Lars, but not least: Amazon, der missverstandene Arbeiter-Samariter

Mit einem neuen Tool hilft Amazon seinen Managern Angestellte zu identifizieren, die verstärkte "Unterstützung" dabei brauchen, täglich im Büro zu erscheinen und dort zuverlässig abzuliefern. Einige ewige Miesepeter versuchen diese vorbildliche Fürsorge natürlich direkt wieder zur Überwachung umzudeuten.

Angestellte und Partner berichten immer wieder von der quasi paradiesischen Zusammenarbeit mit dem Etailer (Foto: Amazon)

Lars, but not least (Kommentar)
Amazon gilt gemeinhin als einer der sozialsten und menschenfreundlichsten Arbeitgeber der Welt. Warum das nicht umsonst so ist, lässt sich in fast schon regelmäßigen Abständen in den Medien nachlesen. So bewahrt der Etail-Gigant etwa seine Lagerarbeiter durch extrem straffe Zeitpläne und gnadenloses Performance-Monitoring davor, zu viele Zigaretten-, Ess- oder ähnlich ungesunde Pausen einzulegen. Um ihnen unnötige Bußgelder und kritische Blicke wegen des Wildbieselns zu ersparen, dürfen die Lieferfahrer nicht unnötig anhalten und sollen stattdessen für ihre Notdurft lieber zur Flasche greifen. Und auch gegen die in vielen Firmen alltägliche Arbeit am gefährlichsten Ort der Welt hat Amazon ein wirksames Rezept gefunden: Statt sich unnötig den bekanntlich endlosen Gefahren im eigenen Haushalt auszusetzen, heißt Amazon seine Schäflein schon seit Anfang des vergangenen Jahres wieder täglich im warmen und sicheren Büro willkommen.

Dort hat der gute Hirte die rund 350.000 Büroangestellten unter den insgesamt rund 1,5 Mitarbeitern dank diversen in den letzten Jahren eingeführten Fürsorgetools und -Maßnahmen stets gut im Blick, um sie bei Bedarf mit seiner digitalen Knute zu trösten und motivieren. Dank dieser umfassenden Betreuung fällt es beispielsweise sofort auf, wenn sich eines der Lämmlein zu früh nach dem Einchecken wieder auf den Nachhauseweg verirrt, oder aus alter Corona-Gewohnheit gleich dort seine Arbeit aufnimmt. Um sie vor solcherlei riskantem Verhalten, das oft ein Hinweis auf die gefährliche Diagnose des "Coffee Badging" ist, zu beschützen, wird sichergestellt, dass sich die Angestellten täglich und je nach zughörigem Team bis zu mindestens sechs Stunden in der sicheren Obhut einfinden.

Da sich aber herausgestellt hat, dass trotz all dieser Einhegung gelegentlich noch einige der Schäflein vom rechten Pfad abkommen, bessert Amazon dieses System gemäß dem hohen Verantwortungsanspruch nun selbstredend noch einmal deutlich nach. Ab sofort bekommen die Führungskräfte ein neues Dashboard an die Hand, das ihnen noch genauere Informationen an die Hand gibt, ob, wann, wie lange und auch wo ihre Teammitglieder sich im Haus aufhalten. Um ihnen ganz individuell noch gezieltere Hilfsangebote unterbreiten zu können, werden die Bedarfsfälle in drei Klassen eingeteilt:

Dass es sich dabei nicht um misstrauische Überwachungsmaßnahmen oder gar Versuche zur Provokation von Kündigungen handelt, wie manch böse Zungen und Betroffene munkeln wollen, zeigt sich schon daran, dass es sich nicht um Live-Daten handelt, sondern nur um tägliche Zusammenfassungen. Diese sind für die Führungskräfte acht Wochen abrufbar und aktivieren beim Überschreiten bestimmter Grenzwerte automatische Benachrichtigungen an die Verantwortlichen. Im Grunde genommen ist das ganze System also nur wenig von flexibler Vertrauensarbeitszeit entfernt. Diese gute Intention bestätigt auch Amazon selbst und unterstreicht, dass das Dashboard lediglich dazu diene, Mitarbeitern zu helfen, die "zusätzliche Unterstützung dabei brauchen, täglich im Büro zu arbeiten". So hat die Teamleitung alle Möglichkeiten an der Hand, um passende Hilfsangebote wie Abmahnungen und Kündigungen einzuleiten.

Hehres Ziel all der Maßnahmen ist es laut Unternehmenschef Andy Jassy, die Zusammenarbeit und Unternehmenskultur zu stärken und eine bessere Teamdynamik und stärkere Unternehmenskultur vor Ort zu schaffen – ähnlich einem jungen und dynamischen Startup. In diesem Sinne wäre der nächste logische Schritt die Einführung eines gemeinschaftlichen Fürsorge-Meldesystems, das neben den digitalen Tools auch die Mitarbeiter selbst noch stärker in die Bildung dieser vertrauensvoll familiären Atmosphäre einbindet. Hier könnten etwa zusätzliche Boni die Mitarbeiter dazu motivieren, Vorgesetzte auf Kollegen hinzuweisen, die besondere Aufmerksamkeit hinsichtlich der Qualität, Quantität oder anderer Aspekte ihrer Arbeit, wie etwa übermäßiger Kritik am Unternehmen und seinen HR-Praktiken, benötigen. Projektname: Spezielle Angestellten-Sicherheit, kurz Stasi.

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