Digitale Souveränität und das Dilemma der kognitiven Dissonanz

Fast alle Unternehmen räumen digitaler Souveränität hohe Priorität ein. Aktive Maßnahmen zur Umsetzung aber leiten nur die Hälfte ein. Das liegt auch am Druck, KI schnell einzuführen und den Wunsch nach Kontrolle und Datenhoheit notfalls hintenanzustellen. Ein falscher Kompromiss, so Suse-Managerin Margaret Dawson.

"Unternehmen sehen sich häufig mit der Entscheidung konfrontiert, ob sie den Einsatz von KI beschleunigen oder ihre digitale Souveränität erhalten wollen - doch das ist ein falscher Kompromiss", warnt Margaret Dawson, Chief Marketing Officer bei Suse. (Foto: Suse)

Wenn Wunsch und Wirklichkeit nicht deckungsgleich sind und diese Kluft schmerzvoll belastend wirkt, diagnostizieren Psychologen eine kognitive Dissonanz. Ein solches Fazit zieht ein aktuelles IT-Bulletins von Suse. Der Softwareanbieter hatte für die Studie "Navigating Digital Resilience" 309 IT-Führungskräfte in Deutschland, Frankreich, Indien, Japan und den USA befragt, die in Unternehmen aus 13 Branchen tätig sind. Durchgeführt wurde die Befragung von einem unabhängigen Marktforschungsinstitut, so dass sie nicht wussten, vom beauftragten Open-Source-Anbieter Suse auf die Couch gelegt worden zu sein. Die Befragten wären sonst womöglich vom Portfolio von Suse beeinflusst. Denn mit seinem Open Source-Infrastruktur-Portfolio – darunter Linux, Rancher Prime und AI - adressiert Suse die vollständige Kontrolle über Daten, Modelle und Infrastruktur, "ohne von Hyperscalern abhängig zu sein", wie man betont.

Die Befragung wollte sich also methodisch unangreifbar machen. Ob sich die US-Riesen wie AWS, Microsoft und Google von Suses "Navigating Digital Resilience" beindrucken lassen, darf dennoch bezweifelt werden. Ihre Marktdominanz bei Rechenzentren und Cloud-Diensten ist erheblich, ihr mehrere Hundert Milliarden Dollar schweres Investitionsvolumen im Vergleich zu staatlichen EU-Aufträgen und Fördergeldern geradezu erdrückend, und zudem versprechen ihre Sovereign Clouds genau jene Wünsche nach digitaler Souveränität zu erfüllen, der Suse in seiner Umfrage nachgeht.

Und sie mit der Wirklichkeit kontrastiert. Denn das "Paradoxon der Souveränität", wie Suse diese kognitive Dissonanz herausarbeitet, lautet: "Dringlichkeit geht vor Handeln". In Zahlen ausgedrückt: Fast alle Unternehmen (98 Prozent) räumen der digitalen Souveränität Priorität ein, Aber nur etwas mehr als die Hälfte (52 Prozent) ergreift aktiv Maßnahmen zu ihrer Verwirklichung.

Nach Ländern aufgeschlüsselt sieht die Lage so aus: 62 Prozent der Befragten in Indien geben an, dass digitale Souveränität als echte strategische Priorität eingestuft wird, in die sie aktiv investieren, gefolgt von jeweils 57 Prozent in Deutschland und Japan, 52 Prozent in den USA. Schlusslicht ist überraschenderweise die Grande Nation: Die Lücke zwischen Anspruch und Umsetzung liegt im so stolzen Frankreich bei nur 39 Prozent.

Triebfeder: Externer Druck

Über digitale Souveränität reden fast alle Unternehmen, richtig ernst nehmen das Thema aber nur jene 45 Prozent, die es als Kriterium bei der Anbieterauswahl auch in ihre Ausschreibungen aufnehmen. Also auch hier schlägt die kognitive Dissonanz zu.

Warum überhaupt digitale Souveränität? Man könnte meinen, die IT-Entscheider sind sich den zunehmend geopolitischen Risiken bewusst, sehen, dass gehostete Applikationen im schlimmsten aller Fälle auf politischen Druck abgeschaltet werden können. Dass neben Business Continuity auch Datenhoheit und Kontrolle über das Rechenzentrum essenziel sind in einer unsicher gewordenen Welt. Doch die intrinsische Motivation für den Aufbau digitalsouveräner IT-Infrastruktur ist den Ergebnissen der Suse-Studie zufolge eher gering.

41 Prozent geben an, dass sie nur dann Maßnahmen zur Wahrung der Souveränität ergreifen, wenn Kunden oder gesetzliche Vorschriften dies erfordern. "Das deutet darauf hin, dass Druck von außen nach wie vor der Haupttreiber ist", so die Schlussfolgerung aus der Studie.

Dabei wäre Resilienz und Risikomanagement essenziell in einer KI-getriebenen Ökonomie

Höhere Kosten für digitalsouveräne Ambitionen sind nicht der Hauptgrund für eine Zurückhaltung. Das war vor einigen Jahren bei Cloud Computing noch der Fall. Entsprechende Air-Gap-Rechenzentren, wie sie einst beispielsweise Microsoft mit Treuhänder T-Systems angeboten und für die Deutschland-Cloud einen Aufschlag verlangt hatte, stießen auf keine Akzeptanz bei Kunden hierzulande. Das ist jetzt anderes, beziehungsweise die Budgets werden umgeschichtet, seit KI Wettbewerbsvorteile verspricht.

Treten Budgeterhöhung um rund 20 Prozent auf, würden Unternehmen KI klar über das Thema Souveränität stellen, so ein Ergebnis der Suse-Befragung. "Das lässt vermuten, dass der Druck zur Einführung von KI möglicherweise größer ist als die Bemühungen, die damit verbundenen Risiken zu bewältigen", vermutet Suse.

Dabei wäre gerade KI ein Hauptgrund, sich unabhängig von Public-Cloud-Infrastrukturen zu machen. 64 Prozent der IT-Führungskräfte aus der Suse Umfrage meinen, dass die Transparenz von KI – also die Kontrolle über Modelltraining und KI-Herkunft – in den kommenden fünf Jahren der wichtigste Faktor für digitale Resilienz sein werde. Künstliche Intelligenz entwickele sich zum "Motor für digitale Resilienz", sei aber auch eine Quelle zunehmender Komplexität, so Suse.

Die Definitionen von digitaler Resilienz variiere zwar. In Grundsatz seien sich Unternehmen aber über: es gehe um Kontrolle, um Cybersicherheit und Bedrohungserkennung und darum, in immer komplexeren, KI-gesteuerten Umgebungen die Kontrolle zu behalten, so die Studie.

Schnelle KI-Einführung oder digitale Souveränität: Ein schlechter Kompromiss

"Unternehmen sehen sich häufig mit der Entscheidung konfrontiert, ob sie den Einsatz von KI beschleunigen oder ihre digitale Souveränität erhalten wollen - doch das ist ein falscher Kompromiss", warnt Margaret Dawson, Chief Marketing Officer bei Suse. "Sovereign AI schafft die Grundlage dafür, beides zu verbinden, indem Kontrolle, Compliance und Innovation gemeinsam verankert werden", sagt die Managerin.

Die komplette Studie hat Suse digital aufbereitet: https://suse.com/navigating-digital-resilience-2026.

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