Bei Bechtle endet immer wieder eine Ära – nun die des heimlichen Börsenmachers Stefan Sagowski
Großer Bahnhof in Gaildorf, der Finanzzentrale von Bechtle: Das Systemhaus verabschiedet seinen Bereichsvorstand Stefan Sagowski. Ohne ihn hätte Bechtle den Börsengang kurz vor dem Platzen der Internetblase verpasst.
43 Jahre gibt es Bechtle. Da bleibt es nicht aus, dass mit dem Ausscheiden sehr verdienter, langjähriger Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen immer wieder auch personell eine Ära zu Ende geht. Freitag vergangener Woche war es so weit. Bechtle verabschiedete Stefan Sagowski. 26 Jahre arbeitete er für das Unternehmen, war Bereichsvorstand Finanzen und leitete von Gaildorf aus das zentrale Finanzwesen der europäischen Systemhaus-Gruppe mit seinen über 100 Gesellschaften. Gaildorf ist die Keimzelle von Bechtle, wo Firmengründer Gerhard Schick wohnte und in seinem Privathaus täglich die Abschlüsse der Systemhäuser unter die Lupe nahm.
Er holte Sagowski Ende 1999 für eine ganz besondere Mission an Bord: Der Diplomökonom und Steuerberater sollte Bechtle in kürzester Zeit börsenreif machen und auf das Parkett der Frankfurter Börse bringen. Was Schick, der quartalsgetriebene Denke des Kapitalmarktes eigentlich hasste, besonders ärgerte: Erzfeind Cancom war im September 1999 das IPO geglückt, Wettbewerber m+s Elektronik hatte seine Erstnotierung schon für Ende Februar 2000 angekündigt. Schick setzte Sagowski unter Zeitdruck.
So sehr, dass dieser von sechs Uhr morgens, bis ein Uhr nachts arbeite und vor der Zulassung zum Börsengang ganze 48 Stunden im Dauereinsatz war. Am Morgen des 30.März 2000 hörten Schick und Sagowski erstmals die Börsenglocke für Bechtle läuten. Mission erfüllt.
Gefeiert wurde damals übrigens nicht. Dazu hatte CEO Gerhard Schick wohl auch deshalb keinen Grund, weil da bereits die Internetblase geplatzt war und die Kurse aller Unternehmen im damaligen Börsensegment Neuer Markt in den Keller sackten.
"Hoher Anspruch an Qualität haben Maßstäbe gesetzt"
Hätte Sagowski nicht rund um die Uhr gearbeitet, den Termin der Erstnotiz hätte Bechtle wohl auf unbestimmte Zeit verschieben müssen. "Mit dem Börsengang im März 2000 hat er eines der prägendsten Kapitel unserer Unternehmensgeschichte von Beginn an ganz maßgeblich mitgestaltet – und Bechtle seither über ein Vierteljahrhundert hinweg in seiner Funktion als Bereichsvorstand Finanzen ganz entscheidend mitgestaltet. Sein außergewöhnlicher Einsatz, seine Verlässlichkeit und sein hoher Anspruch an Qualität haben Maßstäbe gesetzt", verabschiedeten der komplett anwesende Vorstand und viele Beschäftigte Stefan Sagowski nach 26 Jahren Karriere bei Bechtle in den Ruhestand.
Bei seiner Abschiedsrede zitierte der Geehrte einige Leitgedanken aus der "ehrwürdigen Karteikastensammlung von 'gs'", wie Bechtle auf Linkedin schreibt. "gs" steht für Gerhard Schick. Welche das sind, wissen wir nicht.
Wir können nur vermuten: Bodenständigkeit und Pflichtbewusstsein. Am Morgen nach der Bechtles Erstnotiz an der Börse durfte Sagowski nämlich von Frankfurt mit dem Zug wieder "ins Gscheft" fahren.
CRN-Newsletter beziehen und Archiv nutzen - kostenlos: Jetzt bei der CRN Community anmelden