HPC: Bull verdoppelt Produktion und startet "Open Factory"

Der französische HPC-Spezialist Bull baut seinen Standort in Angers für 80 Millionen Euro aus, um seine Produktion zu verdoppeln und Fertigungskapazitäten anbieten zu können. Damit soll die neue Anlage Europas Souveränität bei Supercomputern, KI-Infrastrukturen und künftig auch Quantentechnologien stärken.

Im Zuge der Erweiterung bietet Bull nun auch anderen herstellern Fertigungskapazitäten an (Foto: Bull)

Bull profitiert kräftig vom aktuellen Boom beim Bau von Hochleistungs- und KI-Rechenzentren. Gerade in Europa kann sich der schon 1931 gegründete HPC-Spezialist, den der französische Staat von Atos übernommen hat, immer wieder gegen die großen Anbieter aus den USA durchsetzen. Laut eigenen Angaben gewann der Konzern in diesem Jahr bisher 15 der 18 Ausschreibungen der EuroHPC, die den Aufbau des europäischen Supercomputingnetzwerks koordiniert und mitfinanziert. Nicht zuletzt, weil Bull mit seinem Werk in Angers den nach eigenen Angaben einzigen Industriestandort in Europa betreibt, an dem Supercomputer im großen Maßstab gefertigt, montiert, integriert, getestet und validiert werden können, und damit das Streben nach Souveränität in höchstem Maße bedienen kann.

Damit das auch so bleibt, investiert der Hersteller rund 80 Millionen Euro in den Um- und Ausbau und die Modernisierung des zentralen Standorts, von denen ihm zufolge knapp 2,9 Millionen Euro aus öffentlichen Förderprogrammen kommen. Bis 2028 will Bull unter anderem die Gesamtfläche 20.000 und die Produktionsfläche auf 10.700 Quadratmeter ausbauen und damit die Produktionskapazität verdoppeln und die Produktivität um 30 Prozent steigern. Zudem sollen flexible Produktionsbereiche, ein höherer Automatisierungsgrad und kollaborative Roboter eine schnellere Anpassung an neue Systemgenerationen ermöglichen und die Fabrik perspektivisch auch auf Quantentechnologien vorbereiten. Zur Energieversorgung gehören 3.500 Photovoltaikmodule mit einer Spitzenleistung von insgesamt 1.500 kWp. Ein Wärmerückgewinnungssystem soll jährlich bis zu fünf Gigawattstunden in das Fernwärmenetz einspeisen, genug, um damit etwa 600 Haushalte zu versorgen.

"Jeden Sturm der europäischen IT-Geschichte durchlebt"

Als erster Meilenstein auf dem Weg dorthin wurde in dieser Woche eine neue Fertigungshalle eröffnet. "In einer Welt, die auch im digitalen Bereich zunehmend fragmentiert ist, müssen Frankreich und Europa unbedingt die Kontrolle über ihre eigenen Rechenkapazitäten behalten", betonte der französische Wirtschafts- und Finanzminister, Roland Lescure, bei der Eröffnung. In diesem Sinne wertete er die Investitionen und neue Großaufträge als Beweis, dass die strategische Entscheidung zum Einstieg des Staats bei Bull im Frühjahr richtig war. "Seit 1963 hat Angers gemeinsam mit Bull jedes Kapitel und jeden Sturm der europäischen IT-Geschichte durchlebt. Heute werden hier einige der leistungsfähigsten Supercomputer Europas gebaut," lobte Lescure die Entwicklung und dankte den Mitarbeitern, unter denen auch 800 Forschungs- und Entwicklungsingenieure sind, pathetisch für ihren Einsatz für diese Sache: "Was sie aufbauen, ist mehr als Technologie oder industrielle Infrastruktur: Es ist ein Teil unserer nationalen und europäischen Unabhängigkeit."

"Open Factory": Bull bietet Fertigungskapazitäten für Hersteller

Parallel dazu startet Bull ein "Open Factory"-Programm, das Anbietern von KI-, Advanced-Computing- und Quantentechnologien Kapazitäten anbietet, um Systeme aus der Forschungs- und Entwicklungsphase in die Serienproduktion zu überführen. Das soll es vor allem auch Herstellern Herstellern ohne eigene Produktion in entsprechender Größenordnung ermöglichen, entsprechende Infrastruktur in Europa fertigen zu lassen. Dass damit nicht nur kleine europäische, sondern auch internationale Hersteller adressiert werden, zeigt der erste Kunde: Foxconn nutzt das Angebot, um gemeinsam mit Bull KI-Server auf Basis von Nvidias Vera-Rubin-NVL72-Plattform für europäische AI Factories und Cloud-Provider entwickeln und fertigen. Weitere Industriepartnerschaften, die im Rahmen des Open-Factory-Programms die Industrialisierung neuer KI- und Quantentechnologien in Europa ermöglichen sollen, will Bull Anfang 2027 bekannt geben.

Die erweiterte eigene Produktion und die externen Kapazitäten dürften für Systemhäuser, Integratoren und spezialisierte Infrastrukturpartner künftig zusätzliche Projektchancen rund um Planung, Integration, Betrieb und Services für souveräne KI- und HPC-Umgebungen in ganz Europa schaffen.

Die Wiege des europäischen Supercomputings

Das Werk in Angers soll zu einem Zentrum der europäischen IT-Industrie werden (Foto: Bull)

Schon heute ist Bull mit seinem Standort in eine tragende industrielle Säule des europäischen Ökosystems für Advanced Computing und künstliche Intelligenz. So war Angers etwa maßgeblich an Großprojekten wie JUPITER beteiligt, Europas erstem Supercomputer mit einer Rechenleistung von einer Trillion Berechnungen pro Sekunde, sowie an den laut Green500-Ranking drei energieeffizientesten Supercomputern der Welt. Nächstes Jahr werden von dort der in Frankreich betriebene Exascale-Supercomputer Alice Recoque sowie LUMI-AI ausgeliefert, das Kernsystem der in Finnland angesiedelten LUMI AI Factory.

"Seit seiner Eröffnung im Jahr 1963 ist das Werk in Angers ein zentraler Teil der Geschichte von Bull und ihrer wichtigsten Meilensteine", unterstreicht Bull-CEO Emmanuel Le Roux. Heute verkörpere es die Transformation des Unternehmens von einem traditionsreichen IT-Anbieter zu einem führenden Industriepartner für High Performance Computing, künstliche Intelligenz und souveräne digitale Infrastrukturen.

Diese tragende Rolle in Europas KI- und HPC-Landschaft will der Hersteller gemeinsam mit dem Areal und den Produktionshallen ausbauen. "Dieses Werk steht für unsere Überzeugung, dass Europa über die industriellen Kapazitäten verfügen muss, um die strategischen digitalen Infrastrukturen von morgen auf eigenem Boden zu produzieren", so Le Roux. "Die neue Industrieanlage wird die nächste Generation von Supercomputern, KI-Infrastrukturen und Advanced-Computing-Technologien unterstützen und Staaten sowie Organisationen dabei helfen, ihre strategische Autonomie zu stärken."

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