ITscope: Ära der mutigen Studenten und Softwaregründer geht (fast) zu Ende

Den Ausstieg als Chef hatte Benjamin Mund wohl schon seit dem Verkauf seiner Softwarefirma im Hinterkopf. Nun ist es offiziell: ab März übernimmt Oliver Charles die Führung bei ITscope. Er will die "führende Position" als B2B-Beschaffungsplattform im Channel ausbauen, und er wird auf die Klagen der Partner reagieren müssen.

"Ich freue mich sehr darauf, ITscope weiterzuführen und gemeinsam mit unserem Team neue Impulse für den Markt zu setzen. Unsere einzigartige Datenbasis im ITK-Channel schafft die Grundlage für Lösungen, die IT-Resellern helfen, ihr Geschäft effizienter zu steuern und ihre Prozesse zu automatisieren", sagt Oliver Charles (li.). Der jetzige CEO Benjamin Mund scheidet im März, 23 Jahre nach Gründung des Unternehmens aus. Damit geht eine Ära der mutigen Studenten und Softwaregründer aus Karlsruhe fast zu Ende. Mitbegründer Stefan Reger ist noch da. (Foto: ITscope)

4. Juni 2025 auf der FutureWork Expo versammelt ITscope in Karlsruhe rund 15 Hersteller und Distributoren, die rund 150 Partnern ihre neuesten Lösungen für den Arbeitsplatz der Zukunft zeigen. An diesem verregneten Sommertag dürfte die persönliche Zukunft dreier Top-Manager beim B2B-Beschaffungsspzialisten schon festgestanden haben. Die Vorstellung der Sponsoren leitet – zum letzten Mal - Zeremonienmeister Oliver Gorges. 4 Wochen später wird CRN vom Ausstieg des "Mr. Channels" bei den Badenern berichten. Er heuert bei Disti Littlebit an.

ITscope-Chef Benjamin Mund lässt im Gespräch mit CRN natürlich nichts durchblicken, dass er ein Dreivierteljahr später an Oliver Charles übergeben wird. Der ist wenige Tage als neuer Managing Direktor bei ITscope im Amt. Die niederländische Exact-Gruppe, Investor bei ITscope, hat ihn mit der Aussicht, designierter CEO zu sein, nach Karlsruhe gelockt. Der Einarbeitungsplan sieht vor, dass Mund seinen Nachfolger ein halbes Jahr intensiv in alle Prozesse einbindet, er die Unternehmenskult kennen, den Channel zu verstehen lernt, später dann beide Manager Pläne für die kommenden Jahre ausarbeiten. Schließlich wird am 7. Januar 2026 die Katze aus dem Sack gelassen: Dr. Oliver Charles wird als Nachfolger von Mund Chief Executive Officer (CEO).

Der Harvard-Absolvent dürfte als nun offiziell designierter CEO von ITscope bis März intensiver mit den Anbieterpartnern in den Austausch gehen – bis er schließlich ab Frühjahr die Geschäfte vom ausgeschienen Geschäftsführer Mund übernimmt. Was Mund mit 46 Jahren machen wird?

Er könnte viel erzählen, wie man durch einen steinigen Weg mit allerlei Hindernissen navigiert. Wie drei Studenten über 20 Jahre die unerschütterliche Vision verfolgen, dass ihr anfangs von Distributoren angefeindetes Preisvergleichsportal keine Bedrohung für deren Geschäft ist, sondern Systemhäusern helfen wird, deren gesamten Beschaffungsprozess zentral an einer Stelle zu automatisieren. Wie aus Feinden also Kunden und Geschäftspartner werden, je mehr Reseller die B2B-Beschaffungsplattform nutzen und darüber einkaufen, während die drei Gründer Benjamin Mund, Alexander Münkel und Stefan Reger es Ebay gleichtun: Wettbewerber kaufen und warten, bis selbst ernannte E-Commerce-Helden mit übergroßem Ego über ihren Größenwahn stolpern.

Mehr als 300 Lieferanten mit ihren rund 7 Millionen Produkten sind heute in der cloud-basierten Plattform von ITscope gelistet und bilden die Basis für individuell konfigurierbare B2B-Shops der Reseller und Systemhäuser.

Aus dem Gründertrio ist dann ab März einzig noch Stefan Reger im Unternehmen, der bis Mitte 2024 21 Jahre lang Geschäftsführer bei ITscope war und steither die Stelle des "Director Technology" besetzt. Während Alexander Münkel und Benjamin Mund quasi als "Außenminister" tätig waren und bei der Cebit im damaligen Fachhandelsforum Planet Reseller am Messestand Flagge zeigten, agierte und agiert der 47-jährige Reger - nicht minder wichtig für die technologischen Herausforderungen des Softwareunternehmens – bis heute im Hintergrund.

Dominante Marktmacht wie Ebay?

Mit dem Führungswechsel stärke ITscope seine strategische Ausrichtung als eine der führenden Plattformen für IT-Beschaffung im B2B-Bereich, heißt es in der Pressemitteilung zum Führungswechsel. Den Satz werden Lieferanten und auch die einkaufenden Kunden durchaus mit gemischten Gefühlen lesen. Denn eine führende Marktstellung muss für sie nicht nur mit Vorteilen verbunden sein. CRN hört von vielen Partner Kritik an der Preisgestaltung. Die Lizenzgebühren seien sehr stark gestiegen. Viele vermuten, dass der Investor auf höhere Rentabilität drängt. ITscope ist eben kein von ehemaligen Studenten und Gründern geführtes Softwareunternehmen mehr.

Seit dem Verkauf 2021 an Weclap haben Investoren das Sagen. Für Expansion und Wachstum sowie technologische Weiterentwicklung der Plattform braucht es Geld, viel Geld, das Eigner oft nicht aus eigener Tasche zur Verfügung stellen wollen oder können.

Oliver Charles wird die rechte Balance zwischen den Interessen der Gesellschafter und Kunden von ITscope finden müssen. ITscope mag sich als Beschaffungsplattform in einer führenden Position sehen. Wettbewerb gibt es im Channel allerdings durchaus, allein die zentralregulierten Einkaufsmöglichkeiten der Verbund- und Systemhausgruppen sind eine Alternative. Und wie CRN hört, erfreuen sie sich großer Beliebtheit: Die Transaktionsvolumina sind letztes Jahr deutlich gestiegen, teils auf Rekordhoch.

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