Nordamerika-Chef von Lenovo zu Auswirkungen der Proteste gegen Rechenzentren
Ryan McCurdy bezeichnet den zunehmenden Widerstand in den USA gegen Rechenzentren als "eine von mehreren Einschränkungen", mit denen die Technologiebranche konfrontiert sei. Eine Abschwächung der KI-Nachfrage sieht der Chef des Nordamerika-Geschäfts von Lenovo nicht. Getragen wird der Boom aber von nun anderen Kunden, so der Manager gegenüber CRN.
Ryan McCurdy, President von Lenovo North America, äußerte sich kürzlich in einem Interview mit CRN. Darin sprach er über die "rasch wachsende Kundenbasis", die dazu beigetragen habe, dass Lenovos Rechenzentrumsgeschäft, die Infrastructure Solutions Group, im Jahresvergleich ihren Umsatz fast verdoppelt hat und auf einen Rekordwert von 8,5 Mrd. US-Dollar zulegte.
Mittlerweile bläst den Betreibern von Rechenzentren scharfer Gegenwind ins Gesicht, vor allem in den USA gibt es Proteste von Bürgern und NGOs, die gegen Ressourcenverbrauch, vor allem Wasser, protestieren. McCurdy, der zugleich Executive Vice President bei Lenovo ist, verglich den Widerstand gegen Rechenzentren mit anderen Einschränkungen wie Engpässen bei Komponenten und Strom, die Unternehmen beim Aufbau neuer KI-Infrastrukturen vor Hürden stellten.
"Ich denke, es gibt viele Dinge, die im Laufe des nächsten Jahrzehnts schwierig zu steuern sein werden, während sich dieser Bereich weiter aufbaut", sagte er am Mitte August.
Nvidia, das eine zentrale Rolle im Boom um KI-Rechenzentren spielt, signalisierte am Mittwoch vergangener Woche bei der Bekanntgabe von Rekordquartalszahlen, dass die einzige Wachstumsbremse derzeit das knappe Angebot sei. Das Unternehmen erklärte, es könne den Umsatz im kommenden Jahr verdoppeln, wenn mehr Produktionskapazitäten zur Verfügung stünden. Stattdessen rechnet Nvidia mit einem Umsatzwachstum von 70 Prozent.
Partner erwarten nur geringe Auswirkungen auf den Channel
Bob Venero, CEO des in Fort Lauderdale, Florida, ansässigen Lenovo-Partners Future Tech Enterprise, sagte gegenüber CRN, dass Betreiber von Rechenzentren möglicherweise "einige Anpassungen vornehmen müssen". Wie McCurdy glaubt er jedoch nicht, "dass es zu einer Abschwächung bei KI oder ähnlichen Themen kommen wird", selbst wenn große KI-Rechenzentrumsprojekte für Hyperscaler und KI-Labore betroffen sein sollten.
"Schauen Sie sich an, was der Channel größtenteils unterstützt: Die meisten Partner verkaufen nicht an Mega-Rechenzentren. In der Regel läuft das direkt", sagte Venero. "Wenn ich auf den Channel und dessen Auswirkungen blicke, halte ich sie für minimal."
Chris Bogan, Vice President of Alliances beim in Houston ansässigen Lenovo-Partner Mark III Systems, stimmte Venero zu. Zwar sei es "unmöglich", dass der wachsende Widerstand gegen Rechenzentren in den USA "uns überhaupt nicht berührt". Die Auswirkungen würden seiner Meinung nach aber "relativ gering" ausfallen. "Es könnte verändern, wo sich Unternehmen dafür entscheiden, ihre Systeme zu bauen. "Ich denke, die meisten Unternehmenskunden sind mit Protesten gegen Rechenzentren bereits vertraut".
McCurdy: Lenovo wird Einschränkungen besser meistern als Wettbewerber
Obwohl McCurdy den Widerstand gegen Rechenzentren als Einschränkung betrachtet, sagte er, Lenovo sehe "keine Abschwächung der Nachfrage" nach KI-Lösungen bei einer breiten Kundengruppe – von multinationalen Konzernen über KMU bis hin zu Verbrauchern.
"Lenovos Wertversprechen besteht darin, über viele verschiedene Dimensionen hinweg zu arbeiten, um das zu steuern – aus Sicht der Lieferkette ebenso wie aus Governance-Perspektive", sagte der Manager.
McCurdy erklärte, Lenovo bewältige diese Herausforderungen besser als seine Wettbewerber, und stellte dies als weiteren Beleg dafür dar, dass der Hersteller channel-freundlicher sei als andere. Als Beispiel verwies er darauf, wie das Unternehmen in Gartners Global Supply Chain Top 25 aufgestiegen ist – von Platz 15 im Jahr 2020 auf Platz 5 im vergangenen Juni.
"Ich denke, der Channel sieht Lenovo zunehmend als vertrauenswürdigen Berater, um eine sehr spannende, aber zugleich herausfordernde Marktdynamik zu bewältigen. Sicher ist nur, dass es viele Dinge gibt, die gelöst werden müssen. Lenovo ist ein starker Partner, um diese Herausforderungen gemeinsam zu meistern", sagte der Manager.
McCurdy erläutert Lenovos rasantes Wachstum im Rechenzentrumsgeschäft
Innerhalb von Lenovos Infrastructure Solutions Group gab es im ersten Geschäftsquartal des Unternehmens, das im Juni endete, zwei wesentliche Wachstumstreiber: eine nahezu Verdopplung der Umsätze sowohl mit Cloud-Service-Providern als auch mit Enterprise- und KMU-Kunden.
Während Hyperscaler und eine wachsende Zahl sogenannter Neoclouds vor einem Jahr noch einen Großteil dieses Umsatzwachstums antrieben, verzeichnet die Geschäftseinheit laut McCurdy inzwischen Vertriebsaktivitäten bei einer deutlich breiteren Kundengruppe. Dazu zählen multinationale Konzerne, große Unternehmen, KMU und Organisationen des öffentlichen Sektors. "Wir sehen in allen vier dieser Segmente ein ähnliches Wachstum", sagte er. Das bedeute, dass Lenovo infolgedessen "über mehr Channel-Partner" verkaufe.
McCurdy zufolge entsteht die Dynamik, während verschiedene Kundengruppen abwägen, ob sie ihre KI-Workloads in der Cloud oder lokal betreiben sollten, um die Kosten der zugrunde liegenden Modelle zu optimieren – ein Thema, das für Unternehmen zunehmend wichtiger wird.
Dennoch sagte der Manager, die Einführung von Enterprise-KI stecke noch "ganz am Anfang". Zugleich gebe es für Partner eine "riesige Chance", über Server hinauszublicken und PCs als weitere Möglichkeit zu positionieren, mit der Kunden KI-Kosten steuern können.
"Die gute Nachricht ist: Der Mehrwert ist vorhanden. Die Herausforderung besteht darin, dass die Kosten dieser allgemeinen Intelligenz auf persönlicher wie auf geschäftlicher Ebene auf den PC verlagert werden müssen. Das werden Notebooks sein, Desktops und Workstations."
Komponentenengpass dürfte bis 2027 anhalten
Rund ein Jahr nachdem der Ausbau von KI-Rechenzentren zu einem Mangel an Speicherchips und anderen Komponenten und damit zu Lieferenpässen und enormen Preissteigerungen geführt hatte, sagte McCurdy, das Problem werde von Kunden inzwischen "sehr gut verstanden". Er geht davon aus, dass der Engpass mindestens bis ins nächste Jahr andauern wird.
"Wenn man sich die weltweite Nachfrage nach Rechenleistung ansieht, die wir beobachten, sind wir während des gesamten Kalenderjahres 2026 knapp. Es gibt neue Kapazitäten, die öffentlich angekündigt sind und 2027 geöffnet werden sollen. Ich denke, die Nachfrage liegt über diesen Kapazitäten, daher wird das Angebot auf absehbare Zeit hinter der Nachfrage zurückbleiben", sagte er.
Auf die Frage, wie Partner auf Lenovos Umgang mit der Engpasskrise reagierten, sagte McCurdy, der Beweis liege in den Geschäftszahlen des Unternehmens. Dazu zählt das erste Geschäftsquartal, in dem Lenovo den Gesamtumsatz im Jahresvergleich um 43 Prozent auf den Rekordwert von 26,9 Mrd. Dollar steigerte.
Er fügte hinzu, Kunden und Partner hätten die "Fähigkeit zur klaren Kommunikation" zu schätzen gewusst, die Lenovo über die Auswirkungen des Komponentenengpasses gezeigt habe. "Ich denke, unsere Kunden und Partner nehmen wahr, wie wir damit umgehen", sagte er.
Der Artikel erschien zuerst bei unserer Schwesterpublikation crn.com.
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