Beschaffung: Deutsche Lieferketten mit deutlichen Schwachstellen
Unternehmen in Deutschland sind nicht nur häufiger von Ausfällen wichtiger Lieferanten betroffen als in anderen wichtigen Industrienationen, zugleich brauchen sie auch länger, diesen zu ersetzen. Im Durchschnitt dauert es fast vier Wochen die Lieferkette zu flicken. Wertvolle Zeit, in der die Produktion ins Stocken geraten und Kunden verloren gehen können.
Wenn Unternehmen unerwartet ein wichtiger Lieferant wegbricht, kann das schnell zu erheblichen Problemen in der Logistik führen und weite Teile des Geschäftsflusses blockieren. Durch die globalen Lieferketten und ihre Störungen durch Kriege, Naturkatastrophen und andere Verwerfungen, kommt genau das jedoch immer häufiger vor. Zudem betreffen solche weitreichenden Ereignisse oft auch mehrere mögliche Ersatzlieferanten. Laut einer im Frühjahr von Sapio Research im Auftrag des Beschaffungslösungs-Herstellers Ivalua durchgeführten Studie, für die jeweils 200 Einkaufs- und Supply-Chain-Verantwortliche in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den USA befragt wurden, haben deutsche Unternehmen damit gleich in mehrfachem Sinne besonders schwer zu kämpfen.
Allen voran fielen den Angaben der Befragten zufolge bei deutschen Unternehmen im Durchschnitt innerhalb von zwölf Monaten 2,4 kritische Lieferanten aus. Damit ist Deutschland klarer Spitzenreiter. Der Durchschnitt der vier untersuchten Länder liegt bei 1,7 Ausfällen pro Jahr, in den USA sind es nur 1,3. Völlig von einem entsprechenden Lieferantenausfall verschont blieben indes nur 14 Prozent der deutschen Befragten, während 84 Prozent mindestens einen solchen verzeichneten. Zwei Dritteln der deutschen Unternehmen hatten sogar zwei oder mehr Ausfälle in ihrer Lieferkette zu verkraften.
Lieferantensuche im Schneckentempo
Doch damit nicht genug, macht den hiesigen Unternehmen noch ein weiteres Problem zu schaffen: Denn auch bei der Dauer bis zur Wiederherstellung der Lieferkette sind die Deutschen trauriger Spitzenreiter im Vergleich der vier Länder. Allein bis ein Ersatzlieferant identifiziert ist, vergehen laut den Angaben der befragten deutschen Verantwortlichen schon durchschnittlich 11,1 Tage. Das anschließende Onboarding dauert im Mittel weitere 2,1 Wochen. Zusammengenommen benötigen deutsche Unternehmen also rund 26 Tage vom Ausfall eines kritischen Lieferanten bis zur Einbindung eines Ersatzes.
Zum Vergleich: In den USA ist ein neuer Lieferant meist innerhalb von weniger als 9 Tagen gefunden und nach knapp drei Wochen bereits vollkommen in die Prozesse eingebunden. Noch deutlicher werden die Unterschiede abseits des Mittelwerts. Während 28 Prozent der deutschen Befragten zwei Wochen oder länger brauchen, um einen Ersatzlieferanten zu identifizieren, brauchen in Frankreich und den USA nur jeweils 17 Prozent so lang.
Schwere Folgen für Geschäftsabläufe
Was in der Praxis bedeutet, zeigt die Studie anhand weiterer Zahlen auf. So berichten etwa 77 Prozent der deutschen Befragten von Engpässen oder Störungen während der Übergangsphase. 24 Prozent sehen sich dabei stark exponiert – auch das ist wieder der höchste Wert der untersuchten Länder. Im Durchschnitt sehen sich nur 19 Prozent so deutlich getroffen, in Großbritannien und USA sind es je nur 17 Prozent.
Die konkreten Folgen reichen von steigenden Kosten bis zu direkten Auswirkungen auf die Produktion. So meldeten 17 Prozent der betroffenen deutschen Unternehmen reduzierte Produktionskapazitäten, während diese in Großbritannien und Frankreich nur bei je 9 Prozent von den Folgen des Lieferantenausfalls betroffen waren. 10 Prozent der Unternehmen aus Deutschland verloren nach eigenen Angaben durch die direkten Folgen sogar Schlüsselkunden, doppelt so viele wie in den USA. Entsprechend der Zusammensetzung der Unternehmenslandschaft ist in Deutschland also häufiger die Produktion betroffen, als etwa in den beiden englischsprachigen Ländern, in denen die Ausfälle zumeist vor allem finanzielle Folgen wie höhere Betriebskosten (26 und 27 Prozent in Großbritannien und den USA) haben.
"Angesichts von Inflation, Zöllen und steigenden Kosten, die den Betrieb ohnehin schon belasten, kann der Ausfall eines einzigen Lieferanten der entscheidende Punkt sein, der eine ohnehin schon angespannte Lieferkette zum Zusammenbruch bringt", warnt Jarrod McAdoo, Direktor bei Ivalua.
Gründe für den deutschen Nachholbedarf
Doch warum ist das Problem gerade bei deutschen Unternehmen so groß und wie lässt es sich beheben? Als zentrale Ursache sieht Ivalua Defizite bei Transparenz und Datenqualität und untermauert das mit weiteren Zahlen: 55 Prozent der deutschen Einkaufsorganisationen verfügen laut der Studie über kein einheitliches und verlässliches Bild ihres Lieferantenrisikos, die Hälfte hat zudem keine Transparenz über die Lieferkette jenseits der direkten Tier-1-Lieferanten. 46 Prozent geben deshalb selbst an, nur einen Lieferantenausfall von einer echten Lieferkettenkrise entfernt zu sein.
Auswege aus dem Lieferanten-Dilemma
Hinzu kommt eine hohe Fragmentierung der Datenlandschaft. 43 Prozent der befragten deutschen Unternehmen berichten, dass ihre Sourcing-Daten über verschiedene Systeme verteilt sind. Weil Lieferantenstammdaten beispielsweise im ERP liegen, Bewertungen in Excel, Korrespondenz im Postfach und Auditberichte im Dateiablagesystem, wird die schnelle und zuverlässige Anpassung der Beschaffungsstrategie erschwert. 59 Prozent der Studienteilnehmer aus Deutschland sehen außerdem Risiken für ihr Unternehmen durch die Abhängigkeit von Tabellenkalkulationen und den damit verbundenen menschlichen Fehlern.
Auch bei der Lieferantenprüfung attestiert die Studie den deutschen Organisationen besonders großen Nachholbedarf. Und sie sich selbst: Jeder zweite Betrieb hält die eigene Lieferantenprüfung angesichts des heutigen Risikoumfelds für zu langsam. Nicht zuletzt, weil beinahe ein Fünftel der Teamkapazität für manuelle Tätigkeiten eingesetzt wird, die automatisiert werden könnten. Diese Ressourcen fehlen auch bei der Bewältigung von Herausforderungen wie der Suche nach neuen Lieferanten. Nur 21 Prozent der deutschen Unternehmen setzen demnach bei der Verifikation neuer Lieferanten schon vor der ersten Zahlung überwiegend auf automatisierte Prüfungen. Und das, obwohl gleichzeitig 65 Prozent angeben, dass manuelle Due-Diligence-Prozesse dazu geführt hätten, dass kritische Lieferanten vor dem Onboarding nicht vollständig geprüft wurden.
KI und Automatisierung als Hebel
Dementsprechend sieht Ivalua in KI und Automatisierung einen wichtigen Hebel, um die Lieferketten und die damit verbundenen Prozesse zu stärken. Laut dem Hersteller identifizieren in Deutschland ansässige Unternehmen, die KI-Werkzeuge im Einkauf einsetzen oder pilotieren, mögliche Ersatzlieferanten merklich schneller als solche Organisationen, die KI noch nicht einsetzen oder erst prüfen. Während sie durchschnittlich 11,4 Tage brauchen, schaffen es die KI-Nutzer in 9,7 Tagen. Dabei verzeichnet die Studie auch einen Zusammenhang zwischen der KI-Adoption und dem allgemeinen Automatisierungs- und Digitalisierungsgrad. Denn 39 Prozent der KI-Anwender arbeiten bei der Verifikation neuer Lieferanten bereits überwiegend automatisiert, bei Unternehmen ohne KI-Pläne sind es lediglich 12 Prozent.
Insofern sollte man meinen, dass wenigstens die Botschaft, dass hierzulande immerhin 65 Prozent der Unternehmen heute schon KI im Einkauf einsetzen, eine frohe ist. Doch auch damit übernimmt Deutschland wieder die Rote Laterne unter den in der Studie untersuchten Ländern. "Die Zahlen für Deutschland stimmen nachdenklich", konstatiert Simon Eger, Regional Director Central Europe von Ivalua und erklärt: "Die wirtschaftliche Stagnation der vergangenen Jahre hat offenkundig dazu geführt, dass deutsche Unternehmen weniger flexibel und weniger schnell auf Krisensituationen reagieren können."
Nur wenig besser präsentieren sich hier ausgerechnet die USA als Mutterland der KI. 69 Prozent der befragten Unternehmen dort verstärkt seinen Einkauf mit KI. In Frankreich ist es immerhin ein Prozent mehr, beim Spitzenreiter Großbritannien nutzen fast drei Viertel (74 Prozent) entsprechende KI-Tools. Besonders deutlich zeigt sich dieser Unterschied zwischen den weitgehend und wenig digitalisierten Unternehmen bei der Vorsorge. Während 78 Prozent der KI- Unternehmen einen in Umsetzung befindlichen oder bereits umgesetzten Reaktionsplan für Cyber-Vorfälle bei Lieferanten und die damit verbundenen Risiken und Probleme parat haben, sind es bei Unternehmen ohne KI-Strategie nur halb so viele. Zudem haben 40 Prozent der KI-losen Firmen für solche Begebenheiten überhaupt keinen Plan.
Ansatzpunkte für Systemhäuser und MSPs
Zusammenfassend verweist der Report also darauf, dass die deutschen Unternehmen die meisten Ausfälle, die längsten Suchdauer, den höchsten Anteil stark exponierter Unternehmen und die am wenigsten weit entwickelten Gegenstrategien im Hinblick auf KI und Automatisierung in der Beschaffung haben. Eine bedenkliche Kombination, gerade in Branchen mit getakteter Fertigung und geringen Beständen, in denen die Zeit bis zur Wiederbeschaffung ein essenzieller Faktor ist, ob ein Lieferantenausfall eine unangenehme Störung bleibt oder im Ernstfall zum Stillstand der Bänder und dem Verlust von Kunden führt.
Zugleich eröffnet diese Situation aber Systemhäusern, IT-Dienstleistern und MSPs einige gute Ansatzpunkte bei ihren Kunden, insbesondere bei Unternehmen mit komplexen Lieferketten und stark fragmentierten Datenbeständen. Aus ihrem Bedarf nach Plattformen und Lösungen für das Beschaffungs- und Risikomanagement, die Lieferantendaten konsolidieren, Risiken frühzeitig aufdecken und Due-Diligence-Prozesse automatisieren, lassen sich Beratungs- und Integrationschancen generieren. "Das Ziel besteht darin, die Fähigkeit aufzubauen, frühe Anzeichen zu erkennen und bereit zu sein, bestehende Notfallpläne selbstbewusst umzusetzen", erklärt McAdoo. "KI kann dabei einen echten Unterschied machen, ist aber nur so effektiv wie die Daten, mit denen sie arbeitet. Unternehmen sollten deshalb unbedingt eine solide, einheitliche Grundlage für Lieferantendaten schaffen." Genau hier liegt ein guter Entry-Point für die Dienstleister, der zugleich Raum bietet, Mehrwerte anzudocken.
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