XChange EMEA: "Die Unbeständigkeit und Volatilität der Märkte ist die neue Normalität"

Geopolitik, Souveränität, eigenen Handlungsspielraum entdecken: diese Aspekte prägten die Diskussionen am zweiten Tag der Channel-Konferenz XChange EMEA von CRN. Die harte Realität können Systemhäuser und MSPs nicht ändern, "wir müssen einfach damit leben".

CRN-Moderatorin Nima Sherpa Green fordert Teilnehmer auf, ihre aktuellen Herausforderungen zu benennen. Das Bild zeigt: In einer komplexeren Welt sind es sehr es multiple und sehr verschiedene Themen, die alle gleichzeitig auf MSPs und IT-Dienstleister prallen. (Foto: CRN)

80 Partner aus Europa, 13 Hersteller und jede Menge Themen, Vernetzung und Impulse für das, was IT-Dienstleister und MSPs bewegt: wie verändert KI das aktuelle und erst recht künftige Geschäft. Die zweitägige XChange EMEA 2026 ist am Dienstag zu Ende gegangen, die Arbeit im und vor allem am Unternehmen geht weiter.

Ein Schwerpunkt der europäischen Veranstaltung mit Partnern vor allem aus UK, Niederlande, Deutschland, Polen und Nordics: wie können und sollten sich Lösungsanbieter an einen Markt anpassen, der von geopolitischer Unsicherheit, steigenden Kosten und sich wandelnden Kundenerwartungen geprägt ist?

Perspektivwechsel. Mohamedou Ould Slahi saß 14 Jahre in Guantánamo Bay, ohne Anklage, oder Gerichtsverfahren, ohne einen einzigen Beweis, dass der in Mauretanien geborene und in Deutschland studierte Elektrotechniker etwas mit den 9/11-Terroranschlägen zu tun hatte. Wie hält man unter physischer und psychischer Folter – Isolationshaft und Scheinhinrichtung - eine so lange Zeit durch? Slahi, der seine Geschichte im 2015 veröffentlichten Guantánamo-Tagebuch festhielt, schilderte in seiner Abschlussrede seinen Weg in die Freiheit.

Die unglaubliche Geschichte von Mohamedou Ould Slahi (Mitte) zeigt, wie ein Mensch zu sich selbst finden und handlungsfähig bleiben kann, mag die Lage auch noch so ausweglos scheinen. Hier mit CRN-Redakteur Paul Ferretti und Nima Sherpa Green, Editorial Director EMEA bei CRN. (Foto: CRN)

Niemand kann ermessen, was andere in extremen, lebensbedrohlichen Lagen durchmachen. Wenn es so etwas wie eine Lehre gibt aus dem von Slahi vorgetragenen Schicksal, dann am ehesten noch die: den Fokus nicht einzig auf das widerfahrene Unrecht richten, weil man nicht den Rahmen ändern kann, unter dem Gewaltakte wie Guantánamo, aber auch Kriege, politische Willkür oder ökonomisches Chaos passieren.

Der Perspektivwechsel, der Mohamedou Ould Slahi schließlich nicht zerbrechen lies: "Die beste Form von Rache ist für mich Vergebung. Sie gibt mir die Kontrolle zurück. Ich habe mich von Wut getrennt, weil Wut eine sehr vergiftende Sache ist." Wenn man hasse, wenn man "Goll im Herzen" trage, so Slahi, "kann einen niemand befreien. Man muss sich selbst befreien."

Perspektivwechsel kann den Vorteil haben, vom Objekt zum handelnden Subjekt zu werden, so schwer (Guantánamo) oder leichter (Geopolitik, Inflation) persönliche Anpassungen in nicht änderbarem Kontext nötig und möglich sind.

In unsicheren Zeiten: Risiko, Resilienz und Servicebereitstellung in der EMEA-Region

Guy Golan, Neels Burger and Sonny Sehgal diskutieren, welche Veränderungen ihre Unternehmen prägen und wie sie drauf reagieren (Foto: CRN)

Während einer Podiumsdiskussion zu den Themen Risiko, Resilienz und Servicebereitstellung diskutierten auf der XChange EMEA Referenten die Auswirkungen geopolitischer Spannungen, Inflation, steigender Betriebskosten und sich wandelnder Kundenerwartungen, mit der Systemhäuser und MSPs in der gesamten EMEA-Region gleichermaßen konfrontiert sind.

Für Sonny Sehgal, Mitbegründer und CEO von Transputec, hat die geopolitische Instabilität bereits direkte Auswirkungen auf die Expansionspläne gehabt. Nachdem das Unternehmen im vergangenen Jahr eine Niederlassung in Dubai eröffnet hatte, wurden die gut anlaufenden Geschäfte deutlich gebremst durch den Krieg zwischen den USA und Iran, der in diese Region getragen wurde. "Wir hatten enormen Aufschwung, aber ich habe den Krieg nicht kommen sehen", so Sehgal.

Er fügte hinzu, dass das Unternehmen auch mit dem Krieg in der Ukraine zu kämpfen hatten und haben. Resilienz und die Beibehaltung des Fokus sind entscheidend, weil sich Marktbedingungen ändern können. Anpassungsfähigkeit ist also notwendig, ebenso wie Flexibilität und einen "Plan B" in der Tasche zu haben, waren sich die Diskussionsteilnehmer einig.

Neels Burger, Leiter des Bereichs Industrialisation Shared Services bei Capgemini, ergänzte: "Die Unbeständigkeit und Volatilität der Märkte, in denen wir tätig sind, ist die neue Normalität. Wir müssen einfach damit leben".

Zu dieser Situation erklärte Guy Golan, CEO und Mitbegründer von Performanta, dass die Instabilität dazu geführt habe, dass Unternehmen und Kunden vorsichtiger geworden seien. "Im Moment sind alle sehr vorsichtig. Niemand will investieren." Viel "Lärm", wie er es nennt, "überflutet den Markt". Und dieser Lärm sei "geopolitischer Natur: Zölle und letztlich Ego", sagte er.

Die Diskussion drehte sich auch um steigende Kosten, von Erhöhungen der Sozialversicherungsbeiträge über Preiserhöhungen bei Lieferanten bis hin zu wachsender Unsicherheit hinsichtlich verbrauchsabhängiger Preismodelle. Die Teilnehmer argumentierten, dass Partner sich nicht mehr darauf verlassen könnten, steigende Kosten einfach an die Kunden weiterzugeben.

Die Realität: Cybercrime ist eine Industrie. Würde man deren "Wirtschaftsleistung" global addieren, stünden die Akteure auf der Liste der größten Volkwirtschaften auf Platz 3 – hinter USA und China. Daher ist moderne Cybersicherheit, im Idealfall KI-basierte Security-Lösungen zur Prävention, unverzichtbar für jedes Unternehmen, so Seamus Lennon von ThearLocker. Foto: CRN)

Stattdessen werden Effizienz, Automatisierung und operative Disziplin immer wichtiger, um die Margen der IT-Dienstleister zu sichern. Die Debatte um Souveränität, die sich bereits am ersten Tag der XChange in Den Haag abgezeichnet hatte, kam während der Diskussion erneut zur Sprache.

Golan wies zudem darauf hin, dass Diskussionen rund um Souveränität ebenso sehr von Geopolitik wie von Technologie getrieben werden. "Das Thema, das es zuvor nie gab, liegt nun auf dem Tisch und wird angesprochen", sagte er und bezog sich dabei auf Kundenanfragen nach Alternativen zu US-amerikanischen Technologieanbietern.

Die Diskussion weitete sich auf die Fähigkeit Europas aus, im Bereich Innovation mit den USA und China zu konkurrieren, wobei die Redner Finanzierungsherausforderungen, fragmentierte Märkte und Schwierigkeiten bei der Umsetzung von Forschungsergebnissen in kommerziellen Erfolg hervorhoben.

Zwar gingen die Meinungen darüber auseinander, wie Europa reagieren sollte, doch herrschte weitgehende Einigkeit darüber, dass Partner den Kunden zunehmend dabei helfen müssen, sich in diesen Diskussionen zurechtzufinden. Das Thema digital Souveränität rückt auf der Agenda immer weiter nach oben.

Von Guantánamo zur inneren Freiheit, Resilienz und Stärke

Zum Abschluss noch einmal Mohamedou Ould Slahi, der fast alles verloren hatte: Freiheit, berufliche Karriere und 14 lange Jahre den Kontakt zu seiner Familie. "Gift trinken, in der Hoffnung, dass der Feind stirbt", fasst er seine Überlebensstrategie der Vergebung in Guantánamo Bay zusammen. Er hat überlebt, aber die traumatischen Folgen bleiben bis heute.

Daher versucht Slahi Kontakt zu ehemaligen Gefängniswärtern und Beamten aufzunehmen, die an seiner Inhaftierung beteiligt waren, um das fast Unmögliche für ihn zu vollenden: Versöhnung der Rache vorzuziehen. Zu den bemerkenswertesten Momenten der Veranstaltung gehörte Slahis Schilderung, wie er wieder Kontakt zu Menschen aufnahm, denen er einst die Schuld für sein Leiden gegeben hatte, darunter ehemalige Gefängniswärter und Politiker, die an seiner Inhaftierung beteiligt waren.

Sich in extremster Lage zu befinden und sich für Menschlichkeit zu entscheiden, erzählt nicht nur Weltliteratur. Versöhnung schreibt bisweilen wahre Geschichte. Wie jene von Mohamedou Ould Slahi.

[Die nächste Gelegenheit zum Austausch mit MSPs und Systemhäusern: XChange Germany am 3. November 2026 in Mannheim]