Lars, but not least: Tokens um jeden Preis
Der KI-Hype treibt einige seltsame Blüten. Neben teils kopflosen Investitionen in Hard- und Software gehört dazu auch der Trend, Mitarbeiter für ein möglichst hohes Token-Aufkommen zu belohnen. Einen US-Konzern hat das jetzt rund eine halbe Milliarde Dollar gekostet und damit beinahe an den Rand des Ruins getrieben.
Wohl keine Technik hat die Arbeitswelt so tiefgreifend und vor allem schnell verändert, wie es die Künstliche Intelligenz aller Voraussicht nach tun wird. Auch wenn viele ihrer segensreichen Versprechungen sowohl hinsichtlich der Ausführung als auch des ROI noch immer etwas verschwommen in der Zukunft liegen, wetten Hersteller, Vertriebskanal und Anwenderunternehmen deshalb schon jetzt Milliardenwerte auf die Technologie. Dabei vergessen manche ganz offensichtlich, welche Risiken mit den versprochenen Gewinnen einhergehen können. Beispielsweise, wenn sie unkontrolliert KI-Lösungen und Agenten in ihr Ökosystem einbringen, diese allzu freigiebig mit sensiblen Daten und Zugangsrollen füttern oder ungeachtet der aktuellen Preisexplosion haufenweise teure KI-Hardware anschaffen, ohne zuvor ernsthaft evaluiert zu haben, wofür sie diese brauchen und ob sie dafür überhaupt passend ist. Nicht jeder Halbtags-Office-Arbeitsplatz braucht einen KI-PC und ein völlig falsch dimensioniertes Rechenzentrum kann auch mit noch so vielen NPUs oder TPUs kein haltloses Geschäftsmodell retten.
Ganz im Gegenteil kann der überhastete und unregulierte KI-Einsatz auch ganz schnell zur ernsthaften Gefahr werden. Dass das nicht nur im Hinblick auf technische Aspekte wie die Sicherheit, sondern auch auf die organisatorischen Schranken gilt, zeigt nun eindrücklich ein Beispiel aus den USA. Dort wäre einem von den Medien nicht näher benannten Großunternehmen seine KI-Euphorie beinahe zum Verhängnis geworden. Wie derzeit vielerorts zu beobachten, setzte dessen Leitungsebene statt auf eine solide Einführung mit klarem strategischem Fokus, Change Management und Enablement lieber auf die einfache Gamification im Sinne der bloßen Rekordjagd bei der Token-Maximierung. Wer am meisten Token generiert und verbraucht, der wird damit wohl auch am meisten Wert für das Unternehmen schaffen, so die dahinterstehende Milchmädchenrechnung. In diesem Sinne könnte jede Vertriebsorganisation die Boni ihrer Außendienstler an den Benzin- oder Stromverbrauch ihrer Fahrzeuge knüpfen, statt an Umsatz.
Das Gesetz der Token-Maximierung: Viel hilft kostet viel
Und selbst diejenigen Unternehmen, die diesen Token-Wettbewerb mit bestimmten oder unbestimmten Zielen verknüpfen, hinterlegen diese oft nicht mit entsprechenden Kontrollmechanismen, etwa hinsichtlich ihrer tatsächlichen Effizienz – oder wie nun im Falle des amerikanischen Unternehmens zumindest im Bezug auf die Grenzen der Token-Rekordjagd. So kam es, dass sich die Mitarbeiter einen derart ausufernden Wettbewerb lieferten, dass dadurch den Berichten zufolge innerhalb eines Monats bei Anthropic Token im Wert von rund einer halben Milliarde US-Dollar abgerufen wurden. Ein Betrag, der das Unternehmen in ernsthafte Schwierigkeiten brachte, während die damit erzielten Fortschritte und Ergebnisse nicht der Rede wert waren.
Das belegt einmal mehr, dass KI um der KI Willen keinerlei tragfähige Strategie ist und dass die entsprechenden Vorstöße und die dafür notwendigen Rahmenbedingungen bei aller Euphorie und FOMA schon vorab durchdacht werden müssen. Umso mehr, als sich dieses Problem mit der zunehmenden Verbreitung von Agenten potenziert, da jeder Nutzer mit ihnen parallel das zigfache an Tokens verbrauchen kann wie mit einem Chatbot. So hätten sich im vorliegenden Fall ganz abseits der sinnlosen Rekordjagd etwa Controlling und IT-Abteilung das von ihnen gewählte Abrechnungsmodell genauer ansehen müssen. Dabei hätten sie festgestellt, dass sie zwar ein festes monatliches Token-Paket abonniert haben, nach dessen Verbrauch allerdings keine Abriegelung sondern die automatische Zubuchung erfolgt. Schon ein einziger überlegter und sinnvoll eingesetzter Prompt hätte hier genügt, und die KI hätte auf die Gefahr hingewiesen.
Mag das Beispiel in seiner Schwere ein Extremfall sein, so ist es in der Sache sicherlich kein Einzelfall. Nicht umsonst wenden sich inzwischen schon wieder die ersten Konzerne von der Token-Maximierung ab, und zwar nicht zuletzt solche, die selbst damit Geld verdienen. Ein prominentes Beispiel dafür ist Amazon, das seine interne KI-Rangliste wieder abgeschaltet hat, um solche Auswüchse zu verhindern. Stattdessen will man sich künftig mehr auf effizienz- und ergebnisgetriebene Fortschritte konzentrieren.
Die Unternehmen und ihre Mitarbeiter haben im Hinblick auf KI noch viel zu lernen. Manchmal nicht nur von der KI, sondern auch schmerzvoll durch die KI. Ein Punkt, der gerade auch für den Channel von höchster Relevanz ist. Wer mehr als im aktuellen Goldrausch das schnelle Geld verdienen und sich stattdessen lieber langfristig als vertrauenswürdiger Berater im KI-Umfeld positionieren will, muss dafür unbedingt auch das Drumherum mit beherrschen und bei den Kunden anbringen. Andernfalls kann der Preis für dieses Versäumnis genauso schnell in die Höhe schießen, wie die Tokens und Kosten im Beispielfall aus den USA.
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