Amazon rechnet mit jahrelangem Aufschwung
Im zweiten Quartal konnte Amazon seinen Nettogewinn gegenüber dem Vorjahr verdreifachen. Der Konzern rechnet auch in den nächsten zwei Jahren mit einer starken Nachfrage nach KI und einer anhaltenden Wechselbewegung von Unternehmen in die Cloud. Ein eigenes KI-Modell und eigene Chips sollen helfen, die Kosten zu senken.
Amazon Web Services verzeichnete im jüngsten Geschäftsquartal eine enorme Nachfrage nach künstlicher Intelligenz, die auch das Wachstum im Kerngeschäft mit Cloud-Diensten antrieb. Gleichzeitig treiben die weiterhin hohen Preise für Rechenzentrumskomponenten wie Speicher die Investitionsausgaben des Anbieters für 2026 um weitere 20 Milliarden US-Dollar nach oben. "Selbst mit diesem Betrag werden wir 2026 immer noch nicht genügend Kapazitäten haben, um die gesamte Nachfrage zu bedienen", erklärte Andy Jassy, CEO der AWS-Muttergesellschaft Amazon.com, am Donnerstag während der jüngsten Telefonkonferenz zu den Quartalszahlen. "Ich glaube, diese Dynamik wird auch 2027 anhalten. Tatsächlich ist selbst die Nachfrage, die wir bereits für 2028 haben, bemerkenswert."
Jassy erläuterte am Donnerstag die Ergebnisse des zweiten Geschäftsquartals des in Seattle ansässigen Cloud-Riesen, das die drei Monate bis zum 30. Juni umfasst.
Amazon hebt Ausgabenprognose für 2026 auf 220 Milliarden US-Dollar an
Duane Barnes, Präsident des US-Lösungspartners RapidScale (Platz 173 der CRN Solution Provider 500 aus 2026) erläuterte CRN in einem aktuellen Interview, sein Unternehmen investiere in sein AWS-Geschäft und habe rund 20 Badges bei dem Anbieter erreicht, darunter eines für Expertise im Bereich agentische KI. "Wir haben eine lange Tradition, Tausende von Kunden in die Public Cloud zu bringen", unterstrich Barnes. "Wir verfügen über acht Beratungs- und Consulting-Practices rund um Infrastruktur, Cybersicherheit, KI, ML, FinOps und so weiter."
Barnes zufolge verzeichnet sein Public-Cloud-Geschäft eine steigende Nachfrage nach der FinOps-Expertise des Systemhauses sowie nach Cloud-Migrationen weg von etablierten Anbietern. Der Ansatz von RapidScale hat eine neue Bedeutung gewonnen, da Kunden mit höheren Preisen für Rechenzentrumskomponenten wie Speicher, Server und Storage umgehen müssen. Ziel sei es herauszufinden, "wo diese Anwendungen langfristig laufen sollten – wahrscheinlich in einer Mischung aus Public Cloud, Private Cloud und On-Premises", sagte er. "Und dann kann man die eigene Infrastruktur wirklich länger nutzen, wenn alles dort platziert wird, wo es hingehört."
Speicherkrise beeinflusst Amazons Ausgaben
Aufgrund der gestiegenen Preise für Speicher und Rechenzentrumskomponenten hat Amazon seine erwarteten Ausgaben für 2026 auf 220 Milliarden US-Dollar angehoben, berichtete Jassy in der Telefonkonferenz. Weiter erklärte er, dass er sich mit den hohen Investitionsausgaben wohlfühle, weil Rechenzentren über mehr als 30 Jahre monetarisiert werden könnten, ohne zusätzliches Startkapital zu benötigen. Server und Netzwerkausrüstung erreichten den Break-even in weniger als drei Jahren, zudem würden Kunden KI-Kapazitäten üblicherweise für mindestens fünf Jahre vertraglich binden.
Jassy rechnet mit fünf bis sechs Generationen dieser Serverökonomie, wobei spätere Generationen bessere wirtschaftliche Kennzahlen aufweisen würden, ohne zusätzliche Investitionen in Rechenzentren zu erfordern.
Laut Jassy liegt Amazons aufstrebendes KI-Geschäft beim Margenverlauf "ein wenig vor" dem Kerngeschäft mit Cloud-Diensten. Auch das gebe ihm ein gutes Gefühl angesichts des hohen Ausgabenniveaus. Amazons zahlungswirksame Investitionsausgaben lagen im zweiten Quartal bei 53,1 Milliarden US-Dollar, größtenteils für AWS und generative KI.
KI pusht AWS-Umsatz um 37 Prozent
Amazon verzeichnete Wachstum bei eigenen KI-Produkten und -Diensten. Zugleich half das allgemeine Wachstum beim KI-Inferencing AWS dabei, den Nettoumsatz im Quartal laut Anbieter im Jahresvergleich um 37 Prozent zu steigern – das fünfte Quartal in Folge mit beschleunigtem Wachstum und das schnellste Wachstum seit 18 Quartalen.
Die annualisierte Umsatzrate erreichte 169 Milliarden US-Dollar. Gegenüber dem Vorquartal kamen 4,6 Milliarden US-Dollar Umsatz hinzu – 80 Prozent mehr als beim bisherigen größten Zuwachs. Diese annualisierte Umsatzrate würde AWS auf Platz 24 der Fortune-500-Liste bringen, wenn das Unternehmen eigenständig wäre, sagte Jassy in der Telefonkonferenz. KI helfe dabei, AWS zu einem Geschäft mit 1 Billion US-Dollar Jahresumsatz zu entwickeln. Der Umsatz des AWS-Segments wuchs im Jahresvergleich um 37 Prozent auf 42,2 Milliarden US-Dollar. Der Auftragsbestand von AWS liegt bei 496 Milliarden US-Dollar und ist im Jahresvergleich dreistellig gewachsen.
Jassy führte das Wachstum auf die breite Funktionalität von AWS über klassische Cloud-Anwendungsfälle und KI hinweg zurück, außerdem auf die operative Leistungsfähigkeit, Sicherheit und darauf, dass Nutzer AWS wählen, um Inference-Workloads in die Produktion zu bringen. Der CEO sagte, der klassische Cloud-Computing-Markt habe weiterhin Wachstumsspielraum, da 85 Prozent der weltweiten IT-Ausgaben derzeit noch On-Premises verblieben. "Diese Gleichung wird sich in den nächsten zehn bis 20 Jahren umkehren", zeigte er sich überzeugt. "Man sieht mehr Unternehmen, die in die Cloud wechseln und Pläne dafür entwickeln – und wir gewinnen den Löwenanteil davon."
Amazons KI-Geschäft übertrifft 25 Milliarden US-Dollar
Amazons KI-Geschäft hat eine annualisierte Umsatzrate von mehr als 25 Milliarden US-Dollar überschritten, und verzeichnete im Jahresvergleich ein prozentual dreistelliges Wachstum. Der CEO verwies auf die wachsende Nachfrage nach den eigenen KI-Produkten und -Diensten des Anbieters. Amazon Bedrock – die vollständig verwaltete Plattform zum Erstellen generativer KI-Anwendungen – bediene inzwischen Hunderttausende Kunden. In den vergangenen sechs Monaten gewann Bedrock mehr Kunden hinzu als in den ersten zwei Jahren nach dem Start. Zudem gaben die Kunden Jassy zufolge im zweiten Quartal mehr aus als in allen vorherigen Quartalen zusammen.
Obwohl Amazons KI-Geschäft bislang auch ohne ein Frontier-KI-Modell erfolgreich war, betonte Jassy, der Anbieter werde weiter an einem solchen Modell arbeiten. Das ermögliche mehr Kontrolle über Kosten, Geschwindigkeit und die Prioritäten der Modelle. "Wir versuchen, die Kosten für Kunden zu senken. Und wir glauben, dass ein Akteur wie wir, der permanent darauf fokussiert ist, Preis, Leistung und Kosten für Kunden zu verbessern, dazu beitragen wird, Modelle für Kunden kosteneffizienter zu machen", sagte er. "In den nächsten Jahren wird es mindestens ein halbes Dutzend Modelle geben, die vergleichbar gut sind. Sie werden alle in Bedrock verfügbar sein, und eines davon wird unseres sein." Jassy führte einen Teil des bisherigen Erfolgs von Bedrock auf den Wunsch der Kunden nach Modellvielfalt und Modellauswahl zurück. Dementsprechend rechnet er nicht mit einem monopolistisch geprägten Markt: "Es wird nicht das eine Modell geben, das die Welt beherrscht."
Weiter berichtete Jassy, die Nutzung von Amazons Coding-Agent Kiro habe sich gegenüber dem Vorquartal verdreifacht. Zudem stellte er weitere KI-Anwendungen von Amazon für die Zukunft in Aussicht und erklärte: "Wir sehen eine sehr große Chance – sowohl für unsere Kunden als auch für AWS – beim Aufbau einiger dieser agentischen Anwendungen", so Jassy. "An mehreren weiteren arbeiten wir bereits, und wir glauben, dass sie für Kunden und unser Geschäft sehr hilfreich sein werden."
Amazon setzt auf eigene KI-Chips Trainium und Graviton
Während Amazon softwareseitig in ein Frontier-Modell investiert, das mit Angeboten von OpenAI, Anthropic und anderen führenden KI-Forschungslaboren vergleichbar ist, um Kosten zu senken, arbeitet das Unternehmen zugleich weiter unter Hochdruck an eigener Hardware. Wie wichtig der Bereich ist, zeigte sich unter anderem daran, dass Amazon im Q2 im Chipgeschäft ähnliche Ergebnisse erzielte, wie mit der KI-Sparte: Die Chips überschritten eine annualisierte Umsatzrate von mehr als 25 Milliarden US-Dollar und verzeichneten im Jahresvergleich ein prozentual dreistelliges Wachstum.
AWS meldete im Quartal weitere Dynamik bei seinen Trainium-KI-Chips, mit mehrjährigen Multi-Gigawatt-Zusagen von Anthropic und dessen Wettbewerber OpenAI. Amazons Arm-basierter Cloud-Prozessor Graviton5 hat laut Anbieter einen Anteil von 98 Prozent bei den 1.000 größten Elastic-Compute-Cloud-Kunden (EC2) von AWS erreicht. Die Umsatzverpflichtungen stiegen gegenüber dem Vorquartal nahezu um das Dreifache. Graviton5 wächst fast doppelt so schnell wie Graviton4 und liefert eine bis zu 25 Prozent bessere Rechenleistung.
Das KI-Wachstum hat auch das Wachstum im Cloud-Kerngeschäft befördert – durch Post-Training, Reinforcement Learning und den Einsatz agentischer Tools auf zentralen Prozessoren (CPUs), die über die Cloud bereitgestellt werden, statt auf KI-Beschleunigern. Das sei auch ein gutes Zeichen für Amazons eigene Graviton-CPUs, erläuterte der CEO.
Mehr Strom für die Datacenter und Agenten
Im Hinblick auf den Ausbau der Stromkapazität sieht der Amazon-Chef sein Unternehmen weiter auf Kurs. Um die stark steigende KI-Nachfrage bedienen zu können, plant Amazon seine Energiekapazitäten bis Ende 2027 zu verdoppeln. "Wir befinden uns noch immer in einem relativ frühen Stadium dessen, wie groß die Nachfrage nach KI sein wird", sagte er. "Sie wird jedes Kundenerlebnis verändern, das wir kennen. Ich denke, sie wird alle möglichen neuen Erlebnisse hervorbringen, die wir uns nie vorgestellt haben."
Auf die Frage, ob Amazon auch plane, seine Trainium-Chips getrennt von seiner Cloud an Kunden zu verkaufen, antwortete Jassy: "Wir führen diese Gespräche aktiv und prüfen das, und ich erwarte, dass es eine echte Chance gibt, dass wir das künftig tun werden." Amazons Investitionen in eigene Chips machten den Anbieter "ungewöhnlich gut positioniert für den KI-Umbruch", ist Jassy überzeugt. Der CEO bekräftigte zudem Amazons enge Partnerschaft mit Nvidia, einem Halbleiterhersteller, den Amazon eines Tages mit seinem eigenen Chip-Portfolio potenziell herausfordern könnte.
Amazons starker Ausblick
Trotz aller KI-Rekorde lässt Amazon auch die anderen Spitzentechnologiemärkte nicht links liegen. So wurden im vergangenen Quartal etwa vier weitere Starts für das Leo-Satellitennetzwerk im niedrigen Erdorbit abgeschlossen. Damit umfasst die Konstellation nun fast 400 Satelliten im Orbit; der Satelliteninternetdienst soll noch in diesem Jahr starten.
Insgesamt meldete Amazon für das zweite Quartal einen Nettogewinn von 62,6 Milliarden US-Dollar, mehr als dreimal so viel wie die 18,2 Milliarden US-Dollar Nettogewinn im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Darin enthalten sind Erträge aus Amazons Beteiligungen am Claude-Entwickler Anthropic. Diese Erträge trugen "hauptsächlich" zu sonstigen nicht-operativen Vorsteuererträgen von 53,4 Milliarden US-Dollar bei.
Für das dritte Geschäftsquartal erwartet Amazon einen Nettoumsatz zwischen 197 Milliarden und 202 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 9 bis 12 Prozent im Jahresvergleich. Diese Zahlen umfassen alle Geschäftsbereiche von Amazon, einschließlich der E-Commerce-Sparte. Das operative Ergebnis soll zwischen 22,5 Milliarden und 26,5 Milliarden US-Dollar liegen, was einem Wachstum von etwa 30 bis 52 Prozent im Jahresvergleich entspricht.
Die Amazon-Aktie legte im nachbörslichen Handel um 9 Prozent zu und notierte bei etwa 260 US-Dollar je Aktie.
Dieser Artikel erschien zuerst bei unserer Schwesterzeitschrift crn.com.
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