergs. Darunter entsteht eine neue Form von Infrastruktur, eine neue ökonomische Logik und ein neuer Markt. Für IT-Dienstleister verdichtet sich die Herausforderung in einer einfachen, aber weitreichenden Frage: Was passiert mit unserem Geschäftsmodell, wenn Kunden künftig keine IT mehr einkaufen, sondern Intelligenz?

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