Hannover Messe weckt böse Erinnerungen an Cebit-Schicksal

Weniger Besucher, Ausstellerrückgang um ein Viertel, leere Hallen, Suche nach Neupositionierung: Deutschlands wichtigste Industriemesse steckt in der Krise.

Messerundgang mit Bundeskanzler und Wirtschaftsministerin auf der Hannover Messe 2026. Bei der letzten Cebit 2018 fehlte die damalige Kanzlerin Angela Merkel, die Computermesse wurde nur noch vom Wirtschaftsminister Peter Altmaier eröffnet (Foto: Deutsche Messe AG )

Die gute Nachricht: Die Hannover Messe (HMI) wird auch im kommenden Jahr stattfinden, aber der Messefreitag entfällt (5.bis 8.Apil 2027). 4 statt 5 Tage: Das ist bereits die erste Konsequenz, die der Veranstalter Deutsche Messe aus dem Besucherrückgang und dem massiven Einbruch der Ausstellerzahl zieht.

Rund 110.000 Menschen besuchten die Industriemesse 2026, 13.000 weniger als im Vorjahr. Den Rückgang kann man sicher noch mit Warnstreiks im Flug- und Nahverkehr begründen. Rund 40 Prozent der Besucher seien aus dem Ausland gekommen, so die Veranstalter. Aber der Schwund der Ausstellerzahl um ein Viertel auf 3.000 ist nicht den Streiks geschuldet. Dieser massive Rückgang ist ein deutliches Warnsignal: er reißt ein tiefes Loch in die Kasse der Deutschen Messe, das Messekonzept der immer noch größten und wichtigsten Industrieausstellung Deutschlands muss neu aufgestellt werden.

Künstliche Intelligenz, Automatisierung und Robotik standen im Mittelpunkt, wie schon in den Jahren zuvor. Der erstmals neue Cluster Rüstungstechnik mit Fokus auf die Produktion hat nicht gezogen. Für dieses sehr spezielle Segment gibt es weltweit längst etablierte Messeformate. 2027 sogar auch in der Hauptstadt Niedersachsens: Die Deutsche Messe bringt kommenden März die DSEI Germany nach Hannover Laatzen, den deutschen Ableger der großen Londoner Waffenshow DSEI, wo Militärschiffe, Kampfflugzeuge, Panzer, Waffensysteme und Soldatenausrüstung gezeigt wird. Hier das Kriegsgerät (DSEI), dort vernetzte Produktion (HMI), und jeweils sehr unterschiedliche Adressaten (Entscheider): Die allgemeine Industriemesse hat vom Boom des Rüstungssektors nicht profitiert, das Konzept ging auf der HMI nicht auf.

Billiger, weil weniger, reicht nicht

Wofür will die HMI künftig stehen? Ist eine jährlich stattfindende Industrieshow, wo KI im Mittelpunkt steht, noch zeitgemäß? Wo doch KI-Innovationen quasi im Monatsrhythmus den Takt angeben. Die Antwort der Messeverantwortlichen in Hannover klingt kurios: Die Verkürzung der HMI um einen Tag sei ein "klarerer Fokus", so Benedikt Hüppe, Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Niedersachsen.

Nur weil der Bundeskanzler und der jeweilige Staats-Chef des Partnerlandes ihre traditionellen Messerundgänge machen und für schöne Pressebilder sorgen, ist die Zukunft der Hannover Messe nicht gesichert.

Messe-Chef Jochen Köckler hat die künftige Verkürzung der HMI "eine konsequente Weiterentwicklung für mehr Effizienz und Nähe zur Industrie" genannt. Was er damit in Richtung der Aussteller meint: Es wird für euch günstiger; die gebuchte Fläche für jetzt nur 4 statt 5 Tage könnte weniger kosten, die Kosten für Standpersonal sinken auf jeden Fall. Das hört jeder Buchhalter gerne.

Viel interessanter ist der Vorschlag von Landespolitiker Sebastian Lechner. Der CDU-Fraktionsvorsitzende im Niedersächsischen Landtag bringt einen strategischen Investor ins Spiel, der neben Kapital auch Branchen-Know-how einbringen könnte und die HMI thematisch in die Zukunft entwickeln könnte. Wohin die Deutsche Messe AG die HMI führen will, um diese Grundsatzentscheidung drücke sich der Veranstalter.

Warum?

Ende einer Traditionsmesse: kein plötzliches Unglück, sondern absehbare Folge einer veralteten Struktur

Es wiederholt sich auf fatale Weise, was zum Aus der einstigen weltgrößten Computermesse Cebit führte, die 2018 zum letzten Mal die Tore öffnete. Alle Neukonzepte und Verkürzungen der Messedauer scheiterten. Der Umbau zum "Digital-Festival", Verlegung in den Sommer statt Anfang März, das SAP-Riesenrad brachten keine Wende. Immer weniger Zuschauer und Aussteller kamen zur Cebit, bis die Deutsche Messe AG das Aus der Traditionsmesse besiegelte - 33 Jahre nach ihrer Ausgründung aus der Hannover Messe.

Sascha Lobo, Kenner der IT-Szene und zeitweilig Berater des Cebit-Managements, analysierte damals für Spiegel Online messerscharf.

Vergangenes Jahr blickten Sascha Lobo (li.) und CRN-Redakteur Martin Fryba nochmals auf die gescheitere Cebit zurück, die beide jahrelang aktiv begleitet hatten. Der Veranstalter Deutsche Messe AG muss nun die nächste Traditionsmesse neu ausrichten, hoffentlich mit mehr Erfolg (Foto: Martin Fryba)

"Durch ihren zeitweisen enorm großen Erfolg hatte die Deutsche Messe, die halb der Stadt Hannover und halb dem Land Niedersachsen gehört, Strukturen aufgebaut, die in erster Linie nach Umsatz gemessen wurden. Bei Messen bedeutet das 'Quadratmeter verkaufen', natürlich an Unternehmen, und nicht ans Publikum. 'User-centric' ist ein Zauberwort der Digitalisierung, und es bedeutet, dass man sein Produkt um die Nutzer herum organisiert – wohlgemerkt, um die Nutzer und nicht zwingend die Kunden.

Die Cebit aber war, wie die meisten Unternehmen des 20. Jahrhunderts, durch die Umsatzfixierung enorm vertriebsgetrieben, und das hat dem Unternehmen selbst geschadet. Im Mittelpunkt standen die Quadratmeter-Käufer und nicht das Publikum."

Das Ende der Cebit sei kein plötzliches Unglück gewesen, sondern absehbare Folge einer veralteten Struktur, die den Anschluss an die damalige Realität des Marktes verpasst habe, so Sascha Lobo.

Die HMI steckt zwar in einer Krise, sie muss das Schicksal einer in Raten gestorbenen Cebit aber nicht teilen. Die Deutsche Messe sollte sich die damals verpassten Chancen einer Cebit-Neuausrichtung in Erinnerung rufen und für die HMI frühzeitig ein neues Messekonzept erarbeiten, das über nur punktuelle Korrekturen hinausgeht. Es geht schließlich nicht nur um die Hannover Messe, sondern um eine bedeutende Leitmesse, die wie keine andere für den Industriestandort Deutschland steht.

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