Sophos-Manager warnt vor "Cybersecurity-Armutsgrenze" durch KI
Scott Barlow, Chief Evangelist und Global Head of Community bei Sophos, zeigte den MSPs bei der XChange August 2026 auf, wie KI die Kluft in der Cybersicherheit vergrößert. Er forderte die Partner dazu auf, den Kunden dabei zu helfen, die "Cybersecurity-Armutsgrenze" zu überwinden, bevor sie die Kontrolle über ihren Schutz verlieren und angreifbar werden.
Im Zuge des KI-Booms sehen sich MSPs und Security-Dienstleister mit einer deutlich härteren Auseinandersetzung darüber konfrontiert, ob Kunden über die nötigen finanziellen Mittel, Expertise, operative Leistungsfähigkeit und strategischen Einflussmöglichkeiten verfügen, um sich in einer immer komplexeren Bedrohungslandschaft zu verteidigen. Wie sich das auf die Partner auswirkt und wie sie mit dieser Herausforderung umgehen können, erklärte Scott Barlow, Chief Evangelist und Global Head of Community bei Sophos, diese Woche auf der von der CRN-Mutter The Channel Company veranstalteten Branchenkonferenz XChange August 2026 in Maryland (USA).
[Hinweis: Die nächste XChange Deutschland findet am 3. November in Mannheim statt.]
Dabei konstatierte der Experte des britischen Anbieters von Netzwerk- und Endpoint-Security, dass nicht nur viele Kunden nicht ausreichend auf die Auswirkungen von KI auf die Sicherheit vorbereitet seien, sondern auch viele Partner. Um das Problem zu verdeutlichen, entwarf er das Konzept der "Cybersecurity-Armutsgrenze". Diese stellt die Schwelle dar, unterhalb der Organisationen nicht mehr verlässlich gut abgesichert sind. Barlow zufolge wird sie weit weniger von Faktoren wie der Unternehmensgröße und den Sicherheitsausgaben bestimmt, als viele denken. Vielmehr handle es sich um eine breitere, strategische Fähigkeitslücke, die Organisationen treffen könne, denen es an Geld, Expertise, Umsetzungsfähigkeit oder ausreichendem Einfluss auf die Implementierung von Sicherheit in ihren Umgebungen fehle.
Barlow warnte zudem, dass mehr Security-Tools nicht automatisch zu mehr Sicherheit führen würden. Da Security Operations Center (SOCs) und Unternehmen eine große Zahl von Konsolen und Produkten verwalten müssten, sei die Komplexität inzwischen selbst zu einem Teil des Problems geworden. Für Partner bedeute das: Konsolidierung sei nicht nur ein Argument der Hersteller, sondern ein realer Weg, Ressourcen zurückzugewinnen, die dann in höherwertige Sicherheitsaufgaben fließen könnten.
Der Mangel an Führungspersonal und -Kompetenz auf CISO-Ebene erhöhe den Druck auf MSPs zusätzlich. Laut Barlow werden sie zunehmend in beratende Rollen gedrängt, während die Kunden sie jedoch weiterhin vor allem als Technologiebetreiber sehen. Gleichzeitig vergrößert KI die Angriffsfläche in einem Tempo, das sowohl Partner als auch Kunden nur schwer unter Kontrolle behalten können. Aus Barlows Sicht bewegen sich MSPs und Kunden deshalb bei der KI-Einführung aktuell mit derselben Geschwindigkeit, was es Partnern zusätzlich erschwere, den Risiken voraus zu sein.
"Es gibt eine strategische Lücke bei Sicherheitsfähigkeiten, die wir an jedem einzelnen Tag beobachten", berichtete er. "Wenn wir uns die Zahl der CISOs ansehen, die es heute gibt, kommt ein CISO auf 10.000 Organisationen. Es gibt 359 Millionen Organisationen und nur rund 35.000 CISOs – das sind nur etwa halb so viele Menschen, wie bei einem Taylor-Swift-Konzert."
Die Cybersecurity-Armutsgrenze erkennen und adressieren
Im Endeffekt geht es für Barlow bei der Cybersecurity-Armutsgrenze aber nicht nur um einzelne Fragestellungen, wie ob ein Unternehmen Geld, Tools oder einen CISO hat. Vielmehr sieht er es als entscheidend an, die richtige Mischung aus Finanzierung, Expertise, Fähigkeiten und Einfluss zu erreichen, um wirksam handeln und diese kritische Schwelle überwinden zu können.
"Wenn man sich die Tools nicht leisten kann, liegt man ganz offensichtlich unterhalb der Cybersecurity-Armutsgrenze", erläuterte er. "Wie steht es mit der Expertise? Selbst wer genug Geld dafür hat, muss erst einmal in der Lage sein, diese Tools richtig zu implementieren und wirklich gut zu nutzen. … Wir haben viel Fähigkeit ohne Geld gesehen. Dann liegt man immer noch unterhalb der Linie. Sehr viel Geld bei null Fähigkeit ist ebenfalls ein großes Problem. Und Einfluss? Verteidigung endet nicht am Perimeter der eigenen Organisation. Vielen Organisationen fehlt aber schlicht der Einfluss, um das auch entsprechend über ihre eigenen Grenzen hinweg umsetzen zu können."
Mehr Tools, weniger Sicherheit
Barlow warnte davor, immer mehr Produkte in den Security-Stack zu packen und daraus automatisch besseren Schutz abzuleiten. Er verwies dabei insbesondere auf die Komplexität, mit der SOCs und Unternehmenskunden schon heute konfrontiert seien, inklusive der in den letzten Jahren stark wachsenden Zahl von Konsolen und Tools, die sie verwalten. Statt dieses Problem weiter aufzublähen, könne nach seinem Dafürhalten eine gezielte Konsolidierung gerade hier wichtige Ressourcen freisetzen, die Partner heute noch für die Verwaltung von Anbieterprogrammen aufwenden müssen.
Diese Entwicklung hin zu einem Übermaß an Tools beobachtet Sophos laut Barlow aktuell in vielen IT-Umgebungen. Entsprechenden Statistiken des Herstellers zufolge verwaltet ein SOC heute im Durchschnitt 10,9 Security-Konsolen, während ein durchschnittliches Unternehmen 45 Tools nutzt. "Wir haben eine Studie mit rund 800 Partnern aus unserer MSP-Basis durchgeführt und festgestellt: Wenn man aus Sicht der Security-Produkte von sechs auf eines konsolidiert, spart man 48 Prozent der Ressourcen, die man heute für das Management der vorhandenen Vendor-Programme einsetzt", führte er aus.
Die Cybersecurity-Armutsgrenze dürfe laut Barlow also nicht mit Unternehmensgröße oder Security-Budget verwechselt werden. Er beschrieb sie vielmehr als strategische Lücke, die selbst gut finanzierte Organisationen angreifbar machen kann, während manche kleineren Unternehmen trotz ihrer begrenzten Budgets dennoch eine starke Cybersecurity-Position erreichen. Zugleich zwinge der Mangel an CISO-Führung die MSPs in eine Rolle, die viele formal gar nicht für sich vorgesehen hätten.
KI bewegt sich schneller als Governance
Dass sich MSPs und ihre Kunden bei der KI-Einführung erstmals mit derselben Geschwindigkeit bewegen, schafft Barlow zufolge eine neue Herausforderung für Partner, die für die Absicherung von Kundenumgebungen verantwortlich sind. Denn weil die Endkunden Agenten einbetten und vielen Organisationen tragfähige KI-Sicherheitsrichtlinien fehlen, wächst die Angriffsfläche über den Abdeckungsbereich traditionelle Abwehrmechanismen hinaus.
"Das ist sehr beängstigend für Sie als MSP, wenn Sie die Technologie innerhalb einer Organisation verwalten müssen", berichtete er. "Nur 18 Prozent der Organisationen haben eine KI-Sicherheitsrichtlinie, und 40 Prozent der Unternehmen betten heute Agenten ein. Das ist verrückt. Und weltweit werden 2,5 Billionen Dollar für KI ausgegeben – das ist das Zehnfache dessen, was für Cybersicherheit ausgegeben wird."
Partner müssen sich von Betreibern zu Risikoberatern entwickeln
Die Chance für Partner besteht nach Barlows Argumentation darin, Kunden bei der sicheren Nutzung von KI zu unterstützen und zugleich über den reinen Technologiebetrieb hinauszugehen. Das bedeute, Richtlinienlücken offenzulegen, Playbooks durchzuführen, die neue KI-Angriffsfläche zu schützen und die Kundendiskussion über Wertschöpfung zu verändern, da KI den Arbeitsaufwand für viele Services reduziere.
"Wir müssen das Gespräch verändern", forderte er die bei der Konferenz anwesenden MSPs auf. "Wenn wir das nicht tun, werden wir aus dem Geschäft gedrängt. Damit das klar ist: Wenn wir uns nicht alle verändern und dementsprechend weiterentwickeln, werden wir nicht überleben."
Dieser Artikel erschien zuerst bei unserer Schwesterpublikation crn.com.
CRN-Newsletter beziehen und Archiv nutzen - kostenlos: Jetzt bei der CRN Community anmelden