Igel macht den Endpoint im Notfall zur Chefsache

Bei Ransomware oder größeren IT-Ausfällen entscheidet künftig nicht mehr der einzelne Anwender, wann ein Endpoint in den sicheren Igel-OS-Modus wechselt. Der neue Emergency Mode verlagert die Steuerung zentral zur IT - und eröffnet Partnern zusätzliche Ansatzpunkte im Security- und Continuity-Geschäft.

Der neue "Emergency Mode" ist eine wichtige Ergänzung im OS von Igel, damit im Notfall Nutzer weiter Zugriff auf Anwendungen haben. (Foto: Igel)

Wenn im Unternehmensnetzwerk die Lichter ausgehen, ist der Arbeitsplatzrechner schnell das unterschätzte Problem. Selbst wenn Backups funktionieren, Rechenzentren redundant ausgelegt sind und ein Recovery-Plan bereitliegt, bleibt die Frage: Wie kommen die Mitarbeiter wieder an ihre Anwendungen? Genau an diesem Punkt setzt VDI-Spezialist Igel mit dem neuen "Emergency Mode" für seine Business-Continuity- und Disaster-Recovery-Lösung (BC&DR) an.

Die Idee ist relativ einfach: Im Krisenfall soll nicht mehr der Mitarbeiter entscheiden müssen, wann sein Rechner in eine sichere Umgebung wechselt. Stattdessen übernimmt die IT zentral die Kontrolle. Über die Universal Management Suite (UMS) kann der Administrator Geräte aus der Ferne in den abgesicherten Igel-OS-Modus versetzen. Für Unternehmen mit vielen Endpoints soll das vor allem eines reduzieren: die Zeit zwischen einem IT-Problem und der Wiederaufnahme des Betriebs.

Vom Anwender zum Administrator

Bisher hatte Igel für den Notfall im Wesentlichen zwei Wege vorgesehen. Bei einem Dual-Boot-Setup läuft Igel-OS parallel zu Windows und kann beim Start ausgewählt werden. Alternativ lässt sich über den bootfähigen UD Pocket eine entsprechende Umgebung bereitstellen. Beide Verfahren haben einen gemeinsamen Punkt: Der Anwender muss wissen, was im Ernstfall zu tun ist.

Das klingt zunächst überschaubar. In einer realen Krisensituation sieht die Sache jedoch anders aus. Mitarbeiter müssen möglicherweise innerhalb kurzer Zeit entscheiden, ob und wann sie den alternativen Startweg nutzen. Bei tausenden Arbeitsplätzen wird daraus schnell ein organisatorisches Problem. "Das erforderte viele Trainings und legte dem User eine hohe Verantwortung auf", räumt Igel-CTO Matthias Haas ein. Der Emergency Mode soll genau diese Verantwortung aus dem Prozess nehmen.

Der Administrator kann einen entsprechenden Befehl zentral auslösen. Auf dem Bildschirm erscheint zunächst eine konfigurierbare Nachricht für den Anwender. Nach einer festgelegten Frist startet das Gerät automatisch neu und wechselt in den abgesicherten Modus. Auch ein erneutes Ausschalten und Einschalten soll daran zunächst nichts ändern.

Damit bleibt das exponierte Windows-System außen vor, während der Endpoint weiter für den Zugriff auf benötigte Anwendungen genutzt werden kann. Gleichzeitig erhält die IT über die UMS Telemetriedaten darüber, welche Geräte den Wechsel vollzogen haben und welche nicht mehr erreichbar sind. Erst wenn die Situation unter Kontrolle ist, kann der Administrator den Emergency Mode zentral wieder beenden.

Recovery beginnt nicht erst im Rechenzentrum

Für Igel ist die neue Funktion vor allem eine Ergänzung bestehender Business-Continuity-Strategien. Größere Unternehmen verfügen häufig bereits über etablierte und teilweise auditierte Verfahren für Disaster Recovery. Diese Prozesse sollen durch den Emergency Mode nicht ersetzt werden. Vielmehr geht es darum, eine Lücke zwischen der Wiederherstellung der zentralen IT und der tatsächlichen Arbeitsfähigkeit der Mitarbeiter zu schließen.

Peter Goldbrunner, VP und General Manager Central Europe bei Igel, beschreibt den Ansatz deshalb über die Recovery Time Objective (RTO). Wenn bei einem Unternehmen mit mehreren tausend Mitarbeitern jeder Arbeitsplatz mehrere Stunden nicht verfügbar ist, summiert sich die verlorene Zeit schnell. In Krankenhäusern oder anderen kritischen Bereichen kann die Konsequenz über reine Produktivitätsverluste hinausgehen.

Der Emergency Mode soll die Zeit bis zu einem nutzbaren Arbeitsplatz von Stunden auf wenige Minuten reduzieren, ohne bestehende, auditierte Abläufe grundsätzlich verändern zu müssen. "Es ist additiv", erklärt Goldbrunner.

Das ist zugleich der Punkt, an dem die Lösung für den Channel interessant wird. Igel kommt traditionell aus dem Umfeld von Workplace und End-User-Computing. Mit BC&DR verschiebt sich der Anwendungsfall stärker in Richtung Security und Cyber-Resilienz. Für Partner entsteht damit ein zusätzliches Angebot, das sich im klassischen Wiederverkauf, als Dienstleistung oder als Managed Service positionieren lässt.

Nicht nur Technik, sondern Vorbereitung

Der technische Rollout soll vergleichsweise wenig Aufwand verursachen. Ein MSI-Installer kann das Dual-Boot-Setup in bestehenden Windows-Umgebungen einrichten. Die Geräte lassen sich anschließend automatisiert in die UMS übernehmen.

Ganz ohne Vorbereitung kommt der Ansatz allerdings nicht aus. Entscheidend ist weniger die Installation selbst als die Frage, welche Geräte und Anwendungen im Krisenfall tatsächlich benötigt werden. Unternehmen müssen wissen, welche Endpoints wie ausgestattet sind, welche Verschlüsselung eingesetzt wird und welche Anwendungen Priorität haben. Auch die Frage, ob Anwendungen beispielsweise über Azure Virtual Desktop, browserbasiert oder lokal bereitgestellt werden, spielt eine Rolle.

Gerade für Partner kann daraus Beratungsarbeit entstehen. Der Emergency Mode ist damit nicht einfach eine Funktion, die man installiert und anschließend vergisst. Sein Nutzen hängt davon ab, wie gut er in die vorhandenen Notfallprozesse eingebettet ist.

Security wird zum größeren Spielfeld

Igel sieht die Entwicklung zugleich als Teil einer breiteren Plattformstrategie. Das Unternehmen baut sein Ökosystem mit Technologiepartnern weiter aus und nennt unter anderem die Zusammenarbeit mit Menlo Security. Dabei geht es auch um europäische Anbieter und das Thema digitale Souveränität.

Für die Partnerperspektive ist vor allem interessant, dass Igel nicht ausschließlich auf den klassischen VDI-Anwendungsfall zielt. Das Unternehmen berichtet von Kunden, die die Plattform zunehmend auch außerhalb traditioneller VDI-Szenarien einsetzen. Gleichzeitig sollen Partner ihre Geschäftsfelder in Richtung Security, Business Continuity und Managed Services erweitern können.

Der Emergency Mode ist damit weniger ein isoliertes Feature als ein weiterer Baustein in dieser Entwicklung. Aus einem Endpoint für den Zugriff auf Arbeitsumgebungen wird zunehmend ein Bestandteil der Sicherheits- und Wiederanlaufstrategie.

Ob sich das im Alltag bewährt, zeigt sich allerdings erst dann, wenn die Technologie tatsächlich unter Krisenbedingungen gebraucht wird. Die bisherigen Tests mit Kunden und Übungen sollen gezeigt haben, dass sich der Ansatz in bestehende Prozesse integrieren lasse, so der Softwareanbieter. Igel arbeitet zugleich an weiteren Diagnosemöglichkeiten, etwa um besser beurteilen zu können, ob einzelne Geräte von einem Angriff betroffen sind.

Für Administratoren ist die entscheidende Veränderung damit weniger spektakulär, als sie zunächst klingt: Im Ernstfall müssen sie nicht mehr darauf hoffen, dass jeder Mitarbeiter den richtigen Knopf findet. Sie bekommen selbst einen. Und für den Channel entsteht ein weiterer Berührungspunkt zwischen Endpoint-Management, Security und Business Continuity.

CRN-Newsletter beziehen und Archiv nutzen - kostenlos: Jetzt bei der CRN Community anmelden