DXC Oasis verspricht "Gesamtblick auf die komplette Infrastruktur"

Mit "Oasis" will DXC Technology dem Tool-Wirrwarr im Datacenter-Betrieb ein Ende bereiten und alle wichtigen Informationen und Reaktionen auf einer zentralen Ebene zusammenbringen. Wie das funktioniert und welche Vorteile sich MSPs dadurch erschließen können, erklärt Field Chief Technologist Europa Daniel Amor im Interview mit CRN.

"In vielen IT-Umgebungen wurden Änderungen früher nicht konsequent protokolliert. [...] Wenn solche Prozesse über Oasis laufen, wird alles automatisch dokumentiert." Daniel Amor, Field Chief Technologist Europa, DXC Technology (Foto: DXC Technology)

Mit seiner intelligenten Orchestrierungsplattform "Oasis" will DXC Technology MSPs und Großunternehmen ein einheitliches Data Warehouse und Betriebsmodell für Rechenzentren und Infrastrukturen an die Hand geben, das es ihnen erlaubt, durch die KI-gestützte Zusammenführung der Auswertung und Steuerung über verschiedenste Plattformen hinweg den Übergang von reaktivem Support zu intelligenter Ausführung zu beschleunigen. Ein ähnlicher Ansatz, wie ihn gerade auch Cisco vorgestellt hat, und der mit dazu beitragen dürfte, dass sich HPE die frühere Ausgliederung DXC gerne wieder zurückholen würde. CRN wollte deshalb von Daniel Amor, der als Field Chief Technologist Europa bei DXC Technology tätig und außerdem für seine Fachbücher und Vorlesungen an der dualen Hochschule Baden-Württemberg bekannt ist, wissen, was die Plattform leisten kann und wie sich MSPs das zunutze machen können.

CRN: Kürzlich hat DXC die Oasis-Plattform vorgestellt. Können Sie konkret erklären, wozu so eine Plattform gebraucht wird und was sie dafür im Datacenter-Alltag leistet?

Daniel Amor: Im Kern ist Oasis eine zentrale Steuerungs- und Analyseplattform für den IT-Betrieb großer Rechenzentren. In komplexen IT-Umgebungen existieren heute zahlreiche unterschiedliche Tools mit eigenen Dashboards, Meldungen und Log-Dateien. Tritt eine Störung auf, müssen Administratoren oft in vielen verschiedenen Systemen nach Ursachen suchen. Oasis legt sich als intelligentes Overlay über diese bestehenden Werkzeuge. Die vorhandenen Systeme werden also nicht ersetzt, sondern miteinander verbunden. So entsteht ein einheitliches Gesamtbild mit einem zentralen Dashboard statt vieler Einzellösungen.

Viele Tool-Anbieter integrieren inzwischen zwar eigene KI-Funktionen in ihre Produkte, diese beziehen sich jedoch meist nur auf das jeweilige Einzelsystem. Der Unterschied bei Oasis liegt darin, dass die Plattform Informationen über sämtliche Tools hinweg aggregiert und Zusammenhänge erkennt. Gerade in großen IT-Landschaften mit Mainframe-, Linux-, Windows-, Cloud- und Netzwerksystemen reicht eine isolierte Betrachtung einzelner Tools nicht mehr aus. Entscheidend ist der Gesamtblick auf die komplette Infrastruktur. Fehler lassen sich so deutlich schneller erkennen und beheben.

CRN: Können Sie das anhand eines konkreten Beispiels verdeutlichen?

Amor: Gerne. Nehmen wir beispielsweise einen klassischen Netzwerkausfall. Während die notwendige Analyse zum Auffinden und Beheben des Fehlers früher unter Umständen bis zu zwei Tage dauern konnte, lassen sich die relevanten Informationen dazu heute innerhalb weniger Sekunden zusammenführen. Die Plattform macht zudem konkrete Lösungsvorschläge. Bei einfachen Routinefällen kann sie vorbereitete Maßnahmen, nach Freigabe durch einen Administrator, sogar selbst ausführen. Das Prinzip lautet dabei aber immer "Human plus AI". Die Plattform unterstützt Menschen, ersetzt sie aber nicht.

CRN: Was ist dann der Mehrwert gegenüber klassischen Lösungen ohne KI?

Amor: Der größte Unterschied liegt in der Lernfähigkeit und Automatisierung. Die Plattform kann aus vergangenen Incidents lernen und bei neuen Problemen schneller passende Lösungswege vorschlagen. Ein weiterer wesentlicher Vorteil ist die automatische Dokumentation. In vielen IT-Umgebungen wurden Änderungen früher nicht konsequent protokolliert. Wenn etwa IP-Adressen geändert, Ports geöffnet oder Systeme angepasst wurden, fehlte oft die Nachvollziehbarkeit. Wenn solche Prozesse über Oasis laufen, wird alles automatisch dokumentiert. Das verbessert Transparenz, Compliance und Sicherheit erheblich, auch vor dem Hintergrund, dass KI-bezogene Cyberbedrohungen aktuell massiv zunehmen.

CRN: Wie verändert KI aus Ihrer Sicht den IT-Betrieb und klassische Managed-Services-Modelle allgemein, und wo sehen sie ihre größten Stärken?

Amor: Vor allem Routineaufgaben lassen sich automatisieren. Tätigkeiten wie allmorgendliche Systemchecks, Statuskontrollen oder das Prüfen einzelner Server können KI-Systeme rund um die Uhr übernehmen, ohne Ermüdung und deutlich schneller als es menschliche Mitarbeitende allein könnten.

Grundsätzlich liegen die Stärken agentischer KI für den IT-Betrieb in drei Kernbereichen:

Dadurch verschiebt sich die Rolle der Fachkräfte. Sie beschäftigen sich weniger mit repetitiven Standardaufgaben und stärker mit komplexen Störungen, strategischer Planung und Optimierung der IT-Landschaft. Managed Services werden dadurch effizienter und hochwertiger. Gleichzeitig entsteht aber auch ein neuer Weiterbildungsbedarf.

CRN: Sie sprechen das Thema Weiterbildung an: Welche neuen Kompetenzen müssen IT-Teams in den kommenden Jahren konkret aufbauen?

Amor: Wichtig wird vor allem der kompetente Umgang mit KI-Systemen. Dazu gehört, sinnvolle Fragen zu stellen, Ergebnisse richtig einzuordnen und mit digitalen Assistenten effektiv zu arbeiten. Hinzu kommt weiterhin klassisches Infrastrukturwissen: Mitarbeitende müssen Netzwerke, Storage, Betriebssysteme oder Security Tools von Grund auf verstehen. Denn ohne dieses Fachwissen können sie Vorschläge einer KI nicht seriös bewerten.

Außerdem gewinnt das Thema "Agent Oversight" an Bedeutung. Mitarbeitende steuern und überwachen KI-Agenten, statt jede Aufgabe selbst manuell auszuführen. Im Prinzip hat jeder Agent einen menschlichen Supervisor, der letztlich die Verantwortung trägt – ganz ähnlich also, wie in klassischen Unternehmenshierarchien. Menschen bleiben verantwortlich für Entscheidungen und müssen einschätzen können, ob Empfehlungen sinnvoll oder riskant sind. Rollen und Berechtigungen orientieren sich auch weiterhin an menschlichen Zuständigkeiten. Ein Netzwerkadministrator erhält beispielsweise nur jene Sicht- und Handlungsmöglichkeiten, die er auch ohne KI hätte. Die Agenten unterstützen ihn innerhalb dieses Rahmens.

Überall dort, wo Kontext nicht vollständig formalisierbar ist bleibt menschliches Urteilvermögen unverzichtbar, etwa bei Entscheidungen mit ethischen, geschäftlichen oder regulatorischen Implikationen. Auch ganz neue Bedrohungsmuster, die außerhalb des Trainingshorizonts eines Agenten liegen, erfordern eine menschliche Beurteilung; ebenso alles, was Verhandlung, Empathie oder strategische Weitsicht beinhaltet.

CRN: Bei allem Nutzen – gibt es auch spezifische Bereiche, in denen bezüglich KI-Support besondere Vorsicht geboten ist?

Amor: KI kann grundsätzlich fast überall unterstützen. Entscheidend ist aber die Frage, wie viel Entscheidungshoheit man der Technologie gibt. In hochkritischen oder regulierten Bereichen, beispielsweise Banken, Behörden oder Flugverkehr, wird KI kurzfristig eher beratend als autonom tätig werden.

Neben zentral betriebenen Plattformmodellen lassen sich für solche sensiblen Umgebungen auch private KI-Instanzen oder eigene Large Language Models lokal beim Kunden betreiben. Das bietet Vorteile bei Datenschutz, Souveränität sowie regulatorischen Vorgaben und kommt der aktuell oft geforderten digitalen Souveränität in Europa zugute. Der Nachteil: Solche Systeme profitieren weniger stark vom kollektiven Lernen größerer Plattformen und müssen separat trainiert sowie gepflegt werden.

CRN: Gibt es bereits praktische Erfahrungen aus dem Einsatz?

Amor: Ja. Oasis befindet sich inzwischen im Live-Betrieb, erste operative Erfahrungen werden bereits gesammelt. Besonders weit fortgeschritten ist der Einsatz agentischer KI in Security Operation Centern. Dort werden eingehende Angriffe automatisiert analysiert, priorisiert und vorsortiert. Dadurch können sich Fachkräfte auf wirklich kritische Bedrohungen konzentrieren. Das führt zu schnelleren Reaktionszeiten, höherer Qualität und spürbaren Effizienzgewinnen. Gerade angesichts KI-gestützter Cyberangriffe ist diese Entwicklung entscheidend. Auch Oasis profitiert davon: Wenn neue Schwachstellen bekannt werden, lassen sich Systeme schneller identifizieren, priorisieren und patchen. So greifen Sicherheits- und Betriebsplattformen ineinander.

CRN-Newsletter beziehen und Archiv nutzen - kostenlos: Jetzt bei der CRN Community anmelden