Lars, but not least: Teslas riskante Abopflicht für Sicherheit

Zufälle gibt es: Kurz nachdem Tesla-Chef Elon Musk ein fettes Bonus-Paket ausgehandelt hat, das unter anderem vom Abo-Erfolg abhängt, stellt der Elektroautohersteller sein FSD-System auf Abo. Um den Druck auf die Kunden zu erhöhen, werden damit einhergehend auch wichtige Sicherheitsfunktionen nun kostenpflichtig.

Das Überführen von Sicherheitsfunktionen ins FSD-Abo könnte nicht nur für Tesla selbst zum riskanten Spiel werden (Foto: ADAC)

Lars, but not least (Kommentar)

Die Überführung beliebter Funktionen hinter die Bezahlschranke von Abonnements ist eine immer weiter verbreitete Unart unserer zunehmend softwaredefinierten Welt, mit der die Hersteller ihre wiederkehrenden Umsätze befeuern und die Kunden an sich binden wollen – teils auf ähnlich sinistre Weise wie Sauron die Ringträger. Einer der Vorreiter dieser Bewegung ist Tesla. Denn noch mehr als bei der E-Mobilität an sich, ist Elon Musks Firma ein Pionier bei der Verwandlung des Automobils in ein Softwareprodukt, dessen Einzelteile und Funktionen sich hervorragend als Zusatzgeschäft vermarkten lassen. Die Palette der digitalen Extras reicht von Petitessen wie besserer Konnektivität bis hin zu handfesten Upgrades wie höherer Leistung.

Eine Strategie, die auch in anderen Vorstandsetagen Begehrlichkeiten weckt und die Fantasie anregt. Statt echter Mehrwerte kommt es dabei allerdings auch immer häufiger vor, dass der Schmale Grat zwischen berechtigten Interessen und dem Herauslösen und Umwandeln wichtiger Grundfunktionen und bisheriger Standard-Leistungen in kostenpflichtige Extras überschritten wird. Dieses "Enshittification" genannte Phänomen führt zu teils seltsamen Ergebnissen und meist zu einer nachvollziehbaren Verärgerung der Kunden. So kam beispielsweise Amazon jüngst auf die Idee, seinen Prime-Videodienst mit Werbung anzureichern, um den bereits zahlenden Kunden anschließend nochmals Geld für die Befreiung von ebendieser Werbung abzuknöpfen. Im Automobilbereich hatte sich BMW am Vorbild Tesla orientiert und versucht, Komfortfunktionen wie die die Sitz- und Lenkradheizung zum Abo zu machen. Während Amazons Vorstoß von der Verbraucherzentrale vor Gericht ausgehebelt wurde, musste sich BMW nach einem Jahr dem direkten Druck der Kunden beugen und bietet den Popogrill nun wieder als normal käufliche Ausstattung an.

Mehr Abos, weniger Sicherheit

Tesla zeigt sich davon allerdings weidlich unbeeindruckt und treibt das Spiel nun noch einen ganzen Schritt weiter und stellt sein FSD-System (Full Self Driving) auf ein verpflichtendes Abomodell um. Ab Mitte Februar können Kunden das Paket nicht mehr wie bisher für rund 7.500 Euro kaufen, sondern müssen ihn mieten. In den USA kostet das aktuell 99 US-Dollar pro Monat, offizielle Angaben zu den Gebühren in Europa fehlen bisher. Doch damit nicht genug. Um den Druck auf die Nutzer zu erhöhen, die Abo-Option zu ergreifen, greift Tesla zu einem Mittel, dass so manche Drückerkolonne wie Weisenkinder aussehen lässt und verlegt kurzerhand eine grundlegende Sicherheitsfunktion mit ins FSD-Abo.

Zugpferd soll dabei der Spurhalteassistent "Autosteer" sein, der laut Branchenberichten nun plötzlich nicht mehr im kostenlosen "Autopilot Basic" enthalten ist, sondern zum kostenpflichtigen FSD-Paket gehört. Während Tesla auf der einen Seite nicht müde wird zu betonen, die klugen Assistenten würden seine Autos sicherer als die der Konkurrenz machen, nimmt es den Käufern nun just einen dieser Assistenten weg, um ihn als Hebel für die eigenen geschäftlichen Interessen in Form des erwünschten Wechsels ins Abomodell zu nutzen. Insofern darf man sich wohl nicht allzu sicher sein, ob Tesla bei Bedarf künftig nicht auch noch andere Sicherheitsfeatures wie die Abstandskontrolle in die kostenpflichtige Abowelt verschiebt. Das ist eben der große Nachteil an diesen softwaredefinierten Modellen und den damit verbundenen Abhängigkeiten der Kunden.

(Lebens-)Gefährliche Enshittification

Während der Mitbewerb die Spurhalteassistenten inzwischen selbst in Einstiegsmodellen mitliefert, geht Tesla den entgegengesetzten Weg (Foto: Tesla)

Doch was treibt den Elektroautohersteller zu solch einem drastischen Schritt? Immerhin verschafft man sich mit dieser Wette auf mehr Aboerlöse einen nicht unerheblichen Nachteil gegenüber der Konkurrenz, insbesondere aus China, bei der entsprechende Systeme inzwischen meist zur Grundausstattung gehören. Darüber kann freilich nur spekuliert werden. Die Stoßrichtung ist jedoch klar: Profit schlägt bei Tesla alles – im Zweifelsfall auch die viel beschworene Sicherheit.

Einen möglichen Hinweis liefern die aktuellen Zahlen. 2025 musste Tesla bereits zum zweiten Mal in Folge einen Rückgang seiner Auslieferungen einstecken. Nach dem Rekordjahr 2023, in dem weltweit etwas mehr als 1,8 Millionen Teslas verkauft worden waren, fiel ihre Anzahl 2024 auf rund 1,79 Millionen und 2025 sogar auf nur noch knapp 1,64 Millionen Fahrzeuge. Damit einhergehend musste das Unternehmen im vergangenen Jahr auch erstmals einen Rückgang seines Umsatzes um etwa drei Prozent auf 94,8 Milliarden Dollar verkraften. Der Jahresgewinn brach damit einhergehend sogar um 46 Prozent auf rund 3,8 Milliarden Dollar ein. Eine Situation also, in der zusätzliche Einkommensquellen wie Abos hochwillkommen sind, um weniger vom direkten Verkauf der Fahrzeuge abhängig zu sein und stattdessen an anderer Stelle den Umsatz pro Fahrzeug nach oben zu schrauben.

Abo-Bonus für Musk

Doch nicht nur Tesla selbst macht sich Hoffnungen auf frisches Geld aus den Abo-Kanälen. Konzernchef Elon Musk, der mit seinem zunehmend erratischen Auftreten und seinem Kettensägen-Gastspiel in der Trump-Administration weltweit Kunden verprellt und damit zur Absatzschwäche beigetragen hat, hat darüber hinaus ein höchst persönliches Interesse, die Abo-Zahlen nach oben zu schrauben. Denn erst im letzten Herbst hat Musk mit dem Vorstand ein Bonuspaket für sich ausgehandelt, in dem neben dem Marktwert und den Fahrzeugverkäufen die Abo-Zahlen für FSD eine gewichtige Rolle spielen. Sollten diese in den nächsten siebeneinhalb Jahren die Marke von 10 Millionen überschreiten und alle anderen Zielmarken erreicht werden, winkt Musk ein Aktienpaket im geschätzten Wert von etwa 800 Milliarden US-Dollar.

Den finanziellen Preis dafür sollen offenbar die Fahrer zahlen, indem sie zu den Abos genötigt werden. Noch deutlich schwerer wiegt allerdings eine andere Last, die neben den Tesla-Fahrern auch alle anderen Verkehrsteilnehmer betrifft: Dass möglichweise Menschen schwer verletzt werden könnten oder gar ihr Leben verlieren, weil die Sicherheit bewusst eingeschränkt wird, um darüber die Abozahlen zu steigern. Man kann damit nur hoffen, dass dieses Beispiel nicht Schule macht.

CRN-Newsletter beziehen und Archiv nutzen - kostenlos: Jetzt bei der CRN Community anmelden