Wachstum mit Tücken: Infrastruktur und Enterprise als Markttreiber
Nach einem starken ersten Halbjahr heben die Marktforscher von Context ihre Wachstumsprognose für das Geschäft der europäischen IT-Distribution auf 7,5 Prozent an. Doch nicht alle Bereiche können davon gleichermaßen profitieren. Zudem soll sich die Nachfrage im nächsten Jahr deutlich abschwächen.
Weil sich der Umsatz der IT-Distribution in Europa laut Context im ersten Halbjahr stärker als erwartet entwickelt hat, schrauben die Analysten ihre Prognose für das Gesamtjahr nun auf ein Wachstum von 7,5 Prozent nach oben. Das wären 2,3 Prozentpunkte mehr als im vergangenen Jahr und der stärkste Umsatzwert seit 2020.
Auf den ersten Blick kann sich die Distribution also trotz des schwierigen wirtschaftlichen Umfelds und der anhaltenden zurückhaltenden Investitionsbereitschaft bei Geschäfts- und Privatkunden sehr gut behaupten. In der genaueren Betrachtung stimmt dieses Gesamtbild allerdings nur noch bedingt, da es sowohl sehr deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen Geschäftsbereichen als auch andere Faktoren gibt, die das Bild verzerren. "Die Umsatzkennzahlen auf Gesamtmarktebene sind ermutigend, erzählen aber nicht die ganze Geschichte", warnt deshalb Anthony Frot, Research Director bei Context, vor einer Missinterpretation.
Viel Wert, wenig Volumen
Denn getragen wird das Wachstum vor allem von höherwertigen Technologiekategorien wie Enterprise- und Infrastrukturprodukten. Nicht zuletzt, weil diese die Grundlage für die Überführung der KI in den produktiven Einsatz auf breiter Front bilden. Dadurch befeuert, legten die Umsätze in diesen wertgetriebenen Kategorien im ersten Quartal um 14 Prozent und im zweiten Quartal um weitere 20 Prozent zu. Auch wenn ein Teil davon auf die Preissteigerungen im Zuge der Komponentenknappheit zurückgeht, die zwar den Umsatz, nicht jedoch die Margen antreiben, gibt es hier also weiterhin solides Wachstum.
Deutlich angespannter stellt sich indes die Lage im Volumengeschäft dar, das sowohl beim Umsatz als auch den Stückzahlen den deutlich größeren Teil des Marktes bestimmt. Im ersten Quartal legte der Umsatz der Distribution in den volumengetriebene Kategorien Context zufolge lediglich um 6 Prozent zu, im zweiten stieg er immerhin um 9 Prozent. In Anbetracht der auch hier wirkenden Preissteigerungen bei Komponenten wie Speicher bleibt von diesem zarten Wachstum nicht mehr allzu viel übrig. "Ein großer Teil der Marktstärke kommt aus dem Wertwachstum und nicht aus einer vergleichbaren Ausweitung der Stückzahlen", konstatiert Frot.
Soweit möglich, sollten die Marktteilnehmer ihre Ausrichtung und ihr Geschäft dementsprechend anpassen, empfehlen die Marktforscher. Insbesondere hinsichtlich ihrer Erwartungsplanung und Lagersteuerung sollten sie dabei auf eine solide Bewertung der Nachfrage setzen, die über die reinen Umsatzzahlen hinausblickt. "Für Hersteller, Distributoren und Reseller bedeutet das: Die Chancen sind weiterhin real, die Planung muss jedoch berücksichtigen, dass die Umsätze deutlich stärker aussehen können als die zugrunde liegende Nachfrage", betont der Context-Experte.
Abschwächung und Normalisierung für 2027 erwartet
In den nächsten Monaten dürfte diese differenzierte Betrachtung noch wichtiger werden. Denn die mittelfristigen Prognosen zeigen unmittelbar eine weitere potenziell drohende Fehlinterpretation der aktuell positiv gefärbten Lage auf. Sie sagen ein baldiges Ende des aktuellen Aufschwungs voraus. Schon Anfang des nächsten Jahres wird sich die Wachstumsdynamik ihnen zufolge spürbar abschwächen. Rechnen die Marktforscher bereits im ersten Quartal nurmehr mit einem Umsatzwachstum von 3,1 Prozent, soll es im zweiten Quartal 2027 gar auf 2 Prozent sinken. Das wertmäßige Wachstum soll im selben Zeitraum jedoch bei 7 beziehungsweise 3 Prozent liegen, während die Stückzahlen im ersten Quartal weitgehend stabil bleiben und im zweiten Quartal um 1 Prozent steigen sollen.
Auch wenn die höherwertigen Kategorien also vorerst weiterhin den Ton angeben dürften, deutet sich damit eine Normalisierung des Wachstums an, die auch das Verhältnis zwischen Wert- und Volumenwachstum wieder in normalere Bahnen bringen sollte. "Die zweite Jahreshälfte 2026 dürfte positiv bleiben, doch die Richtung weist auf ein langsameres und stärker normalisiertes Wachstum", erklärt Frot und unterstreicht: "Der Abstand zwischen Wert und Volumen wird einer der wichtigsten Indikatoren sein, die es zu beobachten gilt – insbesondere, wenn Unternehmen ihre Budgets und Bestandsplanung für 2027 festlegen."
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